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Einen Tag älter als die Curry Wurst - Der Landesjugendring Berlin wird 70

geschrieben von: Redaktion am 06.08.2019, 10:15 Uhr
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Keine goldgerahmte Urkunde, kein feierlich unter-zeichnetes Gründungsdokument. Das einzige im Landesjugendring-Archiv vorhandene Papier zur Gründung ist die erste Satzung. Unterzeichnet wurde sie am 3. September 1949 von sechs Berliner Jugendverbänden im Rahmen einer außerordentlichen Sitzung. Einen Tag später erfand Herta Heuwer in ihrem Kiosk auf der Kantstraße die Currywurst.

Eigentlich war der Zusammenschluss der Berliner Jugendverbände bei Gründung schon zwei Jahre alt: Bereits im Herbst 1947 wurde der „Jugendring Groß-Berlin“ gegründet – unter Einschluss der Freien Deutschen Jugend (FDJ), die sich damals noch als parteipolitisch unabhängig ausgab. Eine turbulente Zeit, wie aus dem Bericht von Alfred Teichmann, damaliger Leiter des Hauses der Jugend des Lan-desjugendrings, aus dem Jahr 1950 hervorgeht: „Im Anfang hemmte die FDJ durch ihre Propagandareden die sachliche Arbeit“, heißt es da.

Nach der ersten Berlin-Krise 1948/1949 mit der sowjetischen Blockade West-Berlins wurde dann unter Ausschluss der FDJ der Landesjugendring Berlin am 3. September 1949 gegründet – stets unter Beobachtung der Alliierten, die eine demokratische und selbstbestimmte Jugend im Sinne der Re-Education im Nachkriegsdeutschland fördern woll-ten. Zu den sechs Gründungsverbänden, darunter die Sozialistische Jugend, die Evangelische Jugend und die Katholische Jugend, ein Pfadfinder/innen-Verband und der Vorläufer der DGB-Jugend, sind in sieben Jahrzehnten viele weitere dazugekommen: Heute sind 34 Jugendverbände Mitglied im Landes-jugendring Berlin.

Während der letzten 70 Jahre ist der Landesjugendring Berlin stets Teil der bewegten Berliner Stadt-geschichte gewesen: Ob er sich für eine Entspannung der Ostpolitik zu Mauerzeiten einsetzte, Partei für die Studierenden-Proteste der 68er ergriff, politischen Druck auf Grund der Jugendarbeitslosigkeit der 1980er Jahre ausübte oder vehement für eine bessere Förderung der Jugendarbeit oder ehrenamtlich engagierten Jugendlichen in der jüngsten Vergangenheit eintrat.

An erster Stelle stand und steht für den Landesjugendring Berlin noch immer, sich für die Interessen junger Menschen in der Stadt einzusetzen, sich in aktuelle politische Diskussionen einzumischen und für eine bessere Förderung und für Partizipation und Mitbestimmung junger Menschen in allen gesellschaftlichen Bereichen einzutreten. Und bis heute gilt: Jugendverbände sind Werkstätten der Demokratie, ob in der jungen Bundesrepublik oder im Jahr 2019. Das hat die Currywurst noch nicht geschafft.

www.ljrberlin.de. Quelle: LJR

Natürlich hat sich in 70 Jahren auch viel verändert, so zum Beispiel die Breitenwirkung der Jugendverbände. Vorbei ist die Zeit, in denen fast jeder Jugendverband eine Bezirksgruppe hatte und man sich im Bezirksjugendring versammelte. Bis auf Steglitz-Zehlendorf haben wir im Internet keinen Bezirksjugendring mehr gefunden, und auch dieser scheint seine Probleme zu haben. Kirchen und Pfadfinder beherrschen die Mitgliedsliste, es gibt aber auch noch die Schreberjugend und die Falken. Bei sechs von 13 Mitgliedern steht ein U, was unregelmäßige Beteiligung bedeutet, ein Verein hat sich schon aufgelöst, ein anderer befindet sich in Auflösung. In den Bezirken wurden die Jugendgruppen, die mitreden wollten, häufig von den Jugendämtern klein gehalten.

Immerhin haben die Jugendverbände ihren Platz in den Jugendhilfeausschüssen der Bezirke und des Landes. „Die Jugendämter bestehen auf der Bezirksebene aus dem Jugendhilfeausschuss und der Verwaltung des Jugendamtes. Auf Landesebene ist der Landesjugendhilfeausschuss Teil des Landesjugendamtes und gehört damit zu der für Jugend und Familie zuständigen Senatsverwaltung.“ Das klingt wichtig. Wer jedoch Mitglied in den Ausschüssen wird, bestimmt allein die Politik. Sechs von 19 Mit-gliedern des LJHA wählt das Abgeordnetenhaus, ebenso wie vier „in der Jugendhilfe erfahrene Personen.“ Neun Vertreter werden von der Jugendsenatorin „berufen.“ Daher kommt wahrscheinlich auch die Formulierung, dass man sich als in der Jugendarbeit Tätiger „berufen“ fühlt. Dennoch haben die Jugendverbände einiges bewegt, obwohl sie von der Politik oft als störend empfunden werden.

