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Es stinkt

geschrieben von: Redaktion am 25.02.2012, 07:29 Uhr
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Der Pförtner im Rathaus Friedenau, Christoph Müller, traute am Morgen des 7. Februar seinen Augen nicht, als er um 5.20 Uhr seinen Dienst antrat. Es war wie auf der Titanic, von überall her strömte Wasser ein. Einbrecher hatten nicht nur versucht, in seine Pförtnerloge einzubrechen. Der Glasschaden ist derzeit das geringste Problem im Rathaus. Vielmehr hatten die ungebetenen Gäste in allen Etagen des Verwaltungsgebäudes die Hydranten aufgedreht und Wasser marsch gemacht. Wie lange das Wasser ungehindert von Decke zu Decke von Fußboden zu Fußboden durchsickern konnte, weiß man nicht. Auf jeden Fall dürften es mehrere Stunden gewesen sein.
Auf den ersten Blick sieht alles wie ein ganz gewöhnlicher Einbruch aus: Pförtnerloge beschädigt und ein Münzkopierer aufgebrochen und ausgeraubt. Versuche, in Büroräume einzubrechen, gab es nicht. Ob man für das, was an Technik in diesem Rathaus herumsteht, Geld hätte machen können, darf bezweifelt werden. Was blieb also: Vandalismus. Ein dummer Jungenstreich? Das glaube ich nicht. Ohne Verschwörungstheorien aufmachen zu wollen, sieht für mich der Vorgang mehr nach einem sorgfältig geplanten Racheakt aus. Im Rathaus Friedenau befindet sich die Zentrale des Jugendamtes des Bezirks Tempelhof-Schöneberg. Und das Jugendamt kann nicht immer alle Wünsche so erfüllen, wie sich das die Antragsteller erhoffen.

Sorgfältig wurden in allen Etagen die langen Schläuche ausgerollt und über die Flure gelegt. Und dann wurden die Wasserhähne aufgedreht. Zwei Wo-chen lang musste das Rathaus geschlossen bleiben, jetzt finden wieder die Sprechstunden statt. Wenn man das Rathaus betritt, kommt einem dieser ekelhafte Modergeruch entgegen. Es stinkt auf allen Etagen. Vor allem für die Beschäftigten ist das eine Zumutung. Bautrockner brummen vor sich hin und ziehen mühselig das Wasser aus den Wänden.

Ein Drittel der Räume sind vom Wasserschaden betroffen, darunter einige so schwer, dass es Monate dauern wird, sie wieder herzurichten. In Mitleidenschaft wurde auch der unter Denkmalschutz stehende Schlesiensaal gezogen. Der dort beheimatete Tanzclub und ein Kindertheater haben das Nachsehen. Auch der traditionelle Friedenau-Ball der SPD, der für den 17. März geplant war, muss ausfallen.

Der Schaden geht in die hohen Hunderttausende. Wer kommt dafür auf? Von den Einbrechern fehlt jede Spur, und selbst man ihrer habhaft würde, ist es zweifelhaft, ob sie den Schaden bezahlen könnten. Teure Versicherungsprämien zahlt das Land Berlin schon lange nicht mehr. Es ist unter dem Strich offenbar preiswerter, Schadensfälle zu begleichen, als Versicherungen reich zu machen. Dass letztlich alles zu Lasten der Steuerzahler geht, versteht sich von selbst. Zuerst muss aber der Bezirk zahlen, und zwar aus den ohnehin knappen Mitteln für die bauliche Unterhaltung.

Baustadtrat Daniel Krüger (CDU) ist zuversichtlich, dass der Finanzsenator einspringt und die Kosten erstattet. Der Bezirk muss aber erst einmal in Vorleistung gehen und das bedeutet auch, dass andere Maßnahmen in öffentlichen Gebäuden warten müssen.

Nicht nur das Rathaus Friedenau stinkt mächtig zum Himmel, sondern vor allem der Umgang des Landes Berlin mit seinen Immobilien. Berlin lässt seine Gebäude systematisch verkommen. Früher gab es fest angestellte Reinigungskräfte, die dafür sorgten, dass die Dienststellen ordentlich aussahen. Heute beschäftigt man Reinigungsfirmen mit einem derart geringen Zeitrahmen, dass es täglich gerade dazu reicht, die Papierkörbe in den Büros zu leeren. Einmal die Woche, wenn es zeitlich passt, wird gewischt. Und das in einer Jahreszeit, in der zwangsläufig Dreck in die Flure und Büros getragen wird.

Zurück zum Einbruch in das Rathaus Friedenau. Warum ist die Alarmanlage nicht ausgelöst worden? Vielleicht gibt es keine? Warum wurde das Haus von keinem Pförtner bewacht? Es gibt keinen. Zwischen 20 Uhr abends und 6 Uhr früh, und am Wochenende, ist die Pförtnerloge unbesetzt. Wenn man einen Schaden von rund einer Million zugrunde legt und mit allen Nebenkosten 20 Euro für eine Pförtnerstunde anlegt, was sicherlich hoch gegriffen ist, könnte man einen Mitarbeiter 568 Wochen, also fast elf Jahre, beschäftigen. Das wären ein Arbeitsloser weniger und ein sichereres Rathaus. Aber, das Land Berlin rechnet anders, nicht wie eine schwäbische Hausfrau, sondern wie ein Milchmädchen. Vor allem aber gibt es ein Motto: Zuversicht, dass nichts passiert. Irgendein Senator soll einmal gesagt haben, dass Beamte stinken. In Wahrheit stinken jedoch die Dienstgebäude. Vor allem aber stinkt das System, das wertvolle, teilweise unter Denkmalschutz stehende Gebäude, gnadenlos verkommen lässt.

Ed Koch

  
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