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Ein Kunstwerk mit Geschichte

geschrieben von: Redaktion am 25.06.2019, 07:34 Uhr
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„Mit Kunst am Bau wird eine Verpflichtung insbesondere des Staates als Bauherrn verstanden, aus seinem baukulturellen Anspruch heraus einen gewissen Anteil – meist um die 1 % – der Baukosten öffentlicher Bauten für Kunstwerke zu verwenden.“ Und so finden wir im Stadtgebiet überall große und kleinere Skulpturen vor öffentlichen Gebäuden und fragen oft, was uns der Künstler damit sagen will. Auch private Bauherren versehen ihre Gebäude mit Kunstwerken. Auf dem EUREF-Campus wird dieser Tage ein Skulptur errichtet, die viel zu sagen hat und auf eine bewegte Geschichte zurückblicken kann. Sie wurde nicht eigens für das Gebäude ge-schaffen, sondern war bereits seit 1987 an zwei verschiedenen Orten zu sehen. Jetzt wird sie restauriert und findet einen neuen Standort für die Ewigkeit.

Die Skulptur, über die wir reden, sind überdimensionale Absperrgitter, ineinander verwoben, und obendrauf ein Einkaufswagen, in dem sich Pflastersteine befinden. Das Modell enthüllte Olaf Metzel am 21. Juni im Schleusenhaus, direkt am Café im Wasserturm, im Beisein von EUREF-Chef Reinhard Müller und dem früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder mit seiner Frau Soyeon Schröder-Kim. Auch das Modell hatte schon einen anderen Stand-ort, nämlich im früheren Unternehmenssitz von Reinhard Müller in der Schöneberger Kurfürsten-straße.

Die Skulptur trägt den Titel „13.4.1981“ und verweist damit auf einen dramatischen Tag in der Berliner Geschichte. Eine gezielt verbreitete Falschmeldung, ein verurteilter Terrorist sei an den Folgen seines Hungerstreiks verstorben, mobilisierte eine Gruppe von Gewalttätern, die sich zum Kurfürsten-damm aufmachte. Heute würden wir das Flashmob nennen. Das Zusammenkommen von Menschen zu einem bestimmten Zweck funktionierte damals auch ohne Smartphone und soziale Medien. Über 200 Schaufensterscheiben wurden eingeworfen, es entstand ein Millionenschaden, und ehe die Polizei vor Ort war, hatte sich die Gruppe aufgelöst und verschwand.

„Ein junger Bildhauer trifft auf die Hinterlassenschaften einer Schlacht: zusammengeschobene Absperr-gitter, auf die irgendjemand einen Einkaufswagen gehievt hat, herausgerissene Pflastersteine. Er macht ein Foto von dieser zufälligen Installation, eine Plastik der Gewalt.“ So beschreibt der Tages-spiegel die Begegnung von Olaf Metzel mit der Vor-lage für die spätere Skulptur.

1981 war ein unruhiges Jahr, mal wieder, in Berlin. „Im September stirbt der junge Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay, während Innensenator Heinrich Lummer in einem von der Polizei geräumten Gebäude eine härtere Gangart gegen ‚Chaoten‘ ankündigt. Rattay wird von einem BVG-Bus erfasst, wohl auf der Flucht vor ausschwärmenden Polizisten. Ein unverhältnismäßiger Auftritt der Staatsgewalt, wird ein Gericht später urteilen.“, beschreibt der Tagesspiegel das Ereignis, das zu weiteren hef-tigen Protesten führte.

Sechs Jahre später kannte Berlin dann nur ein Thema, nämlich die 750-Jahr-Feier. 1,8 Mio. DM ließ sich der Berliner Senat unter Leitung des damaligen Kultursenators Volker Hassemer ein Großprojekt kosten, das den Kurfürstendamm und die Tauentzienstraße zwischen Rathenau- und Wittenbergplatz „ein Jahr lang mit neuen Werken in einen Skulpturenboulevard verwandeln sollte.“ Auf dem Mittelstreifen der Tauentzienstraße steht heute noch die große Skulptur des Künstlerehepaars Martin Matschinsky und Brigitte Matschinsky-Denninghoff. Und am anderen Ende des Skulpturenboulevards haben die beiden Beton Cadillacs von Wolf Vostell die Zeit überdauert. Dieses Werk löste Proteste aus, über die wir heute nur mit dem Kopf schütteln können. Die Akzeptanz modernen Kulturbotschaften ist aller-dings heute nicht viel höher als damals. Eine Skulptur hingegen brach alle Protestrekorde, die Berlin bei einem Kunstwerk je erlebt hatte. Die Skulptur von Olaf Metzel stand von allen an der prominentesten Ecke, nämlich Kurfürstendamm/Joachimsthaler Straße, direkt gegenüber des ehrwürdigen Café Kranzler. Schnell hatte die Skulptur ihren inoffiziellen Namen weg, „Randale-Denkmal“. Der Tages-spiegel nannte sie im letzten Jahr „Zwölf Meter Wut.“

