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Erinnerungen an den Besuch John F. Kennedys in Berlin

geschrieben von: Redaktion am 26.06.2013, 07:21 Uhr
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Bis auf die genauen Hintergründe des Attentats auf John F. Kennedy am 22. November 1963 in Dallas, ist über den 35sten Präsidenten der USA eigentlich alles bekannt. Vor allem sein siebeneinhalbstündiger Besuch am 26. Juni 1963 ist minutiös dokumentiert. Zu diesem Berlin-Besuch ist also alles gesagt, aber eben noch nicht von jedem. So auch nicht von mir. Ich lasse Sie also daran teilhaben, wie ich den Tag in Erinnerung habe, immerhin haben sich dafür auch die Berliner Morgenpost, der Berliner Rundfunk, der Focus und Associated Press interessiert. Das hätte ich wirklich nie gedacht, einmal als Zeitzeuge auftreten zu dürfen. Nun, mit 64 Jahren ist es auch an der Zeit…

Zuerst räumen wir mal mit einer immer wieder gern verbreiteten Unrichtigkeit auf. Kennedy hat nicht vom Balkon des Rathauses Schöneberg gesprochen, sondern von einer davor aufgebauten Tribüne. In dem hinter dem Balkon befindlichen Besprechungsraum, der heute seinen Namen trägt, hat er sich ebenso wenig aufgehalten wie in den Kennedy-Stuben am Rathaus-Eck der Freiherr-vom-Stein-Straße. Mit Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt war er kurz vor seiner Rede in dessen Büro und übte mit dem amerikanischen Direktor von RIAS-Berlin, Robert H. Lochner, den berühmten Satz…

Lochner war während der Deutschlandsreise Kennedys auch als Dolmetscher für den Präsidenten tätig. In dem Nebenzimmer von Brandts Büro, das später Hans-Jochen Vogel als Nachtquartier während seiner kurzen, aber intensiven Zeit (23.1.-11.6.1981) als Regierenden Bürgermeister nutzte, zog sich Kennedy ein frisches Hemd an (schließlich war er schon drei Stunden in der Stadt unterwegs), während Konrad Adenauer an Brandts Schreibtisch amüsiert das Neue Deutschland las. Eigentlich stand dort nie etwas Komisches drin, aber Rheinländer haben ja eine besondere Art von Humor. Bis 1991 diente das Büro den Regierenden Bürgermeistern als Amtszimmer. Eberhard Diepgen war der letzte Regierende Bürgermeister im Rathaus Schöneberg, dann durften wieder die Bezirksbürgermeister in den repräsentativen Raum einziehen. Der erste Bezirksbürgermeister von Schöneberg im vereinten Berlin in diesem Raum war der Sozialdemokrat Michael Barthel.

Der 26. Juni 1963 war anders als 2013 ein sonniger Tag. Natürlich gab es schulfrei. Ich wohnte damals in Fridenau, direkt gegenüber vom Rathaus. Die große Turmuhr war von meinem Zimmer aus gut zu sehen. Und im Gegensatz zu heute, ging sie früher immer genau. Ich hatte mich auf den Tag gut vorbereitet. Mein kleines Transistorradio, mit frischen Batterien versorgt, stand bereit. Und ein Klappstuhl (ohne Lehne), den ich mir ein paar Tage zuvor für 5 DM gekauft hatte. Ich weiß nicht mehr, wann ich zu Hause los ging. Von der Hauptstraße bis zum Rathaus Schöneberg war es nicht weit. Auf jeden Fall muss es lange vor der Ankunft Kennedys in Berlin gewesen sein. Am Rathaus angekommen, war ich keineswegs der erste. Vor mir standen schon ein paar Reihen mit fröhlichen, gut gelaunten Menschen. Ich klappte meine Sitzgelegenheit auf, ließ mich nieder und schaltete das Radio ein.

Über die Kopfhörer vernahm ich die vertraute Stimme von Jürgen Graf, dem RIAS-Mann der ersten Stunde. In seinem Übertragungswagen fuhr er in der Kolonne und berichtete live von jeder Station. Als Kennedy in Berlin um 9.45 Uhr in Tegel ankam, verkündete ich die gute Nachricht an die um mich Herumstehenden. Seitdem musste ich in einem Radius von rund fünf Metern immer alle auf dem Laufenden halten.
In den Archiven lesen wir: „Nach der Abnahme der Ehrengarde wurde Kennedy von Bundeskanzler Konrad Adenauer, Berlins Regierendem Bürgermeister Willy Brandt sowie von den französischen und den britischen Kommandanten in Berlin herzlich empfangen. Anschließend setzte sich der Tross zur ersten von insgesamt sechs Stationen in Berlin in Bewegung. In der Kongresshalle hielt der Präsident vor dem sechsten Gewerkschaftskongress der ‚IG Bau Steine Erden’ eine Ansprache und ließ sich anschließend zu zwei der sensibelsten Orte der geteilten Stadt fahren. Am Brandenburger Tor blieb Kennedy der Blick von der Aussichtsplattform in Richtung Osten durch rote Tücher, mit denen das DDR-Regime das Brandenburger Tor verhängt hatte, verwehrt. Beim folgenden Stopp am Grenz-übergang Checkpoint Charlie lernte Kennedy einen der bedeutendsten Grenzübergänge des „Kalten Krieges“ zwischen Ost und West kennen. Nach einer kurzen Fahrt durch Kreuzberg und Schöneberg wurde John F. Kennedy um 12.50 Uhr am Rathaus Schöneberg mit frenetischen Jubel empfangen.“

An die Reden von Adenauer und Brandt, vor allem natürlich an die von Kennedy, erinnere ich mich gut. Adenauer war bei den Berlinern nicht besonders beliebt. Das spürte man auch. Kennedy hingegen brachte kaum einen Satz zu Ende, ohne dass Jubel ausbrach, bei seinen Worten und auch bei den Übersetzungen des Chefdolmetschers des deutschen Außerministeriums Heinz Weber.

Es dauerte ewig, ehe sich die Masse an Menschen nach der Rede vor dem Rathaus Schöneberg aufgelöst hatte. Da Kennedy aber im Rathaus noch zu Mittag aß, hatte ich genug Zeit, um nach Hause zu kommen. Meine Eltern hatten eine Schneiderei neben dem Rathaus Friedenau, direkt an der Hauptstraße und hier fuhr die Kolonne vorbei. Die Schneiderinnen meiner Mutter zerschnippelten Stoffreste zu Konfetti, und eine Näherin schüttete ein paar Hände voll in die vorbeifahrende Limousine. Kennedy drehte sich lächelnd zu ihr um. Dieses Erlebnis hat sie ihr Leben lang nicht vergessen. Ja, es war ein bedeutender Tag für Berlin, West wie Ost, obwohl nur der freie Teil der Stadt den Besuch richtig genießen konnte.

Der 22. November 1963 war ein Freitag. Abends erreichte uns die Nachricht vom Attentat auf John F. Kennedy. Am nächsten Tag fand eine Trauerfeier in meiner Schule statt. Danach war schulfrei, worauf wir alle gern verzichtet hätten. Wenige Tage später stand ich wieder vor dem Rathaus Schöneberg. Ein trüber, kühler Tag, passend zur Stimmung. Nur fünf Monate lagen zwischen diesen beiden Tagen. Die große Hoffnung und Zuversicht, die alle in John F. Kennedy gesetzt hatten, ging im Trauergeläut der Freiheitsglocke unter.

Ed Koch



  
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