Willkommen bei PaperPress Jugendpolitischer Pressedienst
suchen  
Hauptmenü  

Online  
Es sind 7 Besucher und 0 _MEMBER0 online..

Anmeldung

Sprachen  
Sprache auswählen:


  

Frank Zander: Der gute Geist der Gestarndeten - Berlin fehlt die Treberhilfe

geschrieben von: Redaktion am 22.12.2018, 08:53 Uhr
paperpress560 
Was 1995 als kleine Aktion mit 250 Obdachlosen im Schloss Diedersdorf begann, hat sich zu der größten Weihnachtsfeier Berlins mit 3.000 Gästen im Neuköllner Estrel Hotel entwickelt. Wer Frank Zander persönlich kennt, weiß, dass der inzwischen 76-jährige Musiker zwar ein großes Showtalent ist, aber nicht in Sachen eigener Zurschaustellung und Vermarktung. Das ist nicht sein Ding. Zander ist bodenständig, ohne Allüren, Empathie ist sein zweiter Vorname. Seit 50 Jahren ist er verheiratet, mit ein und derselben Frau. Evi ist die Stütze an seiner Seite, auch wenn das Management inzwischen sein Sohn Markus übernommen hat, der auch das Gänsebraten-Essen im Estrel organisiert. Markus Sohn Elias hat Opa Frank in diesem Jahr als Schlagzeuger der Band JAMPAX beim Rocktreff in Mariendorf begeistert.

Den Zanders gelingt es seit 23 Jahren, Berliner Promis für die gute Sache einzuspannen. So wie jeder Obdachlose dabei sein möchte, so inzwischen auch jeder Politiker und Künstler, natürlich der Re-gierende Bürgermeister Michael Müller, aber auch Linken-Ikone Gregor Gysi, die in Neukölln unver-meidliche Franziska Giffey und Entertainer Wolfgang Lippert sowie viele viele andere mehr. Und das ist gut so.

Es ist ein großer Abend in Neukölln für die 3.000 Gestrandeten, mit gutem Essen, einem vergnüglichen Show-Programm und einem liebevollen Gast-geber. Für einen Obdachlosen, der in der Abend-schau zu Wort kam, ist die Einladung zu Zander der schönste Tag im Jahr. Jetzt ist er wieder auf der Platte, nur ein Ziel vor Augen, nämlich im nächsten Jahr wieder dabei zu sein. Der Gedanke lässt keinen unberührt, dass die vielen Menschen nach Frank Zanders Hertha-Hymne „Nur nach Hause geh‘n wir nicht“, die am Ende jeder Feier steht, aus dem warmen sauberen Hotel zurück in die dunkle, regnerische und kalte Stadt müssen.

Auf den Tag genau vor 10 Jahren

Muss das sein? Die Obdachlosenzahlen haben sich in den letzten zehn Jahren dramatisch nach oben entwickelt. Ihre Zahl wird heute auf rund 10.000 geschätzt, wovon etwa die Hälfte aus Osteuropa stammt. Obdachloser ist Obdachloser, trennen wir aber einmal für eine Betrachtung die „Einheimi-schen“ von den „Zugereisten“, also unser hausgemachtes von dem überstülpten Problem. Es ist heute auf den Tag genau zehn Jahre her, da erschien im Tagesspiegel eine Reportage von Thomas Loy mit der inzwischen legendären Überschrift „Hol schon mal den Maserati.“ Berichtet wurde über einen freien Träger mit dem Namen „Treberhilfe“. Geschäftsführer Harald Ehlert, später als „Maserati Harry“ verspottet, präsentieret sich als Sozial-Unternehmer mit Cowboyhut und dickem Dienstwagen. Das absolute Gegenmodell aller Gutmenschen, die erwarten, dass Geschäftsführer von Sozialträgern in verwaschenen Jeans und einem alten VW Golf unterwegs sind.

Harald Ehlert verschwendete für solche Sozialromantik keine Zeit. Er zog die Bekämpfung der Obdachlosigkeit nicht sozialpädagogisch, sondern kaufmännisch auf. Und zwar äußerst erfolgreich. Er zeigte allen anderen Trägern, ob Diakonie oder Caritas, wie man effektiv für die Zielgruppe arbeiten und dabei auch Gewinn machen kann für Investitionen in neue Projekte. Ehlert wurde schnell zum Liebling aller Politiker, weil er ihnen viele Sorgen abnahm. Er wurde aber auch zum Schrecken der konkurrierenden Träger, die es nicht hinbekamen, im Gegensatz zu Ehlert, ihre Einrichtungen maximal auszulasten und somit die höchsten Einnahmen zu erzielen. Ehlerts Treberhilfe war auf der Erfolgsspur. Die teilweise reißerische Tagesspiegel-Reportage, über die die Treberhilfe am meisten erschrocken war, vermochte Harald Ehlert und seinem Unter-nehmen nichts anhaben.
Unter
https://www.tagesspiegel.de/berlin/stadtleben/berliner-treberhilfe-hol-schon-mal-den-maserati/1402336.html

