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Gesundheitsmanagement

geschrieben von: Redaktion am 26.11.2006, 09:32 Uhr
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Gespräch mit dem Beauftragten für Gesundheitsmanagement, Suchtprävention und Ergonomie beim Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg von Berlin, Dr. Klaus Mucha
Gesundheitsmanagement

Nur glückliche Beschäftigte bringen gute Leistungen

Es ist bei allen Lebewesen das gleiche, ob Mensch oder Tier. Glückli-che Kühe geben gute Milch und zufriedene Beschäftigte erbringen eine ordentliche Leistung. Deshalb ist das Augenmerk, das der Arbeitgeber auf das Gesundheitsmanagement in seinem Unterneh-men lenken sollte, überaus wichtig. Egal ist, um welche Art Unter-nehmen es sich dabei handelt. Auf den Begriff „Gesundheitsmanage-ment“ sind wir durch die Zählgemeinschaftsvereinbarung zwischen SPD und CDU im Bezirk Tempelhof-Schöneberg gestoßen. „Was immer das sein mag“, stellten wir als Frage hinter diesen Bereich, der auch künftig direkt beim Bezirksbürgermeister angesiedelt sein wird.

Der „Beauftragte beim Bezirksbürgermeister für Gesundheitsmanagement, Suchtprävention und Ergonomie“, Dr. Klaus Mucha, rief uns an und sagte: „Was Gesundheitsmanagement bedeutet, kann ich Ihnen erklären.“ Also besuchten wir Dr. Mucha, der sein Büro in einer hinteren Ecke des Rathauses Schöneberg hat, wo Sonnenstrah-len nur indirekt hinkommen. So ein Büro ist vielleicht auf Dauer auch nicht gerade gesund. Am 15. Dezember 2003 wurde durch Bezirks-amtsbeschluss die Position des Gesundheitsmanagers geschaffen. Am 5. Januar 2004 trat Klaus Mucha seinen neuen Job an. Zuvor war er zehn Jahre lang freigestelltes Personalratsmitglied. Bis zur Fusion von Tempelhof und Schöneberg war er Vorsitzender des Personalrats beim Bezirksamt Schöneberg. Und davor war er, ebenfalls zehn Jahre lang, als Berater für die bezirklichen Kindertagesstätten tätig. Er ist von Hause aus Psychologe, und das Thema Sucht spielte in seiner beruflichen Tätigkeit schon vorher eine Rolle. Eine Suchtbeauftragte gab es zuvor schon, auch jemanden, der mit dem Zollstock nachge-messen hat, ob der Abstand vom Kopf zum Bildschirm in Ordnung ist und der Bürostuhl die ergonomischen Anforderungen erfüllt. Als diese Mitarbeiter ausschieden, wurden die Bereiche Suchtprävention und Ergonomie mit dem neuen Gesundheitsmanagement verschmolzen. Man kann auch sagen, aus drei mach eins, was heutzutage in der Verwaltung nicht unüblich ist. Seine kleine Abteilung besteht außer ihm selbst aus noch zwei Kolleginnen, was angesichts einer Beschäf-tigtenzahl von knapp 3.000 recht wenig ist. Die beiden Mitarbeiterin-nen teilen sich einen kleinen Raum. Eine der beiden Stellen ist leider keine feste Planstelle. Ständiger Wechsel erschwert nachhaltige Arbeit.

