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Wie die Saat, so die Ernte

geschrieben von: Redaktion am 03.01.2018, 10:14 Uhr
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„Wie die Saat, so die Ernte“ steht über dem Portal der Friedrich-Bergius-Schule in Friedenau. Der Satz stammt nicht von dem Chemiker Bergius, sondern von einem bekannten alten Römer namens Marcus Tullius Cicero, der kurz vor unserer Zeitrechnung lebte, allerdings ein böses Ende fand. Seine Saat, viele kluge Reden und Schriften, die heute noch oft zitiert werden, beindruckten aber nicht alle Zeitgenossen. Bei der Ernte wurde er ermordet und bestialisch zerstückelt.

„Wie die Saat, so die Ernte“ steht über dem Portal der Friedrich-Bergius-Schule in Friedenau. Der Satz stammt nicht von dem Chemiker Bergius, sondern von einem bekannten alten Römer namens Marcus Tullius Cicero, der kurz vor unserer Zeitrechnung lebte, allerdings ein böses Ende fand. Seine Saat, viele kluge Reden und Schriften, die heute noch oft zitiert werden, beindruckten aber nicht alle Zeitgenossen. Bei der Ernte wurde er ermordet und bestialisch zerstückelt.

Die Zeiten haben sich geändert. Aber noch immer ist es so, dass die Saat oft nicht aufgeht oder nur Unkraut gedeihen lässt. Mit diesem Unkraut, das wir den großartigen Finanzsenatoren Sarrazin und Nußbaum zu verdanken haben, schlägt sich der heutige Senat seit einem Jahr herum. Das Unkraut heißt Fachkräftemangel und marode Schulgebäude. Jahrelang wurde die Stadt fast kaputt gespart, die Reparatur ist teuer und langwierig.

Auch unsere Gefängnisse befinden sich in keinem guten Zustand. Was nützen Überwachungskameras, wenn niemand am Bildschirm sitzt? Wenigstens konnte man nachher anschauen, wie sich die Gefangenen aus dem Staub machten. Wenn Gefangene entfliehen, wird reflexartig der Rücktritt des Justizsenators gefordert. Das hat in Berlin eine gewisse Tradition: „Am 10. Juli 1976 trat der konservative FDP-Politiker Hermann Oxfort zurück. Er übernahm mit diesem Schritt die politische Verantwortung für den spektakulären Ausbruch der RAF-Terroristinnen Inge Viett, Juliane Plambeck, Gabriele Rollnik und Monika Berberich aus der Frauenhaftanstalt in der Lehrter Straße.“ Der nächste war „Jürgen Baumann, eben-falls Mitglied der Freien Demokraten. Am 3. Juli 1978 erklärte er seinen Rücktritt aus ähnlichen Gründen wie sein Vorgänger. Er übernahm die politische Verantwortung für die gewaltsame Befreiung des RAF-Terroristen Till Meyer aus der Untersuchungshaftanstalt Moabit. Zwei Frauen hatten sich mit falschen Ausweisen als angebliche Rechtsanwältinnen Zutritt verschafft und mit einer Geiselnahme die Öffnung des Hauptportals erzwungen.“
Quelle: Der Tagesspiegel

Gemessen an diesen Strafgefangenen sind die aktuellen Freigänger kleine Fische. Der Rücktritt von Oxfort 1976 verhinderte nicht den Ausbruch 1978. Was bewirken also Rücktritte dieser Art? Nichts. Außer, dass die Medien mal wieder etwas zu berichten haben und sich die Bürger beruhigen. Interessant, dass es bei dem Vorgänger des jetzigen Justiz-senators Dirk Behrendt (Grüne) Thomas Heilmann (CDU) fast genauso viele Ausbrüche gab. Den Unterschied machte CDU-Fraktionschef Florian Graf in der Abendschau deutlich: Heilmann stand mit zerknirschtem Gesicht vor dem Gefängnis und Behrendt interessiere sich nicht für den Strafvollzug. Das erste Aufregerthema 2018 liegt also auf dem Tisch.

Dass sich die Oppositionsparteien über die Ausbrüche aufregen, ist verständlich, aber auch aus den eigenen Reihen der Rot-Rot-Grünen Koalition kommen kritische Stimmen. Und immer wenn es darum geht, mal wieder in ein ihm hingehaltenes Mikrophon zu sprechen und gegen die Koalition zu poltern, nimmt „Liebling Kaulsdorf“ Sven Kohlmeier die Gelegenheit wahr. Ja, die Performance von Behrendt ist suboptimal, erst heute will er sich äußern. Auch wenn er Schokoladenweihnachtsmänner an die Justizbeamten verteilt hat, ist er dennoch kein Sympathieträger. Aber welcher Politiker ist das schon.

