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10.315 Tage

geschrieben von: Redaktion am 04.02.2018, 13:52 Uhr
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In der ARD-Quiz-Sendung „Wer weiß denn sowas?“ wurde vor einigen Wochen die Frage gestellt, was am 5. Februar 2018 besonders ist. Eine der drei möglichen Antworten war: 10.315 Tage stand die Berliner Mauer und das ist am 5. Februar 2018 10.315 Tage her. Ich weiß nicht mehr, ob Elton oder Bernhard Hoëcker die richtige Antwort gab. Jedenfalls rechnete ich nach und es stimmte. Zirkeltag nennt man dieses Ereignis, das in den Medien rauf und runter behandelt wird, mit größerer Aufmerksamkeit als an einem 13. August oder 9. November. Ich habe während dieser 20.630 Tage im Westteil Berlins gelebt, also die Zeit während und nach der Mauer. Nach den Fakten zur Mauer folgt ein leicht sarkastischer Rückblick auf mein Leben mit der Mauer und danach.

Zuerst die Fakten

Die Berliner Mauer war während der Teilung Deutschlands ein hermetisch abriegelndes Grenzbefestigungssystem der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), das mehr als 28 Jahre, vom 13. August 1961 bis zum 9. November 1989, bestand. Es trennte nicht nur die Verbindungen im Gebiet Groß-Berlins zwischen dem Ostteil („Hauptstadt der DDR“) und dem Westteil der Stadt, sondern umschloss völlig alle drei Sektoren des Westteils und unterbrach damit auch seine Verbindungen zum Berliner Umland, das im DDR-Bezirk Potsdam lag.

Von der Berliner Mauer ist die ehemalige innerdeutsche Grenze zwischen West- (alte Bundesrepublik) und Ostdeutschland (DDR) zu unterscheiden.

Die Berliner Mauer als letzte Aktion der Teilung der durch die Nachkriegsordnung der Alliierten entstandenen Viersektorenstadt Berlin war Bestandteil und zugleich markantes Symbol des Konflikts im Kalten Krieg zwischen den von den Vereinigten Staaten dominierten Westmächten und dem sogenannten Ostblock unter Führung der Sowjetunion. Durch einen Beschluss der politischen Führung der Sowjet-union Anfang August 1961 und mit einer wenige Tage später ergehenden Weisung der DDR-Regierung errichtet, ergänzte die Berliner Mauer die 1.378 Kilometer lange innerdeutsche Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutsch-land, die bereits mehr als neun Jahre vorher „befes-tigt“ worden war, um den Flüchtlingsstrom zu stoppen.

Für die DDR-Grenzsoldaten galt seit 1960 in Fällen des „ungesetzlichen Grenzübertritts“ der Schießbefehl, der erst 1982 formell in ein Gesetz gefasst wurde. Bei den Versuchen, die 167,8 Kilometer langen und schwer bewachten Grenzanlagen in Richtung West-Berlin zu überwinden, wurden mindestens 139 Menschen getötet, vermutlich waren es mehr, einige Quellen sprechen von bis zu 245 Opfern.

Die Berliner Mauer wurde am Abend des 9. November 1989 im Zuge der politischen Wende geöffnet. Diese wurde unter dem wachsenden Druck der mehr Freiheit fordernden DDR-Bevölkerung vollzogen. Der Mauerfall ebnete den Weg, der innerhalb eines Jahres zum Zusammenbruch der SED-Diktatur, zur Auflösung der DDR und gleichzeitig zur staatlichen Einheit Deutschlands führte. Quelle: wikipedia

