Willkommen bei PaperPress Jugendpolitischer Pressedienst
suchen  
Hauptmenü  

Online  
Es sind 8 Besucher und 0 _MEMBER0 online..

Anmeldung

Sprachen  
Sprache auswählen:


  

Verpflichtende Gedenkstättenfahrten

geschrieben von: Redaktion am 11.01.2018, 10:42 Uhr
paperpress549 
Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) fordert in „Bild am Sonntag“, einen Besuch im Konzentrationslager für Asylbewerber zur Pflicht zu machen. „Ich fände es sinnvoll, wenn jeder, der in diesem Land lebt, verpflichtet würde, mindestens einmal in seinem Leben eine KZ-Gedenkstätte besucht zu haben.” Diese Forderung ist äußerst begrüßenswert, wenn auch so alt wie die Leugnung des Holocaust. In den 1960er Jahren war es der Jugendverband „Die Falken“, der unter Leitung von Harry Ristock, Heinz Beinert und Alfred Gleitze zu Gedenkstättenfahrten nach Auschwitz einlud. Jahrzehntelang haben die „Falken“ diese Besuche an den schrecklichsten Orten deutscher Geschichte angeboten, für Jugendliche und Erwachsene.

Aus einem Ausstellungsprojekt im Jugendclub Bungalow am Mariendorfer Damm mit den Zeitzeugen Wolfgang Szepansky und Emil Ackermann entstand 1979 ein weiteres regelmäßiges Angebot an Gedenkstättenfahrten in der Trägerschaft des Paper Press e.V. Bis 2012 führte der Verein 64 Gedenkstättenfahrten für Jugendliche und Erwachsene mit 2.369 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach Dach-au/München, Auschwitz-Birkenau/Krakau, Buchen-wald/Weimar, Stutthof/Danzig, Lidice und Theresien-stadt/Prag, Sachsenhausen/Oranienburg, Majdanek/Warschau und Mauthausen/Wien/Linz durch. Die Fahrten, an denen Jugendliche teilnahmen, wurden durch die Senatsjugendverwaltung finanziell gefördert. Die Erwachsenen erhielten Bildungs- bzw. Sonderurlaub für die Teilnahme an den Fahrten.

Zwischen 1995 und 2012 unternahm der Paper Press e.V. auf Initiative von Michael Müller die Gedenkstättenfahrten in Kooperation mit dem SPD-Landesverband Berlin, offen für alle Interessenten. Diese Fahrten richteten sich an die Zielgruppe junge und ältere Erwachsene. Jugendgruppenfahrten ließen sich nur über eine Zusammenarbeit mit Schulen realisieren. Von als Gedenkstättenfahrten getarnten „Abi-Reisen“ mit staatlicher Förderung hatte der Paper Press e.V. bald genug. Das Problem bestand im Wesentlichen aus der unzureichenden Vorbereitung der Jugendlichen auf eine Gedenkstättenfahrt, die in der Schule intensiv hätte erfolgen müssen.
Dass man sich in einer Gedenkstätte dezent kleidet und nicht in Hot-Pants durch die Baracken läuft, war den Jugendlichen häufig ebenso fremd wie das Rauchverbot. Nicht selten hatten Jugendliche beim Besuch der Gedenkstätten noch eine Alkoholfahne vom Vortag aus einer Prager oder Krakauer Kneipe, in der sie ausgiebig feierten.

Die verpflichtende Teilnahme an einer Gedenkstättenfahrt ist angesichts des aufflammenden Antisemitismus in Deutschland dringend geboten. Nicht allein für Asylbewerber, sondern vor allem für alle Oberschüler. Sinn macht es aber nur, wenn diese Fahrten gründlich vorbereitet werden, am besten in der jeweiligen Schule, besser noch an einem externen Ort von Fachleuten. Ein schlichter Geschichtslehrer kann das nicht leisten. Die Teilnehmer an den Paper Press-Gedenkstättenfahrten meldeten sich freiwillig aus eigenem Interesse an. Sie hatten sich bereits mit dem Thema längere Zeit beschäftigt und wollten nun einmal die ehemaligen Konzentrationslager vor Ort betrachten. Für diese vorgebildete Zielgruppe reichte ein Abend in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in der Stauffenbergstraße mit einem detaillierten Vortrag des Leiters Prof. Dr. Johannes Tuchel als Vorbereitung aus. Für Jugendliche kann das nur der Einstieg in mehrere Veranstaltungen sein.

