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Chemie-Unterricht einmal anders - BeVoice in Tempelhof

geschrieben von: Redaktion am 10.11.2019, 08:03 Uhr
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Im Gegensatz zu solch drögen Fächern wie Mathematik oder Geographie, die zu meiner Zeit Rechnen und Erdkunde hießen, war im Chemie-Unterricht immer etwas los. Chemie wurde in einem eigenen Raum gelehrt, und auf jeder Bank gab es einen Gasanschluss, um eine Flamme erzeugen zu können. Es zischte und verpuffte in verschiedenen Farben und es stank. Einfach herrlich. Das BeVoice-Projekt Oxidation zeigte am 9. und 10. November in Hangar 1 des Flughafengebäudes Tempelhof wie Chemie zu Theater wird und Rost zu Kunst. Aktuell beschäftigte sich die Theaterperformance mit dem Mauerfall vor 30 Jahren und der Frage „Was bleibt?“ Die deutsch-niederländische Erfolgsgeschichte von BeVoice kombiniert Musiktheater, Performance und Wissenschaft, voller Musik und Tanz und begeisterter junger Leute aus dem Valuas College Venlo in den Niederlanden sowie den Tempelhofer Schulen am Berlinickeplatz, der Johanna-Eck-Schule und dem Luise-Henriette-Gymnasium.


Das Besondere an dem Projekt ist, dass sich nur eine Woche vor den Aufführungen 30 Jugendliche aus den Niederlanden von speziellen Schulen für Tanz und Musik, an denen sie zu internationalen Profis ausgebildet werden, mit rund 90 Schülerinnen und Schülern aus Berlin treffen, die von Tanz kaum mehr als das verstehen, was sie in der Disco aufs Parkett legen und von Musik das, was sie dafür hal-ten. Dazu noch das Zusammentreffen von Sekundar- und Gymnasial-Schülern. Eine nicht ganz einfache chemische Verbindung. Aber, wie man so schön sagt, die Chemie zwischen den Jugendlichen stimmte, sonst wären die Aufführungen nicht so grandios gewesen, und das nach nur einer Woche Probenzeit.

Wie immer war es schwer, einen geeigneten großen Raum zu finden, in dem das Stück zur Aufführung gelangen kann und auch noch knapp 300 Zuschauer Platz finden. Letztlich stand der Hangar 1 des Tempelhofer Flughafengebäudes zur Verfügung. Jener Hangar, in dem sich noch vor einigen Monaten Ge-flüchtete aufhielten und jetzt Tischtennisplatten und Sportparcours auf jugendliche Besucher warten. Der Hinweis in der Einladung, sich warm anzuziehen, war äußerst hilfreich.

Wenn man am Columbiadamm das Flughafengelände betritt, ist es noch ein weiter Weg bis zum ersten Hangar. Die Dimension dieses Gebäudes wird einem dabei eindrucksvoll bewusst. Auf dem Wege zur Veranstaltung kommt man an vielen Stellen vorbei, an denen der Titel der Show Oxidation sichtbar wird. Das Gebäude mit seiner Länge von 1.230 Me-tern gehört immer noch zu den größten der Welt, auch wenn die Emiratis und Chinesen mit ihren gigantischen Terminals Tempelhof in den Schatten stellen. Für alle gilt aber eine Formel: Es lebe der Größenwahn.

Bevor es Musik und Tanz gibt, wird es in der Einleitung wissenschaftlich. Projektleiter René M. Broeders begrüßte gemeinsam mit Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler die Gäste. Schul- und Jugendstadtrat Oliver Schworck war es dann vor-behalten, den Bogen zwischen Chemie und dem Musiktheaterstück zu schlagen. Was ist Oxidation? „Die Oxidation ist eine chemische Reaktion, bei der ein Atom, Ion oder Molekül Elektronen abgibt. Seine Oxidationszahl wird dabei erhöht. Ein anderer Stoff nimmt die Elektronen auf und wird reduziert. Beide Reaktionen zusammen werden als Teilreaktionen einer Redoxreaktion betrachtet.“ Damit ist ja alles gesagt. Und am Ende steht der Rost. Warum sind Kupferdächer von Gebäuden grün? Ja, Chemie ist schon eine tolle Sache.

Was wäre aber ein Chemieunterricht ohne Experimente. Und dafür wurde der TU-Professor Dr. Jan Epping verpflichtet. Farbenfroh zeigte er, wie man Elefantenzahncreme herstellt. Immer wieder schön anzusehen, was passiert, wenn man zwei harmlos erscheinende Flüssigkeiten zusammengießt. Der erste Teil des Abends war ebenso unterhaltsam wie lehrreich. In der Pause gab es dann ein Gläschen Rotwein oder einen Saft für die Kids, Donats und Brezeln.