Soviel zu den Fakten. Zwar wurden wir West-Berliner ringsherum eingemauert, in Wirklichkeit galt die Abschottung aber der eigenen Bevölkerung. Die DDR drohte Anfang der 1960er Jahre auszubluten, immer mehr Menschen gingen in den Westen. Als „Antifaschistischen Schutzwall“ getarnt, schob Walter Ulbricht, von der Sowjetunion eingesetzter Diktator für Ostdeutschland, den Riegel vor. Welches Leid damit vor allem in Berlin ausgelöst wurde, lässt einen noch heute wütend werden. Familien wurden zerrissen und konnten sich erst zu Weihnachten 1963 wiedersehen, als ein Passierscheinabkommen mit der DDR vereinbart wurde. Aus rein humanitären Gründen erfolgte das nicht. Die Kommunisten im Osten brauchten Geld. Jede Erleichterung im Reiseverkehr zwischen Ost und West wurde vom Westen teuer erkauft. Und auch die Reisenden in den Osten wurden an der Grenze zur Kasse gebeten, 25 DM wurden 1:1 in 25 Mark der DDR getauscht, obwohl der „offizielle“ Kurs bei 1:4 lag, was auch schon mächtig übertrieben war.

Meine Eltern hatten eine Schneiderei in Friedenau. Und am 14. August 1961 fehlten plötzlich ein paar Näherinnen. Sie wohnten in Ost-Berlin und konnten nicht mehr in den Westen. So erging es vielen Betrieben in West-Berlin. Anfänglich gab es noch Schlupflöcher, und so stand ein paar Tage später eine Näherin aus Ost-Berlin wieder bei uns im Betrieb. Wir halfen ihr bei der Wohnungssuche und sie blieb im Westen. Im Laufe der Jahre wurde die Mauer immer dichter. Es ist in der Nachschau unglaublich, was das DDR-Regime in seinen Schutzwall vor uns bösen Faschisten investiert hat. Und das schlimmste daran ist, dass wir mit unserem Geld die Mauer mitfinanziert haben. Wir haben Milliarden in die DDR gepumpt für immer mehr kleine Schritte menschlicher Erleichterungen und immer ausgefeilterer Methoden, die Flucht über die Mauer zu verhindern

Fuhr man mit dem Reisebus von Berlin nach Prag, so war man einschließlich Grenzkontrollen bis zu zehn Stunden unterwegs. Das schafft man heute in dreieinhalb Stunden. Reisen auf dem Landweg waren anstrengend. „Machen Sie mal den Kofferraum uff!“ waren die Begrüßungsworte der Grenzsoldaten. Grauenvoll. Dieses Warten und dieses Machtgehabe der Grenzer waren zum Kotzen. Und für jede Fahrt durch den Arbeiter und Bauernstaat haben wir bezahlt. Leider hat die DDR das Geld nicht in den Straßenbau investiert, sondern doch wohl eher in die Beschaffung von Panzern, mit denen man 1968 den Prager Frühling niederwalzte. 100 km/h durfte man auf den DDR Autobahnen fahren, die seit der Ein-weihung durch Adolf Hitler keinen neuen Belag be-kommen haben. Mehr als 100 konnte man ohnehin nicht fahren, ohne einen Achsbruch zu riskieren.

Wollankstraße von Ost und West

Bei einem Besuch in Ost-Berlin kam ich mit ein paar Freunden auf die grandiose Idee, mich außerhalb der Touristenmeilen der Hauptstadt der DDR umzuschauen. Unser Weg führte zur Wollankstraße. Während meiner Ausbildungszeit fuhrt ich dreimal in der Woche von Friedenau nach Lübars über den Bahnhof Wollankstraße, von dem aus man gut in den Osten blicken konnte. Nun wollte ich mal in die umgekehrte Richtung schauen. Wir schlenderten also die Wollank-straße entlang, gingen in ein Haus und schauten uns auf dem Hof die Mauer von der anderen, nicht bemalten Seite an. Übersehen hatten wir Schilder, auf denen stand, dass sich hier nur Bewohner aufhalten dürfen. Und die Bewohner, die uns begegneten, gaben uns keinen Hinweis, sondern schauten uns nur komisch an.