Das Problem bei vielen Gedenkstätten ist, dass man heute kaum noch etwas sieht außer großen freien Flächen, auf denen Baracken standen und viele Schautafeln. Eine realistische Vorstellung von dem, was ein KZ war, findet man nach wie vor nur in Auschwitz und Birkenau. Der Nachteil dieser Gedenkstätte ist allerdings, dass sie zu einer Art Pflichtprogramm für jeden Besucher von Krakau gehört, wie das Salzbergwerk Wieliczka und das Jüdische Viertel Kazimierz, bei dem man mehr daran interessiert ist, wo Steven Spielberg seinen Kaffee trank, als er „Schindlers Liste“ drehte, als an der Remuh Synagoge. Es ist ein wenig Disneyland mit Betroffenheitsversprechen. Ich habe rund 20 Gruppen nach Auschwitz und Birkenau begleitet und Besucher erlebt, bei deren Anblick und über deren Ver-halten mir regelmäßig schlecht wurde. Nervig war die unvermeidliche Warteschlange an der Erschießungsmauer zwischen den Blöcken 10 und 11, an der man seinen Kranz niederlegen wollte.

Rückblick ins Archiv der Paper Press-Gedenkstätten-fahrten: www.gedenktstaettenfahrten.de

Der 50ste Jahrestag der Befreiung von Auschwitz im Jahre 1995 veranlasste den damaligen Vorsitzenden der SPD-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung von Tempelhof, Michael Müller, zu einer Gedenkstättenfahrt in das ehemalige Konzentrationslager einzuladen. Den gemeinnützigen Verein Paper Press e.V., der seit 1979 Fahrten zu Gedenkstätten anbietet, hatte Müller mit der Durchführung dieses Projektes betraut. Fast 60 Menschen, politisch engagierte und gebundene ebenso wie unabhängige, nahmen an der Reise in die dunkelste Epoche der Deutschen Geschichte teil.

Da das Interesse erkennbar groß war, boten Paper Press und Michael Müller in den kommenden Jahren weitere Gedenkstättenfahrten nach Auschwitz und Birkenau an. Zehn Jahre später, Michael Müller ist inzwischen Vorsitzender seiner Partei und der Abgeordnetenhausfraktion, fand Ende Mai 2005 die zwölfte Fahrt statt. Über 400 Teilnehmer/innen haben durch die Initiative von Michael Müller Auschwitz und Birkenau in den letzten zehn Jahren besucht.
Im früheren Konzentrationslager nehmen die Interessenten an einer 6-stündigen Studienführung teil, die sich deutlich von den touristischen Kurzaufenthalten der meisten Besuchergruppen unterscheidet. An der Erschießungsmauer legten Michael Müller, die Projektleiter Uwe Januszewski und Oliver Schworck, sowie Paper Press Vorstand Ed Koch ein Blumengebinde zum Gedenken an die weit über eine Million Auschwitz-Opfer nieder. Damit verloren allein im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ein Sechstel aller ermordeten Juden ihr Leben. In einer kurzen Ansprache vor den Teilnehmer/innen sagte Michael Müller:

„Der Besuch dieses Ortes erzeugt Bestürzung und Trauer. Wir wissen, dass alles, was heute noch vom Konzentrationslager Auschwitz zu sehen ist, nur einen schwachen Eindruck von dem vermitteln kann, was sich vor 60 Jahren hier abgespielt hat. Die schrecklich lange Liste, der hier zu Tode gekommenen Menschen ist international. Aus ganz Europa sind sie hierhin verschleppt und ermordet worden. Zu allen diesen Opfern gab es Täter. Hier in Auschwitz starb niemand zufällig. Kein Tod war ein Unfall. Es gab kein Leben, das nicht hätte gerettet werden können.

Die Unvorstellbarkeit dessen, was hier geschehen ist, gehört zu unserer Geschichte. Dieses Grauen beschäftigt nicht erst uns Nachkommen. Hier in Auschwitz spürt man die gegeneinander wirkenden Kräfte, die unsere Geschichte freisetzt fast körperlich. Auf der einen Seite sind die historischen Forschungen über das, was hier und in anderen Vernichtungslagern passiert ist, weit fortgeschritten. Aber trotz der Dichte an Informationen sind wir auf der anderen Seite nach wie vor nicht im Stande, das Geschehene zu begreifen.
Der Eindruck, den dieser Ort und seine Geschichte bei uns hinterlassen, ist so intensiv, so beklemmend und zerstörerisch, dass viele von uns ihn lange nicht werden abschütteln können. In nicht allzu ferner Zukunft werden auch die letzten Überlebenden von Auschwitz nicht mehr unter uns sein. Weder die Opfer noch die Täter werden uns dann noch Auskunft geben können. Doch auch dann bleiben Erinnerung und Mahnung ein Auftrag. Jeder von uns, der sich dem Leiden der Opfer nicht verschließen kann und will, ist deshalb aufgefordert, sich gesellschaftlich zu engagieren. Krieg, Rassismus und jeder anderen Art von Menschenverachtung mit oder ohne ideologischen Hintergrund muss entschieden entgegengetreten werden.