Und dann gings los. Das zwanzigköpfige Orchester begann zu spielen und 120 Jugendliche stürmten auf die Tanzfläche. Allein diese Zahl ist schon beeindruckend. Zwischen Bühne und Publikum gibt es keinen Höhenunterschied. Als Besucher ist man sozusagen auf Augenhöhe mit den Akteuren und sieht ihnen die Anspannung an. Tanzen sie mal synchron mit so einer großen Gruppe. Für mich überhaupt nicht nachvollziehbar, wie man nur innerhalb einer Woche all diese Schritte und Figuren lernen kann, dazu noch die Texte der Lieder. Eine wirklich fantastische Leistung. Die Energie der jungen angehenden Profis aus den Niederlanden ist das Geheimnis von Be-Voice und bringt die Berliner Jugendlichen dazu, in kürzester Zeit über sich hinauszuwachsen.

Elektronen tanzen, Sauerstoff verbindet sich und das Orchester spielt feurig. Alles ist im Fluss, ein permanentes Werden und Vergehen. Menschen oxidieren, jeden Tag etwas mehr. Deshalb setzen sich die jungen Menschen mit dem Thema Altern und mit den Älteren auseinander. Und so zeigte eine Gruppe Senioren, dass man selbst im Alter noch wunderbar tanzen kann und die 97-jährige Berliner Schauspielerin Ruth Bickelhaupt hat gezeigt, dass man auch im hohen Alter noch eine wunderbare Primadonna sein kann. Diese Szenen, Jugendliche und Senioren tanzen gemeinsam, waren die berüh-rendsten des Abends.

30 Jahre, was bleibt? Zum Jahrestag des Mauerfalls darf die künstlerische Auseinandersetzung mit diesem Thema natürlich nicht fehlen: Die Berliner Mau-er ist schon lange nicht mehr da und sicherlich sind auch einige Erinnerungen eingerostet. Was ist schon weg? Was ist noch da? Ein Lied widmet sich der Mauer, in dem es heißt: „Grau, groß und stark, die Fassade karg, gefürchtet von jedem, der mich ver-sucht zu überqueren, lieblos bemalt, im Innern verstrahlt, steh‘ ich in Berlin, Dank mir kann keiner fliehen.“ Und dann kam der 9. November 1989. „Löcher noch klein, lassen Regen hinein, die Zerstörung beginnt, ich fang an zu zerfallen, schwach steh ich da, mein Ende so nah, mein Inneres wird sicht-bar, und sie gehen an mir vorbei.“ Und was bleibt? „Steh ich noch hier als das Souvenir, meine Stücke in Tüten, bereit für den Verkauf, fast bin ich weg, ich hab‘ keinen Zweck, Geschichte liegt in Trümmern, die Erinnerung verblasst.“ Nun, zumindest die Erinnerung an den Fall der Mauer ist in diesen Tagen aufgefrischt worden.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach am 9. November vor dem Brandenburger Tor von neuen Mauern, nicht sicht-, aber spürbar in den Köpfen. Er rief dazu auf, diese einzureißen, was allerdings jeder Einzelne in seinem Kopf tun muss, möglichst ehe das Gehirn verrostet.

BeVoice 2019 in Tempelhof war großartig. BeVoice wurde von René M. Broeders zusammen mit der STADT UND LAND vor knapp zehn Jahren entwickelt und wird seitdem von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft finanziell und organisatorisch unterstützt und gefördert. Neben vielen anderen unterstützen auch die PSD-Bank Berlin-Brandenburg und die Unter-nehmer-Initiative Tempelhofer Damm das Pro-jekt.

Für STADT UND LAND-Sprecher Frank Hadamczik ist BeVoice sein Lieblingsprojekt. „Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass die Jugendlichen persönlich so stark von der Teilnahme profitieren, dass sich das im Schulalltag nachhaltig be-merkbar macht. Ihr Verhalten ändert sich maßgeblich: Toleranz, Hilfsbereitschaft und gegenseitiger Respekt verbessern sich merklich, der Umgangston ist freundlicher und ihr Engagement und ihre Leistungsbereitschaft sind größer.“

Alle weiteren Infos unter: www.bevoice.eu

Zusammenstellung und Kommentierung: Ed Koch


  
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