Willkommen bei PaperPress Jugendpolitischer Pressedienst
suchen  
Hauptmenü  

Online  
Es sind 24 Besucher und 0 _MEMBER0 online..

Anmeldung

Sprachen  
Sprache auswählen:


  

Donner 8 arbres en offrande à l'amitié franco-allemande?

geschrieben von: Redaktion am 23.02.2019, 10:42 Uhr
paperpress562 
Acht Baumopfer für die deutsch-französische Freundschaft?

Die Skulptur „Arc de 124,5°“ wurde von Bernar Venet geschaffen. Sie steht auf dem Mittelstreifen der Straße An der Urania genau gegenüber der Urania. Ob Bottrop, Miami, Ludwigshafen, Duisburg, Bonn, Koblenz oder Versailles, überall stehen die monumentalen rostigen verschlungenen Kunstwerke des französischen Künstlers. Zur 750-Jahrfeier 1987 schenke uns die République française diese großartige Wippe, die seitdem ziemlich ungepflegt vor sich hin rostet. Zuletzt wurde das völlig mit Graffiti beschmierte Kunstwerk 2017 gesäubert.

Verdeckt, wie man deutlich auf dem Foto sehen kann, wird die Skulptur von Bäumen, die schon dort standen, bevor das Kunstwerk vom damaligen französischen Ministerpräsidenten Jacques Chirac am 2. Juli 1987 eingeweiht wurde. „Dargestellt ist ein Kreisbogen von 124,5°, der Titel der Skulptur entspricht also exakt der geometrischen Form. Das Kunstwerk besteht aus geschweißten, schwarz lackierten Stahlplatten. Es hat eine Spannweite von 40 Metern, eine Höhe von 12 Metern und ein Ge-wicht von 15 Tonnen. Gehalten wird es von einem in die Erde eingelassenen, 100 Tonnen schweren Betonblock. Während der Bogen im Sommer von den üppig belaubten Bäumen auf dem Grünstreifen größten-teils verdeckt ist, lenkt er im Winter die ungehinderten Blicke der Passanten auf sich. Die Skulptur ist eine Auftragsarbeit, die Bernar Venet speziell für diesen Ort schuf. Die französische Flug-gesellschaft Air France ermöglichte den Transport. Die Skulptur symbolisiert die besonderen politischen Beziehungen Frankreichs zu dem damals noch geteilten Berlin. Es nimmt insbesondere Bezug auf den historischen Bogen, der mit der Luftbrücke während der Berlin-Blockade von Juni 1948 bis Mai 1949 geschlagen wurde.“ Quelle: Berliner Mathematische Gesellschaft e.V.

Nach über 30 Jahren ist dem Künstler aufgefallen, dass, vor allem im Sommer, die Bäume sein Werk verdecken, was selbst bei voller Blüte der Bäume nur beding stimmt. Wir sind die Straße An der Urania abgefahren. Von der Martin-Luther-Straße aus ist das Kunstwerk sehr gut zu sehen. Und auch beim Vorbeifahren bemerkt man es, obwohl sich die Autofahrer eigentlich auf den Verkehr und nicht auf ein Kunstwerk konzentrieren sollten. Bernar Venet ist eigens aus New York angereist, um sich für die freie Sicht auf seinen Bogen persönlich einzusetzen, was vor allem den SPD-Bezirksverordneten Lars Rauch-fuß beeindruckt hat. Er brachte den Antrag zur Baumfällung in die BVV ein. Ihn habe, laut Berliner Morgenpost, „überzeugt, wie der Künstler, Vertreter der französischen Botschaft und der Urania im zu-ständigen Ausschuss für das Anliegen geworben hatten.“

Die Grünen, die sich für den Erhalt der Bäume ein-setzen, kritisierte Rauchfuß scharf für ihre „hochignorante Position“ gegenüber dem Künstler und Frankreichs, schreibt die Morgenpost. Da ist ja richtig Stimmung in der Rot-Grünen Zählgemeinschaft von Tempelhof-Schöneberg. Rauchfuß‘ Parteifreund, der umweltpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Daniel Buchholz, sieht den Vor-gang entspannter: „Ich halte von der vorgesehenen Fällung gesunder Bäume als ‚Liebesbeweis‘ für unsere langjährigen französischen Freunde überhaupt nichts! Es wäre ein fatales Signal in Zeiten von Klimawandel und dem Engagement für saubere Luft in den Städten. Nachhaltige Politik im 21. Jahrhundert sieht anders aus! Außerdem sind die Bäume für den öden Straßenzug auch optisch eine Bereicherung.“

