Willkommen bei PaperPress Jugendpolitischer Pressedienst
suchen  
Hauptmenü  

Online  
Es sind 29 Besucher und 0 _MEMBER0 online..

Anmeldung

Sprachen  
Sprache auswählen:


  

East Side Disney Land

geschrieben von: Redaktion am 28.03.2013, 15:00 Uhr
paperpress613 
Mein Freund Tobi hat mich gefragt, warum es bisher keinen Newsletter zum Thema „East Side Gallery“ gab. Ehrlich gesagt, weil mich das Thema ankotzt. Inzwischen hat sich aber so viel Zorn in mir aufgestaut, dass der vor Ostern noch aufs Papier muss.
Hauptstädte in aller Welt sind gespickt mit Gedenkorten, Mahnmalen, Statuen von wichtigen und weniger wichtigen Persönlichkeiten, und alle legen sie Zeugnis ab über verlorene oder gewonnene Kriege, Gräueltaten aus allen möglichen Gründen an allen möglichen Menschen, oder sie stehen für die Selbsterkenntnis, wie toll doch die jeweilige Stadt ist. Berlin macht da keine Ausnahme. Es würde Seiten füllen, alle wichtigen Orte in der Stadt aufzulisten, die an irgendetwas erinnern sollen. Und die Touristen kommen mit ihren Checklisten, haken ein geschichtliches Ereignis nach dem anderen ab, lassen sich fotografieren und berichten stolz der Verwandtschaft zu Hause, was sie alles erlebt haben.

Dass man gerade in Berlin der Zeit gedenken sollte, als fast diagonal durch die Stadt eine Mauer stand, was heißt eine, zwei hintereinander, dazwischen Panzersperren, Wachtürme und freies Schussfeld, damit niemand den Antifaschistischen Schutzwall in die falsche Richtung überwinden konnte, ist unbestritten. Und von der Schusswaffe wurde reichlich Gebrauch gemacht, über die Zahl der Opfer gibt es unterschiedliche Angaben, mindestens 136 werden es gewesen sein.

Wenn mir jetzt jemand erzählen will, dass diese Opfer verhöhnt werden, weil zwischen Mauerrest und Spree gebaut werden soll und deshalb ein paar Segmente weichen müssen, wird mir richtig schlecht. Das Gedenken an die Toten spielt sich im Kopf ab und nicht in einem künstlich erzeugten Disneyland für Touristen. Es gibt beeindruckende Mahnmale, die an die Berliner Mauer erinnern, das einzig beeindruckende an der so genannten East Side Gallery ist die Länge von über 1.300 m. Es ist eine große Tat, dass 118 Künstler aus 21 Ländern die Mauersegmente bemalt haben. Große Kunst, keine Frage. Bloß, was hat das mit dem Gedenken an die Mauertoten zu tun? Die Grenze zwischen Ost und West-Berlin bildete die Spree. Die bemalten Reste sind die von der zweiten, der so genannten Hinterlandmauer. Die Mauer wurde an vielen Stellen in der Stadt von West-Berliner Seite aus bemalt. Die East Side Gallery wurde völlig unhistorisch von der Ostseite mit Gemälden versehen, vermutlich, damit die vorbeifahrenden Autos sie besser sehen können.

Nein, die East Side Gallery ist kein Mahnmal, keine Gedenkstätte, sondern eine bunte Aneinanderreihung von Nachmauerzeitengemälden. An einer erstzunehmenden Gedenkstätte unterstreicht man nicht noch das Disney-Land-Feeling durch den Auftritt eines amerikanischen Bademeisters, der als Knight Rider bösen Menschen Angst einjagt. Verdient gemacht hätte sich Mr. Hasselhoff, wenn sein Superauto als Fluchtfahrzeug zwischen 1961 und 1989 eingesetzt worden wäre.

