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Das ging unter die Haut - Young Philharmonic Orchestra Jerusalem Weimar bei YEC

geschrieben von: Redaktion am 31.07.2013, 10:35 Uhr
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Es gibt Abende bei Young Euro Classic, da passt einfach alles zusammen, vom Konzertpaten bis zur Zugabe. Kulturstaatssekretär André Schmitz eröffnete den Abend mit sehr einfühlsamen Worten bezüglich der Zusammenarbeit von jungen israelischen und deutschen Jugendlichen in diesem Orchester. Und mit der Vorstellung des Orchesters wollen wir den Bericht über den fünften Tag bei YEC beginnen.

„Geschichte wird lebendig in der Perspektive des Anderen.“ Unter diesem Leitsatz könnte die Arbeit des Young Philharmonic Orchestra Jerusalem Weimar stehen. Denn mit hochbegabten jungen Musikern aus Israel und Deutschland – Studierenden an der Jerusalem Academy of Music and Dance sowie an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar – entstand hier ein neues, binationales Orchester. Im Sommer 2011 fanden die ersten Konzerte zum Gedächtnis an das KZ Buchenwald, auf der Wartburg in Eisenach und in Berlin statt, im Dezember dann in Jerusalem und Tel Aviv. Die Folie des gemeinsamen Musizierens bildet Weimar als ein Ort, an dem zwischen der Klassik von Goethe und Schiller, Bauhaus und Buchenwald auf engem Raum die Glanzpunkte und Verirrungen europäischer Geschichte sichtbar werden.

Alle zwei Jahre wird das Orchester neu besetzt. 2013 besteht es aus 36 Israeli, die am 20. Juli angereist sind, und 41 Absolventen der Hochschule Franz Liszt. Die Proben fanden in Weimar statt. Am 27. Juli haben die Mitglieder des Orchesters gemeinsam das Gelände des KZ Buchenwald besucht. Und am selben Abend waren sie ausgewählt worden, in Weimar das jährliche Benefiz-Konzert des Bundespräsidenten zu spielen. Sie sind auch in Bayreuth aufgetreten, für viele in Israel ein belasteter Ort. Als sie am 30. Juli in Berlin bei Young Euro Classic zu Gast waren, haben sie schon eine Menge miteinander gearbeitet und verarbeitet. Die sommerliche Konzertreise endet am 2. August mit einem Konzert in der Frauenkirche Dresden. Ende September fliegen die Weimarer nach Israel. Dort tritt das Orchester in Tel Aviv, Haifa und Jerusalem auf.

Das Konzert begann mit einem Werk von Berthold Goldschmidt (1903-1996). Das Leben des Berthold Goldschmidt ist ein typisches Beispiel von „Zerstörte Vielfalt“ in Deutschland. Dieses Projekt begegnet uns gegenwärtig auf vielen Plakaten und mit Veranstaltungen. Berthold Goldschmidt wuchs als Sohn einer Kaufmannsfamilie in Hamburg auf und war ab 1922 Kompositionsschüler von Franz Schreker in Berlin. Hier gewann er 1925 den Mendelssohn-Preis mit seiner Passacaglia für Orchester op. 4, die am 30. Juli im Konzerthaus aufgeführt wurde. Welch wunderbare Musik, die in den Ohren der Nazis als „entartet“ galt. Wie krank muss ein Mensch sein, der diese Musik als „entartet“ bezeichnet? Goldschmidt, „eine der großen Hoffnungen der deutschen Musik vor 1933“ (Hans Ferdinand Redlich), konnte 1935 nach England fliehen und musste wie viele Emigranten neu anfangen. Bis in die achtziger Jahre war er als Komponist vergessen. Zwischen 1958 und 1982 entstand nur eine einzige Komposition. In dieser Zeit arbeitete er auch als Dirigent und engagierte sich für die Musik Gustav Mahlers, aus dessen Fragmenten zu einer 10. Sinfonie er zusammen mit Deryck Cooke 1964 eine Aufführungsversion erstellte, die bis heute immer wieder gespielt wird. Mit seiner Wiederentdeckung entstanden fast 20 Werke, die international und auch wieder in Berlin uraufgeführt wurden. Auch seine Oper „Der gewaltige Hahnrei“ wurde 1994 nach über 60 Jahren in Berlin aufgeführt und ist inzwischen wie zahlreiche andere Werke auf Tonträgern verfügbar. 1993 wurde Goldschmidt mit dem Deutschen Kritikerpreis ausgezeichnet.

