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Türkischer Lichtblick

geschrieben von: Redaktion am 29.08.2017, 10:41 Uhr
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Der Auftritt der „Nationalen Jugendphilharmonie der Türkei“ am 28. August bei Young Euro Classic war mit Spannung erwartet worden. Das deutsch-türkische Verhältnis ist schlecht. Der türkische Staatspräsident, der nach einem Putschversuch vor einem Jahr Amok gegen alle läuft, die er für verdächtig hält, hat tausende von Türken ihre Existenz ge-kostet und sie ins Gefängnis gebracht. In Hundertschaften werden sie den Gerichten zugeführt. Rechtsstaatlichkeit und Unschuldsvermutung gelten in Erdogans Land nicht mehr. Unter den Inhaftierten befinden sich auch rund 50 Deutsche, darunter viele Journalisten. Erdogan mischt sich in den deutschen Wahlkampf ein und empfiehlt den Menschen mit türkischen Wurzeln, die längst den deutschen Pass haben, CDU, SPD und Grüne nicht zu wählen, weil sie „Feinde der Türkei“ sind. Das ist ein Tiefpunkt der Beziehungen, die niemand für möglich gehalten hätte.

Und in dieser Zeit kommen 16- bis 25-jährige türkische Jugendliche nach Berlin und spielen in herzzerreißender Qualität und mit enormem Enthusiasmus Werke aus ihrer Heimat, aber auch von Richard Strauss, Peter Tschaikowski, Antonin Dvořák und als Zugaben Guiseppe Verdi und Georges Bizet. Was für ein wundervoller, fast dreistündiger Abend im Konzerthaus. Das Orchester versteht sich als „Laboratorium der Demokratie, wo über die intensive musikalische Arbeit hinaus die Prinzipien von Koexistenz, Leadership, Selbstachtung und Verantwortung verwirklicht werden.“ Beachtlich.

Eine Stunde vor Konzertbeginn traf sich der Künstlerische Leiter des Festivals, Dr. Dieter Rexroth, mit der Komponistin Sinem Altan, die mit ihrem Ensem-ble Olivinn am 22. August die Besucher begeisterte, und dem Dirigenten des Abends Cem Mansur. „Musikalische und kulturelle Identität in streitbaren Zeiten“ lautete der Titel der Diskussion. Ich muss zugeben, die Veranstaltung etwas falsch verstanden zu haben, denn auf die „streitbaren Zeiten“, in denen wir uns befinden, wurde nicht eingegangen, kein Wort über die aktuelle Lage und dem deutsch-türkischen Verhältnis. Stattdessen fand eine sehr interessante historische Diskussion über türkische und europäische Musik statt. „Musik liefert die Möglichkeit, mehrere Identitäten zu haben“, sagte Sinem Altan. Und Cem Mansur unterstrich, dass Musik ein Friedens-mittel sein sollte. Wer würde da widersprechen wollen. Gelernt haben wir in dem eher Gespräch als Diskussion, dass es drei Maxime türkischer Grund-prinzipien gibt. 1. Die Türkei gehört den Türken. 2. Glücklich ist, wer sagt, „Ich bin ein Türke.“ 3. Wahrer Führer der Gesellschaft ist die Wissenschaft. Tja. Darüber muss man eine Weile nachdenken.

Wesentlich politischer ging es in der Begrüßungsrede des Konzertpaten Rolf-Dieter Krause zu, den wir noch gut aus seiner Zeit als Brüssel-Korrespondent der ARD kennen. „Kompetent in der Sache, kritisch in der Analyse, klar im Wort.“ So beschrieb ihn das „Medium Magazin“, als Mr. Europa 2012 zum Journalisten des Jahres gekürt wurde. Krause erinnerte an die Zeit, als in Deutschland ein Regierungschef demokratisch gewählt wurde und anschließend eine Diktatur nie gekannten Ausmaßes errichtete und sein Land und die Welt in einen Krieg führte, an deren Ende es über 60 Millionen Menschen weniger gab. Allein sechs Millionen wurden allein wegen ihres Glaubens barbarisch in so genannten Konzentrationslagern getötet. In dieser Zeit suchten Deutsche, darunter der spätere Berliner Bürgermeister Ernst Reuter, Zuflucht in der Türkei. Heute ist es umgekehrt, wobei die Türkei 2017 nicht mit Nazi-Deutschland 1933-1945 verglichen werden kann.

