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Kleine Kita - große Probleme - Oder, das Kreuz mit dem Geld

geschrieben von: Redaktion am 03.12.2011, 07:03 Uhr
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In der Albrechtstraße in Tempelhof befindet sich ein wundervoller Ort für Kinder und Jugendliche auf einem Grundstück, die Kindertagesstätte Albrechtstraße 106 und die Jugendfreizeiteinrichtung „Café Albrecht". Träger der Einrichtungen ist die Evangelische Kirchengemeinde Alt-Tempelhof. Das „Café Albrecht" ist wegen seiner Jugendarbeit, insbesondere mit jungen Musikbands, berühmt und die Kita ist so nachgefragt, dass immer wieder Eltern und Kinder abgelehnt werden müssen. Die gesamte Region ist auf Kitaplätze angewiesen!
Nun entscheidet der Gemeindekirchenrat, dass das Grundstück verkauft und nach Ausweichquartieren im Gemeindehaus gesucht werden soll. Der Standort insgesamt soll also aufgegeben werden. Wer das Gemeindehaus, ein unter Denkmalschutz stehendes Gebäude, kennt, der weiß, dass hier wenig Platz für Kinder oder Jugendliche vorhanden ist. Dieses Gebäude ist stark sanierungsbedürftig und muss behindertengerecht umgestaltet werden, selbst ein zweiter Fluchtweg ist nicht vorhanden. Insgesamt wirklich sehr aufwändig.

Warum wird ein in der Region gut eingebundener Jugendhilfestandort aufgegeben? Diese Frage muss zu Recht gestellt werden. Es soll, so ist dem Jugendamt zugetragen worden, einen Beschluss oder eine Entscheidung der Superintendentin, Frau Böhm, geben, dass sich die Gemeinde von 50 % ihrer Grundstücke trennen soll. Dieses Rasenmäherprinzip ist in der öffentlichen Verwaltung ja auch hinlänglich bekannt. Doch es muss hier erlaubt sein zu fragen, warum gerade dieser Standort? Warum ein Standort, der sich finanziell selbst trägt? Die Kita ist ausfinanziert, die Jugendeinrichtung ebenso.

Das Grundstück soll an ein Immobilienunternehmen verkauft werden. Aha! Es geht also doch eher ums Geld. Ja, es ist ein kleines Filetstück dort in der Albrechtstraße! Ja, es wird viel Geld dafür bezahlt werden - und vielleicht sollen dort auch keine Kinder mehr betreut werden? Weil eventuell mit der Vermietung von Wohnungen oder Seniorenappartements mehr Geld eingenommen wird? Natürlich lässt sich mit den daraus erzielten Einnahmen das alte Gemeindehaus trefflich sanieren. Damit wären zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Die Unterhaltung der Kita und des Jugendfreizeitheimes wären keine Last mehr und die Sanierung des Gemeindehauses wäre auch gesichert.

Diese Vorgehensweise ist weder christlich noch gesellschaftspolitisch vertretbar. Es werden dringend Kitaplätze in dieser Stadt und in dieser Region gesucht. Warum findet sich kein Träger der die Einrichtung übernehmen will? Selbst die Treberhilfe hat einen neuen Träger gefunden und noch dazu einen evangelischen! Ist hier wirklich ausreichend gesucht worden? Oder wollte man vielleicht gar keinen Träger finden, der die Kita weiter betreibt? War die Suche ein Alibi, um das Gewissen der Gemeinde und der Kirchenvertreter zu beruhigen? Der Begriff „scheinheilig“ wird plötzlich zur bitteren Realität.

Gibt es noch eine Chance für die Kita und das Jugendfreizeitheim? Ich glaube ja! Vielleicht werden Träger auf dieses Filetstück der Jugendhilfe und nicht auf das Filetstück der Immobilienbranche aufmerksam. Vielleicht gibt es doch noch verantwortungsvolle, sozial engagierte und familienorientierte Träger, Menschen oder Verantwortliche, die sehen und erkennen, wie hier gerade zu Lasten der Kinder und ihrer Familien ein Jugendhilfeangebot abgewickelt und versilbert wird.

Noch ein Wort zur Zusammenarbeit mit dem öffentlichen Jugendhilfeträger der Region, dem Jugendamt Tempelhof-Schöneberg. Warum wurde es nicht eingebunden in Planung und Strategie? Warum hat man das örtlich und planungsrechtlich verantwortliche Jugendamt nicht gefragt, ob es Lösungen oder Alternativen gibt? Warum wurde die Region nicht in die Überlegungen eingebunden? Wenn es in der Jugendarbeit um finanzielle Leistungen des Jugendamtes geht, ist die Gemeinde sehr wohl in der Lage zu kooperieren. Immerhin wird die Jugendarbeit auch mit Mitteln des Jugendamtes finanziert, der Weg sollte also bekannt sein.

Ich hoffe ganz aufrichtig, dass die Gemeinde zur Besinnung kommt und versucht nach Lösungen zur Erhaltung der Kita zu suchen. Ich hoffe sehr, dass sich die Gemeinde auf christliche Werte besinnt. Ich hoffe sehr, dass es noch einen Weg zurück gibt. Die Kita am Standort Albrechtstraße aufzugeben ist das falsche Signal und der falsche Weg.

Ich habe Herrn Bischof Dr. Dröge angeschrieben und ihn gebeten, sich der Angelegenheit anzunehmen. Noch hat er nicht geantwortet, aber ich bin voller Hoffnung. Vielleicht gibt es aber auch Träger im Bezirk, die Möglichkeiten sehen. Vielleicht sieht ja auch die Diakonie eine Möglichkeit. Wer auch immer – eine Chance, auch wenn es eine „neue Chance“ ist, sollte es auch für diese Kita und die Jugendfreizeiteinrichtung geben.