Für den Sektor Sucht gibt es ein Modell, das „Kolleginnen und Kollegen unterstützen Kollegen und Kolleginnen“ heißt. Vier quasi Ehren-amtliche beraten ihre Kolleginnen und Kollegen in Suchtfragen. Alltagsprobleme, Schicksalsschläge, Belastungen am Arbeitsplatz, wie zum Beispiel Stress, Mobbing, Arbeitsplatzunsicherheit, mangelnde Kommunikation u.a. können Nährboden für Störungen und Krankheiten sein. Rückzug, innere Kündigung oder Verweigerung sind bekann-te Reaktionen. Diffuse Ängste, Depressionen, körperliche Beschwer-den und Suchterkrankungen können mögliche Resultate sein. „Lassen Sie es nicht soweit kommen“, fordern die Berater ihre Kolleginnen und Kollegen in einer Broschüre auf, in der sie ihre Beratungsdienste, anonym versteht sich, anbieten. „Indem Sie Probleme oder Belastungen ansprechen, tun Sie bereits etwas dagegen“, rät die Broschüre. Aber auch Vorgesetzte können sich an Dr. Muchas Büro wenden, wenn sie Probleme mit Mitarbeiter/innen haben. „Gemeinsam finden wir Handlungsspielräume und Lösungsmöglichkeiten“, verspricht Klaus Mucha. Und er weist noch einmal darauf hin: „Ihr Anliegen wird vertraulich behandelt“.

Im Mai und Juni 2005 ließ Dr. Klaus Mucha 2.627 Fragebögen an die Beschäftigten des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg verteilen, um herauszufinden, wie zufrieden sie mit ihrer Tätigkeit sind. 1.251 ausgefüllte Bögen, was 47,5% entspricht, kamen zurück. Gefragt wurde nach Gesundheitspotenzialen wie Beteiligung am Arbeitsplatz, Entscheidungsspielräume, Lernen bei der Arbeit, Anerkennung, Arbeits-klima und vieles mehr. Die Fragen bezogen sich aber auch auf Ge-sundheitsgefährdungen wie Arbeitsplatzunsicherheit, Zeitdruck, fach-liche Überforderungen usw.

Die Ergebnisse der Mitarbeiterbefragung beim Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg weisen ein paar wesentliche Besonderheiten auf: Zunächst einmal zeigt sich, dass die Beschäftigten vergleichsweise wenig Arbeitsfreude und hohe psychische Erschöpfung aufweisen, die zwar möglicherweise (noch) nicht zu Arbeitsausfällen, sicherlich aber zu Gesundheits- und Produktivitätseinbußen führen. Da üblicherweise zunächst Gereiztheit/Belastbarkeit auftritt, bevor die Beschäftigten psychisch erschöpft reagieren und schließlich erkranken, diese aber nicht stark ausgeprägt ist, ist das Ergebnis recht bemerkenswert und lässt auf einen gewissen Grad an Resignation schließen. Man hat also schon keine Kraft mehr, gereizt zu reagieren.

Als wichtigster Einflussfaktor auf die Arbeitsfreude hat sich in den meisten Bereichen die Identifikation mit dem Bezirksamt, dem Bereich und der Arbeit herausgestellt, so dass die Bereiche mit einer hohen Identifikation auch viel Arbeitsfreude zeigen.

Die Ergebnisse aus Tempelhof-Schöneberg lassen sich vermutlich auf jede andere Behörde übertragen. Wenn die Arbeitgeberseite immer nur davon spricht, dass es in Berlin zu viele Beschäftigte im Öffentli-chen Dienst gibt, und massiv Stellen streicht, was zu Arbeitsverdich-tung und Mehrbelastung für die Verbleibenden führt, braucht sich niemand zu wundern, kaum noch freundliche Gesichter in den Rat-hausgängen zu sehen. Der so genannte Solidarpakt, bei dem die Angestellten zwischen 8 und 12 Prozent ihres Gehalts der Stadtver-schuldung opfern, basiert zwar auf einer Vereinbarung zwischen Land und Gewerkschaften, ist aber in Wahrheit gegen den Willen der Be-schäftigten geschlossen worden. 2009 läuft dieser Pakt aus, und schon jetzt hört man von Landesseite, dass er möglicherweise verlän-gert werden soll oder sogar betriebsbedingte Kündigungen angedacht werden. All dies fördert nicht die Mitarbeitermotivation, sondern führt direkt zu Resignation und Unwohlsein, genau also das Gegenteil von dem, was das „Unternehmen Berlin“ in diesen Zeiten gebrauchen kann.