An Goldschmidt konnte Deutschland wenigstens etwas Wiedergutmachung leisten, viele fielen jedoch dem Terror-Regime der Nazis zum Opfer. Es war sehr wohltuend mitzuerleben, wie die Enkel des Täterlandes und der Opfer gemeinsam musizieren, nicht um zu vergessen, sondern um zu verarbeiten und eine friedliche und menschliche Zukunft zu gestalten.

Das Violinkonzert von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) stand als nächstes auf dem Programm. Rund um den Gendarmenmarkt besaß seine Familie einige Häuser und eine Bank, näher kann man Geschichte kaum erleben. Das Violinkonzert war einfach nur ein Erlebnis, und das vor allem Dank Sunny Tae, einer 26-jährigen, in Seoul geborenen Geigerin. Sie feierte im vergangenen Jahr ihren bislang größten Erfolg: Sie gewann den 1. Preis sowie den Spezialpreis beim 17. Internationalen Violinwettbewerb „Andrea Postacchini“ in Italien. Bereits 2008 und 2009 erspielte sie sich jeweils 3. Preise beim Violinwettbewerb „Canetti“ in Bulgarien sowie beim 3. Internationalen „Jascha Heifetz“ Wettbewerb in Litauen. Ihre musikalische Ausbildung erhielt Sunny Tae von 2005 bis 2008 zunächst an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin, bevor sie 2009 an die Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar wechselte. Dort studiert sie nach ihrem Diplomabschluss nun im Aufbaustudium zum Konzertexamen. 2011 gastierte Sunny Tae bereits als Solistin mit dem Young Philharmonic Orchestra Jerusalem Weimar in Israel. Im selben Jahr erspielte sie sich den 2. Preis beim 22. KBS & KEPCO Music Competition in Seoul (Südkorea). Mit diesem Wettbewerbserfolg waren mehrere Solokonzerte im Jahr 2012 in Südkorea verbunden.

Nach der Pause betrat Bariton Florian Götz die Bühne. Er sang, wunderschön versteht sich, drei Lieder aus Gustav Mahlers „Des Knaben Wunderhorn“. Der junge deutsche Bariton studierte Schulmusik und Trompete in Stuttgart; anschließend folgte ein Gesangsstudium an der Guildhall School of Music and Drama in London, das er mit Auszeichnung abschloss. In der Spielzeit 2009/10 war Florian Götz Mitglied des Thüringer Opernstudios. Florian Götz ist u.a. Preisträger des internationalen Wettbewerbs Kammeroper Schloß Rheinsberg. Noch als Student und Opernstudiomitglied gastierte er am Deutschen Nationaltheater Weimar. Von 2010 bis 2013 gehörte der Bariton dem Ensemble des Theaters Erfurt an. Schwerpunkt seiner regen Konzerttätigkeit als Lied- und Oratoriensänger im In- und Ausland sind vor allem die Werke Bachs, Haydns und Mendelssohns.

Letzter Programmpunkt an diesem in jeder Hinsicht stimmigen Konzertabend war Dmitri Schostakowitschs Symphonie Nr. 6 h-Moll. Der erste Satz, der ruhig und schwermütig erscheint, führte dem Konzertbesucher ins Gedächtnis zurück, an was für einer Veranstaltung er heute hier teilnimmt. Junge Israelis musizieren mit jungen Deutschen. Die Zeit heilt keine Wunden, das ist Unsinn. Im Laufe der Zeit kann man jedoch die Welt und die Menschen verändern. Und dass dies auf hervorragende Weise gelungen ist, kam in den folgenden beiden Sätzen grandios zum Ausdruck. Euphorisch, laut, begeisternd, so dass fast die gewichtigen Kronleuchter im Konzert-saal zu schwingen begannen. Unglaublich, was die jungen Musiker für einen gewaltigen Klang erzeugten. Der Jubel des Publikums nach dem letzten Ton wollte nicht enden. Am Tag fünf von YEC kam es erstmals zu Standing Ovations. Zu Recht.