Auschwitz ist ein Ort, der uns verstehen lässt, dass es nicht reicht, als guter Demokrat das nationalsozialistische System zu verabscheuen. Nein, es muss jedem rassistischen und nationalsozialistischen Gedankengut offensiv begegnet werden. Auschwitz ist auch ein Ort, der allen Demokraten Recht gibt, die in den Monaten seit Anfang des Jahres der verschiedenen 60sten Jahrestage gedacht haben. Der 60ste Jahrestag der Befreiung dieses Lagers am 27. Januar 1945, die zahlreichen Veranstaltungen und die große Demonstration zum Jahrestag des Kriegsendes und die Eröffnung des Holocaust Mahnmals sind Gelegenheiten gewesen, die zu einer intensiven und sehr breiten Auseinandersetzung mit unserer Geschichte geführt haben.
Diese Debatten geben Anlass zum Optimismus, dass das Gedenken nicht mit den letzten Zeitzeugen des Nationalsozialismus beendet sein wird. Allerdings haben diese Gedenktage auch gezeigt, dass wir den Missbrauch der Erinnerung an die deutschen Opfer und die Trauer über das Leid auch der Deutschen verhindern müssen. Offen wie selten in den Jahren zuvor haben Neonazis versucht, Verbrechen der Deutschen, mit dem Leid der Deutschen aufzurechnen. Dem entgegenzutreten ist Aufgabe aller demokratischen Parteien und Bürger. Die Verbrechen, die Deutsche zwischen 1933 und 1945 an Millionen von Menschen begangen haben, lassen sich nicht mit anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufrechnen.

Im letzten Jahr hat die Berliner SPD eine Gedenkstättenfahrt nach Buchenwald unternommen. Der dortige ‚Verein zur Förderung der Erinnerung an das KZ Buchenwald‘ hat die Aufgabe der Gedenkstätte sehr treffend beschrieben. Diese Aufgabe wird auch in Auschwitz erfüllt: ‚Die Geschichte, die sich an diesem Ort verkörpert, fordert dazu auf, die Unselbständigkeit des Guten zu erkennen. Freiheit, Gerechtigkeit, Toleranz und Menschenwürde sind nur dann wirklich, wenn Menschen sich für diese Werte einsetzen und Verantwortung für ihre Verwirklichung übernehmen.‘ Diesem Auftrag an jede und jeden von uns, die Gesellschaft, in der wir leben wollen, zu gestalten und vor jeder Art von Totalitarismus zu verteidigen, möchte ich mich anschließen.“ Michael Müllers Rede in Auschwitz 2005 ist heute so aktuell wie damals.

Verpflichtende Gedenkstättenfahrten für Schülerinnen und Schüler war schon immer eine wichtige Forderung. Umgesetzt worden ist sie bislang nicht. Vielleicht findet Staatssekretärin Sawsan Chebli einen Weg. Vor einem touristischen Programm warne ich ausdrücklich. Und ohne entsprechende Vorbereitung sollte man keinen Jugendlichen auf so eine Reise schicken. Wenn man über das weitläufige Gelände von Buchenwald läuft, dazu noch bei herrlichem Sonnenschein, fällt es nicht nur jungen Menschen schwer, nachzuvollziehen, dass hier über eine Million unschuldiger Menschen ermordet wurden, nur allein deshalb, weil sie nicht ins Weltbild der nationalsozialistischen Ideologie passten.

Mit dem Untergang der Nazi-Diktatur in Deutschland endete nicht das Morden an ethnischen Minderheiten weltweit. Der Holocaust wird sich in der Form in Europa nicht wiederholen, davon bin ich überzeugt. Die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland hat nach Kriegsende aber bereits zu viele Todesopfer gefordert. Man sollte in den Schulen weniger über Armin, den Cherusker, und siegreiche Schlachten des Alten Fritz unterrichten, sondern über das, was wirklich wichtig ist.

Ed Koch

  
Anmeldung  




 


Registrierung

Impressum  
p a p e r p r e s s
Ed Koch (Herausgeber und verantwortlich für den Inhalt)
Träger: Paper Press Verein für gemeinnützige Pressearbeit in Berlin e.V.
Vorstand: Ed Koch - Mathias Kraft
Postfach 42 40 03
12082 Berlin
Email: paperpress[at]berlin.de
PDF-Newsletter-Archiv:
www.paperpress-newsletter.de

Diese WebSite wurde mit PostNuke CMS erstellt - PostNuke ist als freie Software unter der GNU/GPL Lizenz erh�ltlich.