Es dauerte nicht lange und ein Wagen der Volkspolizei stand neben uns. Große Aufregung. Nun hätte man nach Kontrolle der Ausweise sagen können, verpisst Euch aus diesem Gebiet, aber nein, es musste eine Staatsaktion erfolgen. Ein zweiter Wagen kam und transportierte uns, wir waren zu viert, ab aufs Revier. Einzelvernehmung an einem Samstagabend. Ein offenbar höher gestellter Polizist wurde extra aus seinem wohl verdienten Samstagabendprogramm abberufen, um uns zu vernehmen.

Alles wollte man von uns wissen, auch Kirchenzuge-hörigkeit, Gewerkschaften und Partei. Die Vorunter-sucher in Uniform schrieben alles auf und berichteten es dann dem Chef in Zivil. Durch die leicht angelehnte Tür konnte ich hören, wie einer zu seinem Vorgesetzten sagte, „einer von denen ist in der SPD.“ Danach wurde alles etwas freundlicher und nach zirka zwei Stunden durften wir uns wieder auf den Weg in Richtung Friedrichstraße machen. So schnell sind wir noch nie durch den Tränenpalast gelaufen. Vor ein paar Jahren war ich auf dem Wege zu einer Weihnachtsfeier in der Nähe der Wollankstraße, fuhr dorthin mit der S-Bahn und schaute mir den Tatort von damals, nun problemlos von Ost und West an.

Mit dem Zustand abgefunden

Die Mauer war Realität. Im Alltag spürte man sie kaum, es sei denn, man besuchte jemand im Osten oder fuhr auf dem Landweg in die Bundesrepublik. Die Flugpreise waren hoch subventioniert, da flog man auch schon mal nach Hannover oder Hamburg auf einen Kaffee. Die politische Aufmerksamkeit, die West-Berlin hatte, gefiel uns sehr. Kein Bonner (Bonn war damals Bundeshauptstadt) Staatsgast, der etwas auf sich hielt, ignorierte West-Berlin. Alle US-Präsidenten kamen, die Queen und viele andere. Je nach Bedeutung gab es Schulfrei. Alle machten ein betroffenes Gesicht an der Mauer und beschimpften die Sowjetunion. Dass eines Tages die Mauer fallen müsse, forderten alle, es wurde zum Ritual. Niemand glaubte daran. Wir hielten die DDR am Leben und das Verhältnis entspannte sich. Die Mauer blieb aber stehen.

Es war schön in West-Berlin. Überschaubar, aufgeräumt, zur Freude der „restlichen“ Bundesdeutschen, hoch subventioniert und mit acht Prozent Berlin-Zulage aufs Gehalt, lebten wir vor uns hin. Flüchtlingskrisen gab es nicht, die einzigen, die nach West-Berlin flüchteten waren die Wehrdienstverweigerer. Meinetwegen hätte es ewig so weitergehen können. Bei Besuchen im Ausland war man besonders nett zu uns, weil wir doch mit diesem schweren Schicksal beladen waren. Wir hatten uns alle mit dem Zustand abgefunden, auch damit, unsere Verwandten im Osten nicht andauernd sehen zu müssen, sondern nur selten, meistens, wenn der Jakobs Krönung-Vorrat zu Ende ging. Dann fuhr man rüber. In meinem Fall nach Grüna, ein kleines Dorf, zwei Kilometer entfernt von dem etwas größeren Dorf Kloster Zinna. Hier kam meine Mutter zur Welt, ihre Schwester und die Eltern lebten dort bis zu ihrem Tode. Und hier lernte sie meinen Vater kennen, der nach dem Krieg Bürgermeister von Grüna war. 1948, wenige Monate vor meiner Geburt, trafen meine Eltern die beste Entscheidung meines und ihres Lebens, nämlich nach Berlin-Friedenau zu ziehen. Während der Blockade, in die ich hineingeboren wurde. Das muss eine richtige Scheißzeit gewesen sein. Wer mit diesem Hintergrund nicht Antikommunist wurde, hat einiges nicht mitbekommen.