Auffällig an der Untersuchung in Tempelhof-Schöneberg war außer-dem, dass sich die Mitarbeiter/innen zwar zumeist fair beurteilt fühlen, jedoch der direkte führungsbezogene Teil der Anerkennung insge-samt recht kritisch betrachtet wird. Offenbar haben die Führungskräfte zwar das Potenzial, Leistungen alle paar Jahre (formal) gerecht zu beurteilen, aber es wird nur selten im Sinne der Anerkennung in der Alltagspraxis (das alltägliche Schulterklopfen, „Lob vom Chef“) ge-nutzt. Die Anerkennung ist aber sehr ausschlaggebend für die Ge-sundheit der Beschäftigten. Warum, so kann man sich fragen, sollen die unteren Leitungsschichten besser sein, als die oberste? Wenn man sich die beschäftigtenfeindlichen, ja beleidigenden Äußerungen des Innen- und Finanzsenators in Erinnerung ruft, kann einem wirklich nur schlecht werden, zumal, wenn diese Leute weiterhin im Senat sitzen werden.

Einen Bereich „Gesundheitsmanagement“ wie in Tempelhof-Schöneberg gibt es vergleichbar kaum in einem anderen Bezirk. Dort werden Aufgaben wie Suchtprävention zwar auch wahrgenommen, befinden sich aber meistens mit anderen Aufgaben gekoppelt bei unterschiedlichen Mitarbeiter/innen. Tempelhof-Schöneberg kann sich auf seine Fahnen schreiben, Vorbild für andere zu sein, was dazu führt, dass Klaus Mucha häufig gebeten wird, anderswo über seine Arbeit zu berichten. Das Projekt wird in Kooperation mit der Unfallkas-se und der AOK durchgeführt, finanziell gefördert durch SenInn. Es wurde u.a. auf dem 1. Nationalen Präventionskongress in Dresden und beim Deutschen Netzwerk Betriebliche Gesundheitsförderung in Bonn durch Dr. Mucha zur Diskussion gestellt. Selbst bei der Tagung des Europäischen Netzwerks in Österreich referierte ein Berliner AOK-Vertreter über das Tempelhof-Schöneberger Modellprojekt.

Dass das Büro von Dr. Mucha beim Bürgermeister angesiedelt ist, hält er für richtig und wichtig. Das unterstreicht die Bedeutung. Bezirks-bürgermeister Ekkehard Band (SPD) selbst hält diesen Bereich für so wichtig, dass „Gesundheitsmanagement“ ihm ein Schreiben an die Beschäftigten zum Ende der Legislaturperiode wert war. Als „Chef“ wandte er sich an die Mitarbeiter/innen, „um Bilanz zu ziehen und zu bekräftigen, dass ich mich auch zukünftig weiter für Ihre Gesundheit am Arbeitsplatz einsetzen werde.“ Band hat erkannt, dass: „Nur ge-sunde Beschäftigte die immer schwieriger werdenden Aufgaben des öffentlichen Dienstes für die Bevölkerung bewältigen können.“

Der Bürgermeister weist in seinem Schreiben darauf hin, dass „je nach konkretem Bedarf in einzelnen Organisationseinheiten Maß-nahmen verabschiedet werden, die nachhaltig zu effektiveren Arbeits-abläufen, Kommunikationswegen oder Kommunikationsformen führen sollen. Es sind zum Teil baulich-technische Veränderungen in die Wege geleitet worden und auch Ermunterungen zu mehr konstrukti-vem Umgang miteinander.“

Gesundheitsmanagement, Suchtprävention und Ergonomie, drei Bereiche, die keine Luxusmaßnahmen für Beschäftigte darstellen. Gesunde und zufriedene Mitarbeiter/innen sind das A und O für den Erfolg jedes Unternehmens. Und wenn dies nicht nur vom Bezirksbür-germeister erkannt wird, sondern auch von allen anderen, die Vorge-setztenfunktionen ausüben, wird die nächste Untersuchung bestimmt bessere Ergebnisse bringen.

Mit Dr. Klaus Mucha sprach Ed Koch

  
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