Vermutlich mussten sich die meisten Leute, die die Skulptur sahen, erst einmal schlau machen, was am 13. April 1981 hier geschehen war. Und als sie es wussten, sahen sie in dem Kunstwerk offenbar eine Sympathiebezeugung für die Krawalle jenes April-Tages. Olaf Metzel hat natürlich genau das Gegenteil gemeint. Metzel bringe die „Gewalt an den Tatort zurück“, war eine der Anschuldigungen. Und reflexartig schäumte der Bund der Steuerzahler über die Kosten von 170.000 DM. „Nicht nur der Bund der Steuerzahler schäumt.“, schreibt der Tagesspiegel in seinem Rückblick: „Eine ‚Bürgerinitiative gegen moderne Kunst‘ wählt sich Ephraim Kishon zum Schirmherren, ganzseitige Anzeigen erscheinen in Zeitungen gegen den ‚gigantischen Bluff der Kunst-Mafia‘. Bürgermeister Eberhard Diepgen distanziert sich vor einem Millionenpublikum auf dem Sofa von ‚Wetten, dass…?‘“. Ein Affront gegen seinen Kultur-senator Volker Hassemer (beide CDU).

Durch welche Medien die Stimmung zusätzlich in der Stadt angeheizt wurde, müssen wir nicht näher beschreiben. Eigentlich ist es gut, wenn Kunst zur Diskussion anregt. Dass sich daraus eine Pogrom-Stimmung entwickelt, zeugt von einem besonders hohen Maße an Intoleranz. War das 1987 wirklich anders als heute?

Nun, ein Jahr später hatten die Kaffeetanten im Kranzler wieder einen freien Blick auf ihr Gegen-über. Die Skulptur wurde zerlegt, aber nicht, wie es sich viele gewünscht hätten, verschrottet. Olaf Metzel bewahrte sie auf. Reinhard Müller kaufte später die Installation und stellte sie 2001 am Ufer der Spree zwischen zwei von ihm sanierten Speichern auf, in einem von ihn zog Universal Music ein. Dar-über regte sich dann niemand mehr auf. Jahrelang stand sie dort gut sichtbar beim Überqueren der Oberbaumbrücke oder beim Vorbeifahren auf der Spree. Und eines Tages verschwand „13.4.1981“ auch wieder von diesem Ort. Und wieder wurde sie nicht verschrottet, sondern eingelagert.

Reinhard Müller kaufte die Skulptur ein zweites Mal, weil Kunstwerke, die im Boden verankert sind, in das Eigentum des Grundstücksinhabers übergehen, erklärt Gerhard Schröder bei seinem Besuch auf dem EUREF-Campus die Rechtslage.
Nun werden erst einmal die Gitter mit frischer Farbe versehen, bevor sie auf dem Campus zusammengefügt werden.

Wird die Skulptur erneut Diskussionen auslösen? Nun, Herr Diepgen wird zur Einweihung sicherlich nicht erscheinen, vielleicht aber Volker Hassemer. Es ist zu hoffen, dass „13.4.1981“ auf dem EUREF-Campus Gesprächsstoff bieten wird, denn, wie sagte der Philosoph George Santayana so richtig: „Wer sich seiner Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen." 1981 liegt lange zurück, 1987 auch. Nach Jahren der Entspannung jedoch leben wir heute wieder in sehr unruhigen Zeiten.

Ed Koch

Olaf Metzel, 1952 in Berlin geboren, ist ein deutscher Bildhauer und Objektkünstler. Provokation als Denkanstoß ist für ihn Teil seiner Kunst. Von 1971 bis 1977 studierte er an der Freien Universität Berlin und an der Universität der Künste Berlin. 1994 erhält er den Arnold-Bode-Preis in Kassel und 1996 den Wilhelm-Loth-Preis der Stadt Darmstadt. Seit 1990 ist Metzel Professor für Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste München, wo er von 1995 bis 1999 Rektor war. Metzel lebt heute in München.

  
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