ist der Tagesspiegel-Beitrag nachzulesen. paper-press war die einzige Publikation in Berlin, die die-ses Thema aufgriff, kritisch gegenüber dem Tages-spiegel, aber auch Ehlerts Treberhilfe. Nachzulesen unter

www.paperpress.org/index.php?name=News&file=article&sid=775

Im Jahre 2009 schwamm Ehlert mit seiner Treber-hilfe von Erfolg zu Erfolg. Zu sehr genoss er diesen Erfolg und ließ die anderen merken, dass sie Loser in diesem Geschäft sind. Er selbst hatte sich den schon erwähnten Maserati als Dienstwagen angeschafft, weil ein großer Audi zu teuer war. Hätte er bloß mehr Geld ausgegeben und diesen Audi gekauft, die Geschichte wäre anders verlaufen. Ehlerts Mitarbeiter waren in weißen BMWs unterwegs mit den Kennzeichen B – TH. Er wollte Verhandlungen mit anderen Unternehmen und Banken auf Augen-höhe führen und nicht mit einem Gebrauchtwagen vorfahren. Der 3. Juli 2009 war der Höhepunkt der Zurschaustellung von Ehlerts Erfolg. Er lud 500 Leute aus Politik und der Branche auf die werdersche Bismarckshöhe ein. Ein Fest, bei dem es an nichts mangelte bis hin zu einem Feuerwerk, das Branden-burg zuvor noch nie erlebt hatte. Die Promidichte aus der Politik auf der Bismarckshöhe war vergleichbar mit der bei Zanders Gänsebraten-Essen. Kaum einer von den in Feierlaune befindlichen Gästen hörte Ehlerts Begrüßungsworten richtig zu, als er über ein beeindruckendes Renditemodell für den Staat sprach. „Für jeden Euro an Leistungen, finanziert aus Haushaltsmitteln, fließt 1,19 Euro an staatliche Institutionen zurück. Sozialleistungen sind eine rentable Anlage öffentlicher Mittel.“, lautete sein Botschaft.
Zum Nachlesen:
www.paperpress.org/index.php?name=News&file=article&sid=909

Mit diesem Modell hätte Ehlert alle anderen Konkurrenten aus dem Feld geschlagen. Nicht der Maserati, sondern dieses Modell wurde zum Sargnagel für die Treberhilfe.

Am 12. Februar 2010 stellte Ehlert sein „Social Pro-fit“-Projekt im Rathaus Schöneberg vor. Promidichte wie gehabt. Nur sieben Tage später platzte eine Bombe, auf dessen Explosion viele Konkurrenzunternehmen lange gewartet hatten. Ehlert selbst hat den Zünder betätigt. Eine Geschwindigkeitsübertretung des Maserati und die Weigerung, ein Fahrtenbuch zu führen, lösten die „Maserati“-Affäre aus. Nun heuchelten plötzlich alle Medien – bundesweit – Empörung über Ehlerts Fuhrpark, der spätestens seit dem 22. Dezember 2008 bekannt war. Sehr schnell wurde deutlich, dass es nicht um die Geschwindigkeitsübertretung ging. Als Speerspitze der Vernichtungskampagne gegen die Treberhilfe betätigten sich die damalige Sozialsenatorin Carola Bluhm und ihr Staatssekretär Rainer-Maria Fritsch mit Schützenhilfe der Diakonie. Es ist unbestritten, dass Ehlerts Anteil am Untergang der Treberhilfe beachtlich ist. Angeberei, herablassender Blick auf die Mitbewerben, zahlen sich nicht aus. Dennoch: Ehlert war ein visionärer Sozialunternehmer, wie ihn die Stadt seitdem nicht mehr erlebt hat. Die Treberhilfe fehlt Berlin.

Ed Koch

  
Anmeldung  




 


Registrierung

Impressum  
p a p e r p r e s s
Ed Koch (Herausgeber und verantwortlich für den Inhalt)
Träger: Paper Press Verein für gemeinnützige Pressearbeit in Berlin e.V.
Vorstand: Ed Koch - Mathias Kraft
Postfach 42 40 03
12082 Berlin
Email: paperpress[at]berlin.de
PDF-Newsletter-Archiv:
www.paperpress-newsletter.de

Diese WebSite wurde mit PostNuke CMS erstellt - PostNuke ist als freie Software unter der GNU/GPL Lizenz erh�ltlich.