Erdogans Verhalten, Menschen als Geiseln zu nehmen, sei inakzeptabel, sagte Rolf-Dieter Krause. Er verwies aber auch darauf, dass „wir Europäer die Türkei nicht gut behandelt haben.“ Bereits 1963 habe Bundeskanzler Konrad Adenauer der Türkei zugesagt, sie in die Europäische Gemeinschaft aufzunehmen. Das Versprechen wurde unter Helmut Kohl erneuert, ohne dass etwas geschah. Letztlich diskutiert man seit 2006 über eine „privilegierte Partnerschaft.“ Man müsse auch darüber nachdenken, wie so etwas wirkt. Das rechtfertige nichts, so Krause, „wir haben aber auch nichts getan, um das zu verhindern.“

Ja, Young Euro Classic ist auch ein Festival mit politischer Aussage. Der Auftritt der Nationalen Jugend-Philharmonie war ein türkischer Lichtblick. Musik versöhnt. Die jungen Türken haben an diesem Abend mehr für die deutsch-türkische Verständigung getan, als alle diplomatischen Versuche der letzten Monate.

Aber nun endlich zur Musik, was ja schließlich der eigentliche Grund des Besuchs am Gendarmenmarkt war. Richard Strauss‘ „Don Juan“, Peter Tschaikowskis Konzert für Violine mit der grandiosen türkischen Geigerin Hande Küden. Nach der Pause durfte natürlich ein türkisches Werk nicht fehlen: Der in Istanbul lehrende Komponist Ali Özkan Manav hat das äußerst populäre Stück Haydar Haydar von Ali Ekber Çiçek für moderndes Orchester bearbeitet. Wie gut ihm das gelungen ist, haben die Besucher hören können. Eine „Steppenskizze aus Mittelasien“ vermittelte uns dann das Werk des russischen Komponisten Alexander Borodin. Die ohnehin sehr gute Stimmung im Konzertsaal wurde durch Antonin Dvořáks „Symphonische Variationen“ noch gesteigert.

Mit Standing Ovation wurde das Konzert quittiert. Orchester und Dirigent ließen sich nicht lange bitten und spielten gleich zwei Zugaben. Zwei wunder-schöne kräftige Kompositionen, wo das ganze Orchester noch einmal zeigen konnte, wie es seine Instrumente beherrscht und zum Klingen bringen kann. Zuerst die Ouvertüre zu Guiseppe Verdis „La forza del destino“ - „Die Macht des Schicksals.“ Und zum Schluss Georges Bizets „L'Arlésienne-Suite“ aus „Farandole“. Zwei Werke, die jeder kennt und oft gehört hat. Wenn man sie dann aber hört, taucht die Frage auf, wer hat denn das komponiert? Schließlich ist man nur bescheidener Experte, wenn auch großer Fan. Für solche Fragen steht übrigens das äußerst kompetente Team von Young Euro Classic bereit. Hoffen wir, um noch mal politisch zu werden, dass die Macht des Schicksals die Türkei nicht weiter in die Isolation treibt. Es wird ein Leben in der Türkei nach Erdogan geben.

Übrigens, den türkischen Botschafter Ali Kemal Aydin, den man im ersten Teil des Abends noch in der ersten Reihe sitzen sah, verschwand in der Pause. Sicherlich hatte er noch einen anderen wichtigen Termin, oder die Rede von Rolf-Dieter Krause hat ihm nicht gefallen, was die gegenwärtige Geisteshaltung der türkischen Regierung widerspiegeln würde. Nicht jeder ist für Lichtblicke zu haben, sondern verharrt lieber in seiner Dunkelkammer.

Ed Koch

  
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