Wenn in einem Gefängnis Insassen die Möglichkeit haben, sich aus einer Werkstatt eine Flex zu besorgen, um sich damit den Weg nach draußen frei zu sägen, würde ich eher an den Rücktritt des Anstalts-leiters denken. Reflexartig reagiert auch gleich wie-der die Abendschau und ruft nach der starken Hand des Regierenden Bürgermeisters. Das ist wirklich journalistische Realitätsverweigerung und Populis-mus pur. Dem Regierenden Bürgermeister nutzt seine Richtlinienkompetenz in einer Koalition wenig. Das könnte Abendschau-Moderatorin Böhme endlich einmal begreifen und auch Florian Graf weiß, dass Michael Müller seinen Wunsch nach Entlassung von Dirk Behrendt nicht erfüllen kann. Würde der Regierende Bürgermeister, was er formell könnte, einen Senator entlassen, wäre R2G Ge-schichte. Nicht einmal Bundeskanzlerin Merkel hat einen CSU-Minister entlassen, der vorsätzlich und böswillig die Geschäftsordnung der Bundesregierung verletzte.

Einen besonders schönen Fall von „Wie falle ich der eigenen Koalition in den Rücken“ liefern gerade die Grünen ab. Wie der Tagesspiegel berichtet, wollen sich die Grünen Abgeordneten Notker Schweikhardt, Stefanie Remlinger und Andreas Otto „nicht damit abfinden, dass Berlins neue Schulen vor allem eines sind: gleichförmig wie Schuhkartons.“ 50 Schulen werden kurzfristig gebraucht, weil man – um im Bild zu bleiben – nicht rechtzeig gesät hat. Jetzt müssen im Schnellverfahren Schulen entstehen, und da bleibt offenbar nur der Weg, Module zu Schulen zusammenzuschrauben.

Glücklich sein können die Schülerinnen und Schüler, die noch in ein richtiges klassisches Schulgebäude gehen können, vorausgesetzt, die Toiletten sind in Ordnung. Die fabrikartigen Kästen sind alles andere als Hingucker. Die großen Bausünden sozialdemokratischer Bildungspolitik in Form von gleichförmigen Gesamtschulen, sind durch Abriss weitestgehend aus dem Stadtbild verschwunden. Nun entsteht die neue Generation.

„Fifty Schools for Berlin – the Competition“, nennt sich der Aufruf der Grünen, „sich nicht mit dem aktuellen Gleichmaß abzufinden.“ Sie fordern den „größten Architekturwettbewerb der Welt.“ Die neuen Schulen werden das Stadtbild prägen, ob zum Vorteil darf bezweifelt werden. Die Grünen appellieren des-halb an den Senat, „den Wettbewerb zu wagen.“ „Zu den von ihnen vorgeschlagenen Bedingungen gehört, dass es ‚nicht um eine Typenschule gehen soll, nicht um den einen besten Entwurf‘, sondern um einen ‚Katalog von Vorschlägen und Ideen‘. Als Frist wollen sie 100 Tage ansetzen und alle Einsendungen sollen – in Gestalt von Postern oder Modellen – 50 Tage lang ausgestellt werden.“

Als Ergebnis dieses Wettbewerbs würden aus-schließlich Unikate entstehen, die sich in die jeweili-gen Kieze einfügen. Ich halte das für eine grandiose Idee, für Berlin und für die Schüler und Lehrer. Aber, zu spät. Das wissen auch die Abgeordneten. Die geplanten Schuhkartons sind nicht mehr aufzuhalten, 150 Tage oder länger warten, geht nicht mehr. Wa-rum aber dann diese Initiative? Geschlossenheit innerhalb der Koalition sieht anders aus.

Es ist schade, dass man nicht früher damit begonnen hat, so eine Idee anzugehen. Es zeigt mal wieder, dass Politik kaum vorausschauen kann. Weiß man nicht anhand der Geburtszahlen wann die Kinder sechs Jahre alt werden? Alles immer auf die wachsende Stadt und die Flüchtlinge zu schieben, ist zu einfach.

Ich weiß nicht, wie es heute in Hannover aussieht. In den siebziger Jahren war ich mit einer Gruppe Berliner Sozialarbeiter in der niedersächsischen Land-hauptstadt unterwegs, um Jugendfreizeiteinrichtungen zu besuchen. Station Eins. Ein Haus mit Giebel-dach, schön anzusehen. Große und kleine Gruppen-räume, Küche, Fotolabor, Keller, halt alles, was ein Freizeitheim ausmacht. Station Zwei. Ich dachte zuerst, der Bus wäre im Kreis gefahren, denn dieses Haus sah genauso aus wie das erste. Station Drei. Siehe Station Eins und Zwei. Als der Bus um eine Ecke fuhr, um Station Vier zu erreichen, breitete sich große Spannung aus, die sich beim Anblick des Hauses in ein entsetztes Ohhhhhhhhhh entlud. Keine Ahnung, wie viele weitere Häuser gleicher Bauart es noch gab. Kennst Du eins, kennst Du alle, konnte man zusammenfassend sagen. Gleichförmigkeit kann wirklich nerven.

Gleichförmigkeit ist aber eben preiswert. Ein Architekt, 50 Häuser. Und alles unter dem Motto „Die Kinder sind unsere Zukunft.“ So ein Stadtbild ist wirklich langweilig, aber nicht selten, auch in anderen Städten. Kreativität sieht anders aus. Die Grünen in Berlin haben mal wieder Recht, es nützt ihnen aber nichts. Wer nur Radieschen sät, wird nur Radieschen ernten.

Ed Koch

  
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