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Ein guter Mensch

geschrieben von: Redaktion am 10.03.2012, 11:08 Uhr
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Wenn eine Veranstaltungsreihe regelmäßig neue Projekte hervorbringt, besteht die Gefahr einer gewissen routinemäßigen Gewöhnung. Dabei verliert man die besondere Wertschätzung, die jedes einzelne Vorhaben verdient, leicht aus den Augen. Deshalb ist es wichtig, die Ereignisse durchzunummerieren. Und eine besondere Zahl bietet dann den Anlass, auf das Geleistete mit Respekt und Anerkennung zurückzublicken.
Die Gustav-Heinemann-Schule hat ein großes Problem. Sie muss immer wieder ihrem guten Ruf gerecht werden und darf nie müde werden, neue Projekte zu kreieren. Das ist nicht einfach. Von Anfang an war und ist sie mehr als nur eine Gesamtschule, auch wenn sie sich heute „Sekundarschule mit gymnasialer Oberstufe“ nennen muss. Dem langjährigen Schulleiter Karl Pentzliehn ist es immer wieder gelungen, prominente Zeitgenossen aus Politik und Kultur in sein Haus zu bringen. Die Schulklassengespräche wurden regelmäßig im RIAS übertragen. Aufbau und Pflege von internationalen Kontakten, ist ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit. Japanisch wurde in Berlin zuerst an der GHO unterrichtet. Und natürlich empfing man Besuch aus Japan und reiste dorthin.

Ein weiteres Schmuckstück im Katalog der Marienfelder Schule, deren Originalgebäude dem Asbest zum Opfer fiel, und deren Ersatzbau kurz vor der Grenze zu Brandenburg liegt, ist das Theaterspielen. Von 1984 bis heute fanden 50 Inszenierungen statt. Von „Biedermann und die Brandstifter“ über „Die Physiker“, den „Jagdszenen aus Niederbayern“, „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“, „Die zwölf Geschworenen“, bis hin zu Brechts „Der gute Menschen von Sezuan“, um nur einige der bekanntesten Werke zu nennen. Natürlich gab es auch Kabarett und andere heitere Unterhaltung.

In Anwesenheit des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD), früherer Schulleiter und Schulräte und natürlich Eltern, Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler gelangte die 50ste Inszenierung auf die Bühne. 46 Theaterbegeisterte Menschen auf, vor und hinter der Bühne sind im Programmheft aufgelistet. Und was diese in dem knapp zweistündigen Stück vollbringen, verdient höchstes Lob und Anerkennung. Die Professionalität der jungen Künstler ist fast schon erschreckend. Textsicher absolvieren sie die oft komplizierten Dialoge und brillieren mit großartiger Mimik und Gestik. Brecht? „Der gute Menschen von Sezuan“? Freitagabend nach einer langen Arbeitswoche! Hoffentlich nicke ich nicht ein, war meine größte Sorge. Diese stieg noch an, als man mich in die erste Reihe platzierte, in der man nun wirklich keine Konditionsschwäche zeigen darf. Die Sorgen waren völlig unbegründet. Selbst als die Luft im Saal immer dicker wurde, schaute ich gebannt auf das spannende Geschehen auf der Bühne, und zwar hellwach. Nur das minimalistische Bühnenbild aus hinlänglich bekannten Schulmöbeln erinnerte daran, dass man sich in einer Bildungseinrichtung befand. „Gut zu sein bedarf es wenig?“ titelte das Stück nach Brechts gutem Menschen von Sezuan. Das Fragezeichen ist berechtigt. Denn es bedarf sehr viel, gut zu sein. Die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler der aktuellen Abi-Klassen haben es bewiesen. Im Stück geht es um den ewigen Konflikt zwischen Gut und Böse. Beide kommen ohneeinander nicht aus. „Kann man gut sein und gleichzeitig menschenwürdig leben?“ Diese Frage stellte sich Bertold Brecht in seinem 1943 in Zürich uraufgeführten Stück. Mitreißend wurde die Kernfrage inszeniert und dargestellt.

Die Dialoge waren teilweise deftig, so wie man sie auch auf Schulhöfen mithören kann. Schließlich ist Brechts Heldin eine Prostituierte, die von drei Göttern als gut eingestuft wurde. Und in dem Milieu ist die Sprache oft nicht stubenrein. Eine kleine Hip-Hop-Einlage, vorgetragen vom, wertet man die Begeisterung der weiblichen Gäste richtig, sexiest Schüler der GHO, sorgte für Stimmung im Saal. Die gut gebauten Jungs durften auch mal ihr T-Shirt ausziehen und zeigen, dass sie auch im Sportunterricht etwas drauf haben, und die Reize der jungen Damen wurden auch nicht versteckt. Zwei von ihnen, die Prostituierte darzustellen hatten, schlenderten zwischen erster Reihe und dem Bühnenrand hin und her und es kam, wie es kommen musste, eine setzte sich mit den Worten „Na Süßer, was machst Du denn hier?“ auf den Schoß von Klaus Wowereit, der solche Situationen allerdings grandios meistert.