Als die Stimme der Berliner Jugend laut wurde

Welchen Sinn macht es, „deutsche und türkische Kinder aus Berlin in die Türkei zu schicken“? Dar-über wunderte sich der Berliner Senat noch 1980. Grund war die erste internationale Jugendbegegnung, die der Bund Deutscher Pfadfinder/innen Berlin durchführen wollte. Heute organisieren Berliner Jugendverbände jedes Jahr rund 130 solcher Begeg-nungen für 3.500 junge Menschen, die meisten nach Israel. Es waren auch die Jugendverbände, die schon kurz nach Kriegsende Gedenkstättenfahrten zu ehemaligen Vernichtungsstätten der NS-Zeit anboten. Solche Fahrten gibt es bis heute.

Genau wie Ferienfreizeiten, Bildungsworkshops und die Funktion als Interessensvertretung sind Begegnungen mit jungen Menschen anderer Länder klassische Angebote von Jugendverbänden.

Von den 68er-Protesten zu Freiräumen im Jahr 2019

Während der letzten 70 Jahre ist der Landesjugendring Berlin stets Teil der bewegten Berliner Stadt-geschichte gewesen: Ob er sich für eine Entspannung der Ostpolitik zu Mauerzeiten einsetzte, Partei für die Studierenden-Proteste der 68er ergriff oder politischen Druck auf Grund der Jugendarbeitslosigkeit der 1980er Jahre ausübte. Heute erschweren Ganztagschulen, räumliche Verdrängung oder Angriffe von rechts die Arbeit der Verbände.

In der jüngeren Vergangenheit sind neue Aufgaben für den gemeinnützigen Verein dazugekommen: Seit 2015 vergibt der Landesjugendring die öffentlichen Fördergelder für Jugendverbände als beliehenes Unternehmen des Landes. Als 2015 viele geflüchtete Kinder und Jugendliche nach Berlin kamen, rief der Landesjugendring das Förderprojekt „Jung, geflüchtet, selbstbestimmt“ ins Leben. 218 geförderte Projekte haben Jugendverbände seither mit den jungen Neu-Berliner/innen angeboten. Das Projekt trägt damit einen Teil zur Integration und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei.

Senatorin Ella Kay 1962: „Jugendarbeit ist ohne Jugendverbände nicht denkbar“

Das Jugendförder- und Beteiligungsgesetz, mit dem der Berliner Senat ab 2020 noch einmal 25 Millionen Euro in den nächsten vier Jahren in die Jugendarbeit investiert, hat der Landesjugendring in unterschiedlichen Gremien mitgestaltet und die Perspektiven und Dringlichkeiten aus der Praxis eingebracht. „Jugendarbeit in Berlin ist ohne Jugendverbände nicht denkbar“, sagte die Jugendsenatorin Ella Kay 1962. Man darf gespannt sein, welche Worte ihre Nachfolgerin Sandra Scheeres beim 70. Geburts-tag des Landesjugendring am 2. September 2019 findet. Schließlich war auch sie einmal im Jugend-verband aktiv, nämlich bei der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken.

Apropos Falken. Da Sandra Scheeres erst 1970, und dazu noch in Düsseldorf, zur Welt kam, hat sie die großen „Skandale“ in Berlin natürlich nicht mitbekommen. Bei den Falken ging es 1969 nach einem Zeltlager in Schweden hoch her.

„Auf einem Falken-Treff im Schöneberger Jugend-heim ‚Die weiße Rose‘, schrien sie sich gegenseitig nieder, pfiffen gemeinschaftlich einen Vertreter des Frankfurter Bundesvorstands aus.“, berichtet DER SPIEGEL 1969.

„Das Falken-Gezänk war Echo des Lamentos in der Presse über die unorthodoxe Regie beim diesjährigen Sommerlager des Jugendverbandes. Denn Berlins Falken hatten, so Zweiter Vorsitzender Heinz (‚Micky‘) Beinert, 39, Konsequenzen aus dem Vers des DDR-Poeten Wolf Biermann gezogen: ‚Keiner tut gern das, was er tun darf, was verboten ist, das macht uns gerade scharf.‘“.

„1.700 jugendlichen Teilnehmern ihres Ferienlagers in Norraharomar bei Jönköping (Südschweden) war freigestellt worden, in reinen Jungen-, in reinen Mädchen- oder in Gemeinschaftszelten zu schlafen. Rund die Hälfte der Jugendlichen entschied sich für gemischte Lager.“

„Die Aufhebung der Geschlechtertrennung ist für Falken allerdings nichts Neues.“, schreibt DER SPIEGEL. „Sie wurde bei der sozialistischen Jugend schon in den zwanziger Jahren praktiziert.“ Es ging heiß her in Schweden, Sex, Drugs und vielleicht auch Rock’N’Roll, alles soll dabei gewesen sein. Ein 13jähriger Schüler aus Neukölln soll an seinen Vater geschrieben haben: „An jeder Ecke wird geraucht, geliebt, gesoffen." Jugendsenator Horst Korber (SPD) sperrte daraufhin die Zuschüsse. Und die Springer-Presse hatte wochenlang etwas zu berichten. Heute finden immer noch Zeltlager statt, von denen man kaum noch etwas hört. Ich leitete An-fang der 70er Jahre einmal ein Zeltlager für ein städtisches Jugendamt. Da ging es natürlich gesitteter zu. Vielleicht auch deshalb, weil ein 14-jähriges Mädchen ihrer Oma schrieb: „Die Jungs hier sind klein und Scheiße.“

Ed Koch
Textquellen: Landesjugendring

  
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