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Das Ende der Sozialraumorientierung?

geschrieben von: Redaktion am 22.09.2006, 13:28 Uhr
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Ein Beitrag von Henning Till, Jugendamtsdirektor in Tempelhof-Schöneberg
Vom kurzen Atem der (Jugend-)Politik

Seit Mitte 2004 wird das Projekt zur Einführung und Umsetzung der Sozialraumorientierung im Rahmen der Neuordnungsagenda 2006 umgesetzt. Dafür werden bis zum Ende des Jahres 2006 fast 1,1 Millionen Euro eingesetzt. Die 12 Berliner Jugendämter folgen damit einem fachlich dringend gebotenen Reformvorhaben, das gleichermaßen Kritiker auf den Plan rief: nicht die Ziele des Vorhabens wurden in Frage gestellt, es war der Zeitpunkt. Konnte ein solch umfassendes Vorhaben gelingen, wenn als einziges politisches Ziel die Haushaltskonsolidierung akzeptiert wurde?

Die Kritiker behalten Recht - dem Projekt Sozialraumorientierung geht es ebenso wie den Empfehlungen der sog. „Scholz–Kommission“ und weiten Teilen der Verwaltungsreform. Das von den Jugendstadträtinnen und Jugendstadträten verabschiedete Papier „Leitbild Jugendamt“ ist nicht mehr das Papier wert, auf das dieses Leitbild geschrieben wurde.

Das Projekt „Einführung der Sozialraumorientierung“ steht vor dem Aus, nicht wegen seiner Fachlichkeit, sondern wegen fehlender finanzieller und personeller Rahmenbedingungen! Das kann den Kritikern, die es ja immer schon wussten, gefallen. Die Fachlichkeit der Jugendhilfe kann daraus keinen Nutzen ziehen und darf weiterhin angezweifelt werden.

Kein Bereich hat in den vergangenen Jahren so viel Federn lassen müssen wie die Jugendhilfe, angefangen bei den Transfermitteln für die „Hilfen zur Erziehung“ (Absenkung der Entgelte für die freien Träger um 8,6 %, Reduzierung der Finanzzuweisungen um 33 Millionen Euro für die Jahre 2006/2007 durch veränderte Zumessungsmodelle). Bereits von 2002 bis 2005 wurden 130 Millionen Euro gekürzt. Das sind in fünf Jahren 40 Prozent, gleichzeitig fand ein rigoroser Personalabbau in den Jugendämtern statt. Dabei wurden unter dem Druck der Haushaltskürzungen die fachlichen Mängel immer deutlicher und sichtbarer.

In den Programmen zu den Wahlen am 17. September 2006 fühlten sich die Parteien zu Aussagen verpflichtet, mehr für die Bildung zu tun. Bei genauerer Betrachtung wird dabei von einem sehr verkürzten Bildungsbegriff ausgegangen: Bildung ist Schule. Mit Hängen und Würgen ist es vor dem Hintergrund der Ergebnisse der Pisa-Studie gelungen, ein Bildungsprogramm im Rahmen der Kindertagesbetreuung ins Leben zu rufen. Ähnlich der Prinzipien der Sozialraumorientierung ist auch Bildung ein ganzheitliches und integriertes System, das, ohne die Lebensbedingungen einzubeziehen, chancenlos ist. Es sei an die Strukturmaxime des Achten Jugendberichts der Bundesregierung (BMJFFG 1990) erinnert: Prävention, Lebensweltorientierung, Dezentralisierung und Regionalisierung, Alltagsorientierung, Integration, Partizipation und Einmischung gelten weiterhin für die Jugendhilfe, und an diesen Maximen muss sich auch der Bildungsbegriff messen lassen.