Insgesamt gesehen, ein hervorragender Abend, der – ich wiederhole mich – große Anerkennung verdient. Nach dem Stück, dem Jubiläum angemessen, gab es noch ein paar Reden, vom Schulleiter Carsten Hintze, von Klaus Wowereit und von Karl Pentzliehn. Auch diese zollten den Machern des Stückes großen Respekt. Abgeschlossen wurde die Jubiläumsinszenierung mit einem Feuerwerk auf dem Schulhof. Anmerkung: gut gefallen hat mir, dass in einer Zeit, in der es um Schnäppchen und Einladungen hier und da geht, man zwar seine Ehrenkarten für die Veranstaltung vorher telefonisch reservieren lassen konnte, sie aber bei der Entgegennahme bezahlen musste. Sechs Euro sind ein äußerst fairer Preis, ich hätte auch mehr bezahlt.

Nicht nur, aber auch die 50ste Inszenierung wurde an diesem Abend gefeiert, auch das Feuerwerk war ein Highlight des Abends, aber, es gab noch etwas anderes, was einer ausführlichen Würdigung bedarf. Jürgen Müller. Wer ist Jürgen Müller? Karl Pentzliehn hat uns dazu einen Text geschickt, den wir gern – in leicht überarbeiteter Form - veröffentlichen möchten. Teile dieses Textes hat Karl Pentzliehn bei der Veranstaltung vorgetragen.

Jürgen Müller absolvierte von 1983 bis 1985 seine Ausbildung zum Lehrer mit einem Wahlfach (Deutsch) an der GHO. Nach dem zweiten Staatsexamen arbeitete er wegen eines Einstellungsstopps zunächst als Animateur für ein Reiseunternehmen in Spanien. Da er aber bereits während seiner Ausbildung durch Kompetenz, Kreativität und besonderes Engagement aufgefallen war – u.a. inszenierte er mit der von ihm geleiteten Arbeitsgemeinschaft drei Theaterstücke und präsentierte aus Anlass eines Schuljubiläums zudem ein Kabarett – setzte der damalige Volksbildungsstadtrat von Tempelhof, Klaus Wowereit, nach einer Unterschriftenaktion von Schülerinnen und Schülern im Jahre 1986, gegen Widerstände des Personalrats seine Einstellung durch.

Seit dem ist Jürgen Müller durchgehend an der Heinemann-Gesamtschule beschäftigt. Er unterrichtet Deutsch und Englisch, sein Markenzeichen aber ist das Fach Darstellendes Spiel geworden. Hier hat er einen eigenen Fachbereich aufgebaut und im Jahre 1991 auch die amtliche Lehrbefähigung erworben. Mit jahrgangsübergreifenden Arbeitsgemeinschaften, mit Wahlpflicht- und Oberstufenkursen hat "Theater-Müller" jetzt 50 Stücke auf die Bühne gebracht und der Schule zu einem Profil verholfen, das sie vielleicht auch als Heimstatt des Theaters ausweist. Drei weitere Stücke von ihm sind übrigens bereits für 2012 und 2013 fest terminiert.

Dabei ist Jürgen Müllers eigener Spielplan breit angelegt, reicht vom Drama über das Lustspiel bis zum Kabarett, zum Theatersport und zum Krimidinner. Einige Aufführungen haben kraft ihrer künstlerischen Qualität und wohl auch wegen ihrer politischen Implikationen den Weg aus der Schule heraus - ja weit über Berlin hinaus - gefunden. Hier ist zuvörderst „Das Tagebuch der Anne Frank" zu nennen. Es wurde im Berliner Centrum Judaikum, aber eben auch in Bonn, Magdeburg und vor allem in Posen gezeigt.

Die Aufführung im dortigen, vollbesetzten Teatr Polski - vermittelt durch die Posener Partner-schule - wird Augenzeugen unvergesslich bleiben. Ein ohnehin hoch sensibles Publikum, das zudem durch eine gemeinsame Ausstellung beider Schulen unter dem Titel „Deutsche und Polen, verwandter als manchem gefällt" an die leidvolle Geschichte beider Völker erinnert worden war, folgte der Aufführung atemlos, schien am Ende ergriffen und verstört, löste sich nach minutenlangem Schweigen mit Tränen aus seiner Erstarrung.