Nein, ich war kein Freund der DDR und ihrer im Warschauer Pakt Verbündeten. Das hielt mich von gelegentlichen Besuchen nicht ab. Meine Verwandten in Grüna, die dort eine Gärtnerei betrieben und Zwangsmitglied in der GPG (Gärtner-Produktions-Genossenschaft) waren, haben nie geklagt. Auch sie hatten sich abgefunden mit dem System und in ihrem Dorf eine kleine heile Welt aufgebaut. Man hatte alles, was man braucht. Überall in der DDR, auch in den Städten. Niemand war obdachlos, niemand musste Hunger leiden, niemand war arbeitslos und eine Bürgerversicherung brauchte man nicht, weil sich der Staat um alles kümmerte. Kita-Platz. Kein Problem. Man lebte in ordentlichen Verhältnissen und die Jugendlichen gingen am Wochenende in die FDJ-Disco und ballerte sich einen an, so wie ihre Altersgenossen im Westen.

Und dann kam die Wende

Es brodelte im Ostblock. Und dann verbreitete sich der Frust auch in der DDR. Tausende von Bürgern gingen auf die Straßen. Und Millionen blieben zu Hause und schauten sich alles im West-Fernsehen an. Letztlich brachten es tatsächlich die an der Ge-samtbevölkerungszahl gemessen wenigen Menschen fertig, das Regime zusammenbrechen zu lassen und die Mauer vom Osten aus zu öffnen. Eine grandiose Leistung, ohne Blutvergießen, ohne weitere Opfer. Gedankt haben es ihnen die Millionen, die nur zuschauten, nicht. Bei der ersten Gesamtdeutschen Wahl am 2.12.1990 versenkten die Ostdeutschen Wähler einen der Wegbereiter der Maueröffnung, das Bündnis 90, mit 6,2%. 41,8% entschieden sich für den Weg der blühenden Landschaften des Kapitalismus und wählten die CDU. Das war wirklich eine tolle Leistung. Zur Belohnung gab es dann 100 DM, die sich einige vor Begeisterung gleich mehrfach abholten.

10.315 Tage nach dem Fall der Mauer ist Deutschland nur geographisch ein Gebiet. Zusammengewachsen, was zusammengehört, sind die beiden Teile noch längst nicht. Und wieder ist es Berlin, wo diese immer noch bestehende Teilung am deutlichsten zu spüren ist. Nicht für die Millionen Besucher aus aller Welt, aber für die, die 20.630 Tage hier lebten. Da kann gebaut werden, was das Zeug hält, ich registriere immer noch, wenn ich über den Mau-erstreifen fahre. Und immer noch wird in Gesprächen festgestellt, wer Ossi und wer Wessi ist. Warum sagen die Ossis nicht einfach Zweizimmer-Wohnung? Und warum reden sie ständig von dem Stadtbezirk, in dem sie wohnen. Es gibt keine Stadtbezirke, verdammt nochmal. Die Gutmenschen halten mir jetzt natürlich vor, dass ich ja auch Zweiraum-Wohnung sagen könnte. Könnte ich, mache ich aber nicht.

Ja, es ist schön in Groß-Berlin zu leben. Und ich genieße es auch. Meinetwegen, wie gesagt, hätte man sich die Mühe aber nicht machen müssen. Und ja, ich habe viele Menschen aus dem Ostteil der Stadt kennengelernt, viele davon mag ich auch, genauso viele aber auch nicht. Zur Relativierung muss ich natürlich sagen, dass es mir bei den Wessis genauso geht. Ich werde es nicht mehr erleben, dass der Ost-West-Unterschied aus Berlin verschwunden sein wird. Die Teilung dauerte ja nicht nur 28 Jahre, sondern ab 1945 gerechnet 44 Jahre. Das ist mehr als eine Generation. Ich wünsche den nachwachsenden Generationen, dass für sie Ost und West nur noch Himmelsrichtungen sind.

Ed Koch

  
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