Der ganze Vorgang um die ESG zeigt aber vielmehr die gesellschaftlichen Abläufe in einer immer investorenfeindlicheren Stadt. Da kauft jemand ganz legal und für gutes Geld ein Grundstück. Er reicht Baupläne ein und erhält Genehmigungen, unterschrieben höchst persönlich vom Bezirksbürgermeister, der wohl traurigsten Gestalt, die je in Kreuzberg Verantwortung trug. Die Teilabrissgenehmigung musste Dr. Schulz sozusagen unter Zwang unterschreiben. Hätte er dem Bauherrn das nicht genehmigt, hätte sein Bezirk den Abriss für eine Zufahrt zur Baustelle selbst bezahlen müssen. Diesen gequirlten Blödsinn darf der Mann auch noch in die Fernsehkameras erzählen.

Es ist immer das gleiche. Grundstücke werden verkauft. Es gibt Flächennutzungspläne. Ein In-vestor will das auf seinem Grundstück bauen, was erlaubt ist. Der Bezirk stellt die Baugenehmigung aus. Und dann geht’s los. Fast zeitgleich mit dem Anrollen der Bagger, wachen die Berufsbetroffenen auf, die überall dort auftauchen, wo der Hauch von Protestmöglichkeiten über der Baustelle schwebt. Und die Journalisten sind sofort vor Ort, berichten live, Tag und Nacht. Und wenn so ein kleiner Bezirksfürst merkt, was er angerichtet hat, schiebt er die Schuld auf den Senat. Letztlich ist dann mal wieder Klaus Wowereit der Buhmann. Jeden Quatsch soll er zur Chefsache erklären, weil die Bezirke nichts peilen. Schafft sie bloß ab, diese Bezirke, dann ersparen wir uns wenigstens diese ewigen gegenseitigen Schuldzuweisungen von Bezirk zu Senat und umgekehrt.

Wenn ich vermögend wäre, würde ich mir in Berlin ein Grundstück nach dem anderen kaufen, Baupläne einreichen, Bagger losschicken und auf die Profiprotestierer hoffen. Natürlich hätte ich nie die Absicht, tatsächlich etwas zu bauen. Ich warte einfach bis alles zusammenbricht und mache Schadensersatzansprüche geltend. Eine Rendite würde mich erwarten, wie sie kein Russe auf Zypern jemals einsacken konnte.

Bei wikipedia lese ich, dass die ESG 1991 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Das verstehe ich nun gar nicht, warum in ein Denkmal geschütztes Bauwerk Löcher geschlagen werden dürfen. Franz Schulz wird es wissen, oder vermutlich nicht. Der würde selbst den Abriss seines Rathauses unterschreiben, so lange er die Abrissbirne nicht selbst bezahlen muss. Vielleicht gründe ich die Initiative: Reißt die East Side Gallery ab – Freie Sicht auf die Spree!

Nach Ostern werde ich erfahren, ob mein Freund Tobi jetzt enttäuscht ist. Mir ist die East Side Gallery scheiß egal. Nicht egal ist mir allerdings, ob Investoren in die Stadt kommen, um hier etwas zu bewegen. Wenn alle vergrault werden, wird eines Tages der Länderfinanzausgleich nicht mehr ausreichen und dann muss man dem christ-sozialen bayerischen Finanzminister Markus Söder – „Seit heute Morgen um neun Uhr wird geklagt" – antworten: „Ab 9.45 Uhr wird zurückgeklagt“.

Ed Koch

  
Anmeldung  




 


Registrierung

Impressum  
p a p e r p r e s s
Ed Koch (Herausgeber und verantwortlich für den Inhalt)
Träger: Paper Press Verein für gemeinnützige Pressearbeit in Berlin e.V.
Vorstand: Ed Koch - Mathias Kraft
Postfach 42 40 03
12082 Berlin
Email: paperpress[at]berlin.de
PDF-Newsletter-Archiv:
www.paperpress-newsletter.de

Diese WebSite wurde mit PostNuke CMS erstellt - PostNuke ist als freie Software unter der GNU/GPL Lizenz erh�ltlich.