Einzelne Besucher gaben sich damals als Posener Juden zu erkennen, artikulierten Überraschung, dass eine deutsche Schule ein solches Stück aufführe und deuteten an, dass Antisemitismus in Polen lange tabuisiert worden sei und in Teilen vielleicht noch immer der Aufarbeitung bedürfe.

Weit über Posen hinaus führte Jürgen Müller eine andere Inszenierung. Nachdem Schüler und Lehrer der Partnerschule in Sydney, Australien, diverse Aufführungen von ihm in Berlin erlebt hatten, wurde er vom Leiter der SCECGS-Redlands-School eingeladen, seine meisterhafte Berliner Präsentation des „Arturo Ui" auch mit australischen Schülern einzustudieren und in Sydney vorzustellen. Im Rahmen eines Lehreraustausches unterrichtete er daraufhin im Jahre 1999 für vier Monate in der australischen Metropole und führte „The Resistible Rise of Arturo Ui" zu einem großen Erfolg.

Der Tagesspiegel berichtet über die Berlinale unter der Überschrift „Unsere Besten" heißen: „Hass, Eidinger, Harfouch, Gedeck - Das deutsche Kino hat inzwischen viele große Stars." Ich erwähne diesen Beitrag nicht, weil Jürgen Müller etwa annähme, er habe Lars Eidinger den Weg zu einer großen Karriere gewiesen; ein bisschen stolz aber sind wir schon, dass Lars jahrelang in Jürgen Müllers Theatertruppe mitgewirkt hat und in der schon erwähnten Inszenierung des Arturo Ui die Hauptrolle spielte.

Lars ist nicht der einzige Schüler, der von Jürgen Müller für die Schauspielerei als Beruf begeistert wurde. Am 9. Januar 2012 hat Der Tagesspiegel Tobias Wollschläger abgebildet, der in diesen Tagen in der „Brotfabrik am Caligariplatz" Michael Klemms Theaterstück „The Joker" inszeniert und dazu die Hauptrolle spielt. Auch Tobias ist bei Jürgen Müller „in die Lehre gegangen". Weitere ehemalige Schüler und Schülerinnen haben sich auf den Weg zur Bühne gemacht.

Weniger sichtbar, vielleicht aber noch gewichtiger ist ein anderes Phänomen. Jürgen Müller gelang es immer wieder, auch Schülerinnen und Schüler auf die Bühne zu bringen, die nach den Beurteilungsmustern der Schule nicht zu den „Leistungsträgern" zählten, die als Spätaussiedler und Migranten mit sprachlichen Defiziten rangen, deren Selbstvertrauen ob ihrer sozialen Herkunft oder körperlicher Benachteiligungen wenig ausgeprägt war, die auch Regeln verletzten und „aneckten". Ihre Verpflichtung auf Textsicherheit, auf die Übernahme und Interpretation ich-fremder Rollen, die Einbindung in das Uhrwerk der zeitintensiven, außerunterrichtlichen Proben-pläne und die wechselseitige, personale Abhängigkeit während der Aufführungen disziplinierten sie; der Mut, auf offener Bühne vor Mitschülern, Lehrern, Eltern und anderen Gästen zu agieren, gar zu tanzen und zu singen, der Beifall, der ihre Leistung belohnte, verliehen ihnen Flügel, stärkten das Selbstwertgefühl und integrierten weit mehr als Ermahnung und Belehrung im Jahrgangsausschuss.

Natürlich ist Jürgen Müllers Arbeit an der Gustav-Heinemann-Gesamtschule eng mit seinen Unterrichtsfächern, vor allem aber mit seiner Theaterarbeit verknüpft, und doch lässt sie sich nicht auf sie beschränken. Er hat immer eine Perspektive gesucht, die über den Marienfelder Kirchturm hinausweist. Er hat Schulpartnerschaften mit Sydney und mit Chiang Mai initiiert und betreut, er hat Konzerte von hundertköpfigen australischen Schulorchestern in Berlin organisiert, hat Klassen- und Kursfahrten nach Malad City (USA) und nach Waikiki (Hawaii) begleitet. Von 1988 bis 2008 hat er jeweils 14 Tage seiner Sommerferien als Sprachreise-Begleiter von 45 bis 90 Heinemann-Schülern in England und Irland verbracht! Und wenn eine Schülerin oder ein Schüler eine solche Fahrt nicht finanzieren konnte, hat Jürgen Müller nach anderen Quellen geforscht und dabei sein eigenes Portemonnaie nicht geschont.

Dass er Außergewöhnliches leistete und dabei gravierender, lang anhaltender, nicht heilbarer Krankheit trotzte, das sei mit Demut hinzugefügt.

Text über Jürgen Müller: Karl Pentzliehn
Einleitender Text: Ed Koch

  
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