Die gerade vorgelegte 15. Shell–Jugendstudie schätzt, dass rund 15 % der Eltern in Deutschland mit der Kindererziehung überfordert sind und genauso viele Jugendliche seien in ihrer Entwicklung belastet. Diese Überforderung begründet sich in Armut und mangelhafter Bildung. „Armut macht die Menschen unsouverän, Väter verlieren ihre Rolle, Mütter ihre Gelassenheit, es entsteht eine Atmosphäre der Haltlosigkeit, oft kommen Alkoholprobleme hinzu, und die Kinder wachsen an der Grenze der Verwahrlosung auf.“ Es sind die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse entscheidend in denen sich die Kinder und Jugendlichen aufhalten. Die infrastrukturelle Ausstattung des Wohnumfeldes gibt Auskunft darüber, mit welcher Lernfähigkeit und Lernbereitschaft Kinder und Jugendliche ausgestattet sind. Tatsächlich aber machen wir eine andere Erfahrung: das Geld fließt erst, wenn Auffälligkeiten nach außen sichtbar werden. Die Gruppe jener, die vermeintlich nichts zu verlieren hat und damit empfänglich für dissoziales Verhalten werden kann, wird größer.

Mit den methodischen Instrumenten der Sozialraumorientierung haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jugendämter das dringend benötigte Handwerkszeug in Händen, um mit den Leistungsempfängern zielgenauer als bisher, effektivere und effizientere Hilfen zu entwickeln – sowohl einzelfallbezogen als auch fallübergreifend. Neben gut qualifizierten Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern muss es jedoch eine ausreichende Anzahl geben.

Bereits jetzt müssen wir uns mit der Kritik auseinandersetzen, dass wir mit mangelhafter Fachlichkeit ans Werk gehen, gegenüber Hilfesuchenden Willkür walten lassen und nach Gutsherrenart mit den Trägern umspringen. Diese Kritikpunkte richten sich in ihren Ursprüngen weniger an einzelne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als an das System: mehr Verwaltungshürden, ständig steigende Arbeitsbelastung durch sich verschlechternde Lebenslagen (Massenarbeitslosigkeit und Armut).

Die Umsetzung des gesetzgeberischen Auftrags der Jugendhilfe ist zunächst ein politischer Willensakt, durch den personelle und sächliche Mittel bereitgestellt werden müssen. Nicht auszuschließen, sondern eher Folge von Personalminderausstattung, ist ein erneuter Anstieg der Transferausgaben bei den „Hilfen zur Erziehung“, weil keine Sozialarbeiterin, kein Sozialarbeiter bereit sein wird, vor dem Verwaltungsgericht einzugestehen, dass Ansprüche nicht fachgerecht geprüft wurden.

Die Rahmenbedingungen für die Unterstützung sozialräumlichen Arbeitens sind die Strukturen der Jugendhilfe, die Organisation der Jugendämter, die Personalausstattung und die Finanzierung der Jugendhilfe. Die sozialpädagogischen Fachkräfte konnten für den veränderten Arbeitsansatz gewonnen werden und wurden durch Fortbildung befähigt und qualifiziert. Die Personalsituation in den Berliner Jugendämtern spitzt sich dramatisch zu. Das größte Hindernis für die Umsetzung der sozialräumlichen Inhalte in der Praxis ist der rasante Stellenabbau, der gesamte Reformprozess ist in Frage gestellt. Es müssen Grundlagen geschaffen werden für eine qualifizierte Personalbedarfsplanung und eine zukunftsorientierte Personalentwicklung.

Wenn sich die Aufgaben der Politik nur noch auf die Haushaltskonsolidierung beschränken und für den Bürger nicht mehr erkennbar ist, wohin sich diese Gesellschaft entwickeln soll, muss sich niemand über das Wählerverhalten wundern – die größte Wählergruppe in Berlin am 17. September 2006 waren die Nichtwähler mit 41 Prozent.

In der jetzigen Phase haben es die politischen Entscheidungsträger in der Hand, den begonnenen Reformprozess in der Jugendhilfe weiterhin zu unterstützen. Vielleicht gelingt es damit, gegenüber früheren Reformvorhaben einen gelungenen Abschluss zu finden.

Berlin, 22. September 2006

  
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