Dennoch, bis Ende Februar sollen die Bäume gefällt werden, sieben Platanen und eine Linde. Das hat am 20. Februar „eine ungewöhnliche Allianz“ aus SPD, CDU, FDP und AfD beschlossen, heißt es in der Morgenpost. Grüne und Linke stimmten dagegen. „Voriges Jahr“, berichtet die Morgenpost, „hatte sich die CDU noch für den Erhalt der Bäume an der Stelle ausgesprochen. Auch die FDP war gegen die Fällung. Doch nicht nur die Senatskanzlei unter Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) machte sich für eine bessere Sichtbarkeit des Ge-schenks aus Frankreich stark, auch an Kultur-staatsministerin Monika Grütters (CDU) wurde der Wunsch herangetragen. Die Urania warb ebenfalls für die Fällung der Bäume.“ Ralf Olschewski von der CDU äußerte sich in einer Pressemitteilung. „Es gehe bei der Entfernung der acht Bäume nicht mehr um das Kiezthema ‚Kunst contra Natur‘, sondern darum, ob wir die Gefühle unseres wichtigsten Partners in Europa mit einem Streit um acht Platanen verletzen wollen.“ Er appellierte an die Bezirksverordneten: „Wir wollen doch nicht in der Zeitung lesen: ‚Sind wir den Deutschen keine acht Bäume wert?‘“ Dicker kann man kaum auftragen.

„Der nach der emotionsgeladenen Diskussion beschlossene Antrag an das Bezirksamt sieht Ausgleichspflanzung von mindestens 20 Bäumen vor. Die Kosten der Baumfällung, die Wiederherstellung der betroffenen Flächen als Grünanlage sowie die Ausgleichspflanzungen sollen von dritter Seite finanziert werden. Der Künstler, die französische Bot-schaft und die Urania hatten angeboten, sich zu beteiligen. Bernar Venet soll um eine Ideenskizze zur weiteren Gestaltung der stadträumlichen Situation der Mittelinsel vor der Urania gebeten werden und dabei die Einbettung des Kunstwerks in den Stadtraum darstellen.“, lesen wir im Bericht der Morgenpost aus der Sitzung der BVV.

Noch ist aber, so erfahren wir, eine endgültige Entscheidung nicht getroffen. Die zuständige Stadträtin Christiane Heiß (Grüne) sagte der Berliner Morgen-post: „Ich werde nun erst einmal prüfen, ob die rechtliche Grundlage für die Fällung gegeben ist.“ „Fakt sei, dass hier gesunde Bäume ohne Not gefällt werden sollen. Sie wolle keinen Präzedenzfall schaffen. Zudem sei die finanzielle Frage noch ungeklärt. Die Fällung und Neugestaltung des Bereichs würden laut Heiß rund 70.000 Euro kosten.“

Dieser letzte Absatz ist der eigentlich spannendste des gesamten Vorgangs. Hoffen wir also darauf, dass es die Verwaltung nicht hinbekommt, die Bäume zu fällen. Manchmal ist Verwaltungsversagen ja auch nützlich.

Zum Schluss zwei Übrigens. Übrigens kann es gar nicht nur um acht Bäume gehen. Fährt man die Straße An der Urania in Richtung Martin-Luther-Straße entlang, kann man das Kunstwerk erst kurz vor der Ampel sehen, selbst wenn die vier dort noch stehenden Bäume gefällt würden. Es müssten insgesamt neun Bäume auf dieser Seite gefällt werden, um den vom Künstler gewünschten Effekt zu erzielen.

Und übrigens ist dieser Vorgang ein weiteres Kapitel in dem Buch, das ich niemals schreiben werde, über das, was ich in 45 Jahren, erst in Tempelhof und ab 2001 Tempelhof-Schöneberg, an dem erlebt habe, was man hier für Politik hält.

Was ich bis heute nicht verstehe, ist der Umstand, dass 1987, als Berlin noch eine Vier-Sektoren-Stadt war, ein französisches Denkmal ausgerechnet im amerikanischen Sektor aufgestellt werden musste. Richtiger wäre ein Standort in Reinickendorf oder im Wedding gewesen, denn das waren die beiden französischen Sektoren. Der Bogen gehört eigentlich ins Quartier Napoléon. Aber, man habe, „so betonte die Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) in der Debatte, bei anderen Bezirken nachgefragt und habe bei der Suche nach einem neuen Standort nur Absagen erhalten.“, berichtet die Morgenpost. Verständlich, wer nimmt schon gern altes Eisen.

Was bleibt also?

Mort aux arbres!
Vive l'oeuvre d'art!

Ed Koch

Mit freundlicher Übersetzungshilfe durch Ortrun Landmann


  
Anmeldung  




 


Registrierung

Impressum  
p a p e r p r e s s
Ed Koch (Herausgeber und verantwortlich für den Inhalt)
Träger: Paper Press Verein für gemeinnützige Pressearbeit in Berlin e.V.
Vorstand: Ed Koch - Mathias Kraft
Postfach 42 40 03
12082 Berlin
Email: paperpress[at]berlin.de
PDF-Newsletter-Archiv:
www.paperpress-newsletter.de

Diese WebSite wurde mit PostNuke CMS erstellt - PostNuke ist als freie Software unter der GNU/GPL Lizenz erh�ltlich.