Um die Begeisterung zu befriedigen, kam das Orchester an einer Zugabe nicht vorbei. Nein, das war nicht spontan, sondern sehr geschickt geplant. Mit der Auswahl des Stückes hat mir der Dirigent Michael Sanderling eine große persönliche Freude bereitet, für die ich ihm ewig dankbar sein werde, denn es handelte sich um eines meiner absoluten Lieblingsmelodien. Der englische Komponist Edward Elgar (1857-1934) hat mit seinem berühmten Marsch „Pomp and Circumstance“ schon in meiner Jugendzeit zu meiner Begeisterung für klassische Musik wesentlich beigetragen. Seitdem ich irgendwann vor vielen Jahren im NDR-Fernsehen die „Last Night of the Proms“ entdeckte, wo Elgars Marsch fast gleichgesetzt mit der britischen Nationalhymne gespielt wird, bin ich treuer Zuhörer dieses Konzerterlebnisses aus der Royal Albert Hall in London. Termin in diesem Jahr: Samstag, der 7. September! Nicht versäumen.

Vor ein oder zwei Jahren wurden bei YEC die Enigma-Variationen von Elgar gespielt. In 14 Variationen widmet sich der Komponist seinen Freunden und gleich in der ersten seiner Frau. Die bekannteste Variation, die am 30. Juli als Zugabe gespielt wurde, ist die Nr. 9, „Nimrod“, gewidmet einem seiner engsten Freunde, August Jaeger. Die Variation erlangte vor allem durch die Verwendung in verschiedenen Filmen große Bekanntheit, zum Beipiel „Matrix", „Australia" oder im Historienfilm „Elizabeth", oder in der mehrteiligen Dokumentation über den Zweiten Weltkrieg „The War". Einfach mal bei google Elgar-Nimrod eingeben und bei You Tube anhören, dann werden Sie verstehen, warum ich so begeistert bin. Ja, das war wirklich ein hoch emotionaler Ausklang dieses wunderbaren Konzertabends, da blieb es nicht aus, ein Tränchen zu verdrücken.

Zum Schluss ein Dankeschön an den Dirigenten Michael Sanderling. Bei wikipedia muss man sich im Geburtsjahr geirrt haben. 1967? Der Mann soll 46 Jahre alt sein. Nein, nicht älter als 35. Sanderling ist in Berlin geboren als Sohn der Kontrabassistin Barbara Sanderling und des Dirigenten Kurt Sanderling. Er erhielt seinen ersten Violoncellounterricht im Alter von fünf Jahren bei Liselotte Schordan in Berlin. Im Alter von 11 Jahren wurde er Schüler von Matthias Pfaender an der Spezialschule für Musik Berlin. Mit 17 Jahren wurde er an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin angenommen und studierte dort bei Josef Schwab. Konsultationen führten ihn außerdem unter anderem zu William Pleeth, Yo-Yo Ma, Gary Hoffmann und Lynn Harrell. Im Jahre 1987 gewann er den 1. Preis beim Internationalen Maria-Canals-Wettbewerb in Barcelona und wurde im selben Jahr nach seinem solistischen Debüt beim Gewandhausorchester Leipzig von Kurt Masur als Solocellist des Orchesters engagiert, wo er bis 1992 tätig war. In den Jahren 1994 bis 2006 war er als Solo-Cellist mit Gastvertrag im Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin engagiert. Von 1994 bis 1998 war er Dozent für Violoncello an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin. 1998 wechselte er an die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main. Zwischen 2000 und 2003 hatte er dazu eine Professur an der Hochschule der Künste Bern inne. Sanderling lebt in Frankfurt am Main. Schön, dass er am 30. Juli mal wieder in Berlin war.

Zusammenstellung: Ed Koch
Textquellen: YEC, wikipedia u.a.

  
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