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Die gefährliche Reise in ein neues Leben

geschrieben von: Redaktion am 26.10.2014, 07:11 Uhr
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Güner Yasemin Balci erzählt eine Liebesgeschichte. Von einer Liebe, die mitten in unserem freiheitlich-demokratischen Land nicht sein darf. Aliyah, Tochter der kurdischen Familie Özgan, liebt Dimi, Sohn der griechischen Familie Samos. „Liebe“ sagt die Autorin, „ist seit Menschengedenken das Zaubermittel mit dem manchmal die Grenzen zwischen verschiedenen Kulturen, Sprachen, Weltanschauungen und Religionen überschritten oder außer Kraft gesetzt werden können“ (S. 15).

Aliyah und Dimi haben eine lebensgefährliche Entscheidung getroffen. Sie wollen zusammenbleiben und wissen, dass sie ihre Liebe nicht offen leben können wie andere Paare. Archaische patriarchalische Traditionen und die islamische Geschlechterapartheid verhindern das Glück nicht nur dieser jungen Menschen. Aliya ist kein Einzelfall. Es geht Tausenden von jungen Mädchen und Frauen hierzulande so, die in türkischen oder arabischen muslimische Familien aufwachsen. Ihre Bestimmung als Frau ist von Geburt an festgelegt. Sie haben dem Manne zu dienen und zu gehorchen. Wachsen sie heran, dann werden die kulturell und religiös verordneten Grenzen immer enger. Nach ihren Wünschen für ein selbstbestimmtes Leben fragt keiner. Für den künftigen Ehemann müssen sie sich „rein“ und „jungfräulich“ halten. Die Ehemänner dürfen sich dagegen ganz selbst-verständlich vor der Ehe „die Hörner abstoßen“. Ihre „Reinheit“ ist auch Garant der „Familien-Ehre“ und nur so kann eine erfolgreiche Ehe von den Eltern „arrangiert“ werden. Wobei „arrangieren“ in zahllosen Fällen den Zwang zur Heirat nur kaschiert. Verstöße gegen die „Ehre“ werden meistens brutal geahndet: Verbote, Einsperren, Prügel und im schlimmsten Fall Ermordung der „Ehrverletzerin“. Es reichen oft schon Gerüchte über ein Mädchen, um harsche Sanktionen auszulösen. Sie kleide sich angeblich nicht „anständig“, trage kein Kopftuch oder treibe sich mit „Jungens“ herum. Ein normales Teenagerleben ist muslimischen Mädchen in der Regel nicht möglich. Und die Stigmatisierung als „Hure“ oder „Schlampe“ vermindert natürlich die Chancen auf dem Heiratsmarkt.

Vollkommen ausgeschlossen ist eine Ehe mit einem Nicht-Muslim. Aliya hat das alles erlitten. An ihrem Fall zeigt Güner Yasemin Balci, dass in unserem Lande der Art. 3 GG („Männer und Frauen sind gleichberechtigt“) nicht für muslimische Mädchen und Frauen gilt. Wer ausbricht, wie Aliya, Nora und manche andere (auch junge Männer), deren Schicksale die Autorin einfühlsam und engagiert darstellt, muss den Bruch mit der Familie riskieren. Doch wer hilft ihr? Das ist ein trübes und erschütterndes Kapitel.

Das Schicksal von „Nora“ zeigt leider, dass für Sicherheit vor Verfolgung von Eltern und Verwandten letztlich nur die Betroffene selbst sorgen kann, trotz oft selbstloser Hilfe von einzelnen engagierten Bürgern, Polizisten und Sozialarbeitern. Das ist ein Armutszeugnis für unseren Rechtsstaat. Die Hilfsangebote reichen einfach nicht aus. In unserer Gesellschaft gibt es bald für alles und jedes eine staatliche Anlaufstelle und das zivilgesellschaftliche Engagement ist beeindruckend. Man sorgt sich um „Arbeitsmarktferne mit multiplen Vermittlungshemnissen“ (sprich: Arbeitslose), Legastheniker, traumatisierte Flüchtlinge, Senioren mit Lese-schwächen, herrenlose WauWaus und Mietzekatzen („Katzenfeuerwehr“) und hilft orientierungslosen Kröten über die Straße. Nur für muslimische Mädchen in lebensgefährlichen Notlagen scheint es kaum Hilfe zu geben.

Güner Balci stellt fest: „Es gibt keinen Sonderfonds für solche Fälle, keine Härtefallkommission, keine Anlaufstelle für eine Frau, die ihr Leben retten will…Es gibt Frauenhäuser, die nicht sicher sind, weil immer wieder die geheimen Adressen in die Hände Dritter gelangen, und das ist es auch schon“ (S.151).

In Aliyas Fall war die Liebe stark genug. Sie hat den ungeheuren Belas-tungen standgehalten und lebt jetzt mit ihrem Dimi irgendwo in Deutschland, fernab von ihrer Familie. Die griechische Familie ihres Freundes musste auch untertauchen, ein bitteres Schicksal. Güner Yasemin Balci hat ein aufrüttelndes Buch geschrieben. Die „Berliner Beauftragte für Integration und Migration“ sollte für kostenlose Verteilung des Buches an ihre Mitarbeiter, die weitgehend tatenlosen Migrantenverbände und Moscheevereine, Politiker und Journalisten sorgen. Doch ich fürchte, dass in diesem und anderen Ämtern eher der Geist der „Political Correct-ness“ und des Wegschauens weht. Deshalb ist das Buch eine Anklage und Anfrage an alle von uns. Tun wir was!

Dr. Johannes Kandel

Güner Yasemin Balci „ALIYHAS FLUCHT oder Die gefährliche Reise in ein neues Leben“ S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2014. 14,99 Euro

Die offizielle Buchpräsentation in Anwesenheit der Autorin Güner Yasemin Balci und einigen Überraschungsgästen findet am Montag, dem 10. November 2014 um 20:00 Uhr im Heimathafen Neukölln (großer Saal), Karl-Marx-Str. 114 in Berlin-Neukölln statt.

http://www.heimathafen-neukoelln.de/spielplan?url=GuenerBalciLesung

Güner Yasemin Balci ist 1975 in Berlin-Neukölln geboren und aufgewachsen. Sie hat Erziehungs- und Literaturwissenschaften studiert und u.a. in einem Mädchentreff in Neukölln mit Kindern und Jugendlichen aus türkischen und arabischen Familien gearbeitet. Sie war ZDF-Redakteurin und arbeitet heute als freie Autorin und TV-Journalistin. Ihre Bücher „Arabboy – Eine Jugend in Deutschland oder Das kurze Leben des Rashid A.“ (2008) und „ArabQueen“ (2010), ebenfalls im S.Fischer Verlag erschienen, waren auch im Kino und im Theater sehr erfolgreich.

Das Theaterstück „Arabboy“ nach dem Roman von Güner Yasemin Balci wird in diesem Jahr im Heimathafen Neukölln noch sieben Mal gespielt und steht an folgenden Tagen jeweils um 19:30 Uhr dort auf dem Spiel-plan: Fr. 31.10., Sa. 1.11., Di. 4.11., Mi. 5.11., Di. 9.12., Mi. 10.12. und Do. 11.12. - http://www.heimathafen-neukoelln.de/kalender

  
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