„Lasset die Kindlein zu mir kommen, hindert sie nicht ……….“ Lukas 18,16, vielleicht erinnert sich einer daran was in der Bibel steht.

Wolfgang Mohns
Jugendamtsleiter
Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg


Brief an den Bischof


Sehr geehrter Herr Bischof Dr. Dröge,

heute muss ich mich in einer Angelegenheit an Sie wenden, die zwar nur die Gemeinde Alt-Tempelhof betrifft, in der Wirkung aber leider den gesamten Bezirk Tempelhof-Schöneberg und eventuell auch die gesamte Stadt. Die Gemeinde Alt-Tempelhof betreibt in der Albrechtstraße 106 eine Kindertagesstätte und eine Jugendfreizeitenrichtung. Die Kindertagesstätte wird mit Mitteln des Landes Berlin über Kitagutscheine und die Jugendfreizeitenrichtung mit Mitteln der Gemeinde, des bezirklichen Jugendamtes sowie eines Fördervereines betrieben. Beide Einrichtungen sind jetzt in Gefahr, weil die Gemeinde beschlossen hat, das Grundstück zu verkaufen und von dem Erlös andere Gebäude zu sanieren.

Die Jugendfreizeiteinrichtung, die überbezirkliche, kulturelle Angebote (insbesondere die Band-Arbeit) vorhält, soll mit erheblichen räumlichen Einbußen in das, für Jugendangebote völlig ungeeignete, Gemeindehaus umziehen und wenn am Ende noch Platz ist, darf auch ein Teil der Kita dort Unterschlupf finden. Nach meinen Gebäudekenntnissen ist die Einpassung in das denkmalgeschützte Gemeindehaus, wenn überhaupt, nur mit erheblichem finanziellen Aufwand möglich. Der Vorgang insgesamt ist hochgradig skandalös und wird dem Ansehen der Kirche erheblichen Schaden zufügen.

Warum wendet sich nun ein Jugendamtsleiter an Sie? Das Jugendamt ist zur Gewährleistung eines ausreichenden Angebotes von Kitaplätzen verpflichtet. Dazu arbeitet es mit allen Trägern der freien Jugendhilfe zusammen. Leider fand diese Zusammenarbeit hier nicht einmal andeutungsweise statt. Nie wurde das bezirkliche Jugendamt in die Planungen der Gemeinde bezüglich der Zukunft der Kita eingebunden. Über die Schließung der Kita wurden wir nur zufällig unterrichtet. Eltern und politische Parteien im Bezirk sind empört über dieses Verhalten und die getroffene Entscheidung. Ich denke, nur Sie, als oberster kirchlicher Würdenträger, haben hier noch die Möglichkeit einzuwirken.

Die Kita hätte in der Vergangenheit ohne Probleme saniert werden können. Es gab UEP-Mittel, das Konjunktur-Programm und nicht zuletzt die Mittel zum Ausbau der Kindertagesbetreuung. Nichts davon ist verwendet worden. Stattdessen wird das Grundstück der Kita verkauft, um den Erlös für Sanierungen zu verwenden. Das versteht niemand.

Welche sozialpolitische Dimension hat diese Angelegenheit? In einer Zeit, in der in allen Bezirken händeringend nach neuen Standorten für die Errichtung neuer Einrichtungen gesucht wird, wird hier eine Kita wegen eines Grundstückgeschäftes aufgegeben. Die berechtigten Interessen der Eltern auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf bleiben auf der Strecke. Leidtragende werden wieder einmal die Familien mit Kindern sein.

Welche bildungspolitische Dimension hat diese Angelegenheit? Es ist noch nicht lange her, da hat sich die Kirche Sorgen um die Wertevermittlung in den Schulen gemacht. Es wurden Mittel in erheblichen Umfang für die Kampagne „ProReli“ aufgewendet, für die christliche Wertevermittlung in der Schule. Nun wird eine vorschulische Bildungseinrichtung aufgegeben und keiner der Verantwortlichen erhebt seine Stimme. Dürfen die Kindlein nicht mehr zu Ihnen kommen? Dürfen sie nicht mehr an der frühkindlichen Wertevermittlung teilhaben?

Welche betriebswirtschaftliche Dimension hat diese Angelegenheit? Die Gemeinde hat die Johanniter prüfen lassen. Dort wurde ein kalkulatorisches Minus von 78.000 € errechnet. Ein Träger, der nicht eine Kita in Berlin betreibt. Ein Träger, der offenkundig gar kein Interesse daran hat, bildungs- oder sozialpolitisch Verantwortung zu übernehmen. Keiner in Berlin würde behaupten, Kitas seien auskömmlich finanziert, aber ein Minus in der Höhe, wer bitteschön hat da nur gerechnet? Ich kann mich hier in der Kitalandschaft an finanzielle Schwierigkeiten einzelner Träger sehr wohl erinnern, aber dass eine Kita deswegen schließen muss, das ist neu.

Ich bitte Sie ganz eindringlich, sich der Angelegenheit anzunehmen. Ich bin auch jederzeit zu Gesprächen bereit, zur Einbeziehung anderer Träger und natürlich auch zum Überdenken der Kalkulation. Völlig unannehmbar scheint jedoch für mich, dass hier eine Kita finanziellen Interessen und Fehlkalkulationen geopfert wird.

Zwei Nachbemerkungen: Bitte sehen Sie mir meine vielleicht etwas überspitzten Formulierungen nach, das ist meiner moralischen Entrüstung zuzuschreiben. Weiterhin werde ich dieses Schreiben den Gremien im Bezirk bekannt geben, weil diese bereits mit der Angelegenheit befasst sind.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Mohns
Jugendamtsleiter



  
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