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Nicole hätte nicht gewonnen

geschrieben von: Redaktion am 23.05.2021, 10:19 Uhr
paperpress589 
Das waren noch Zeiten, als das europäische Liederfestival „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ hieß. Chanson bedeutet: ironisch-witziges, oft auch kritisches, manchmal freches, leicht sentimentales und melancholisches Lied. Das Gewinner-Lied des „Eurovision Song Contest“, wie der Wettbewerb seit 2002 heißt, ist alles andere als das, was man unter einem herkömmlichen Chanson versteht.


Der Titel der italienischen Band Måneskin „Zitti e buoni“ heißt angeblich wörtlich übersetzt: „Halt die Klappe und gut.“ Wenn man nach dem deutschen Text googelt, erscheint der Hinweis: „Warnung vor anstößigem Inhalt. Diese Seite enthält möglicherweise sensible Inhalte (Schimpfwörter, Gewaltbotschaften oder Propaganda, etc.).“ Der Titel wird in der Übersetzung mit „Ruhig und lieb“ angegeben. Irgendwas stimmt da nicht.

„Sie wissen nicht, wovon ich rede
Zieh dich schmutzig an, Bro, voller Schlamm
Gelbe Finger von den Kippen“

Und Guten Abend meine Damen und Herren
Schauspieler auf die Bühne
Greift euch lieber an die Eier
Seid besser ruhig und lieb
Hier sind die Leute seltsam, so wie Dealer
Zu viele Nächte war ich ausgesperrt
Jetzt trete ich sie ein, diese Türen
Ich blicke nach oben, wie ein Bergsteiger
Sorry deshalb, Mama, wenn ich immer draußen bin.“

„Wenn du mich stoppen willst, versuch es nochmal
Versuch, mir den Kopf abzuschneiden
Denn ich bin verrückt, aber anders als sie
Und du bist verrückt, aber anders als sie
Wir sind verrückt, aber anders als sie.“

Soweit ein paar Ausschnitte. Keine Frage, eine tolle Performance mit allen pyrotechnischen Affekten, die man heutzutage braucht, um die Feuerwehrleute hinter der Bühne rechtfertigen zu können. In Wacken wäre das Werk gut für das Opening. Die Mehrheit derer, die abgestimmt haben, fanden das „Lied“ super. Über das Niveau europäischen Liedguts müssen wir uns also nicht mehr unterhalten.

„Wie eine Blume am Winterbeginn,
Und so wie ein Feuer im eisigen Wind,
Wie eine Puppe, die keiner mehr mag,
Fühl' ich mich an manchem Tag.
Dann seh' ich die Wolken, die über uns sind,
Und höre die Schreie der Vögel im Wind.
Ich singe aus Angst vor dem Dunkeln mein Lied,
Und hoffe, dass nichts geschieht.
Ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne
Für diese Erde, auf der wir wohnen.
Ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude,
Ein bisschen Wärme, das wünsch' ich mir.“

Es ist 30 Jahre her, als Nicole mit diesem Lied den Grand Prix gewann. Heute hätte sie damit keine Chance mehr.

„Ein bisschen Frieden, ein bisschen Träumen
Und dass die Menschen nicht so oft weinen.
Ein bisschen Frieden, ein bisschen Liebe,
Dass ich die Hoffnung nie mehr verlier'.“

Über diese Zeilen würden sich die Menschen in Israel freuen, der europäische Mainstream sieht aber anders aus, da „greift man sich lieber an die Eier.“

Mit einem Text wie „Ich fühle keinen Hass - Ich fühle nur Mitleid - Du fühlst dich so clever, wenn du einen anderen Weg findest, mich zu zermürben - Aber ich fühle keinen Hass - Ich fühle nur Mitleid - Du kannst also mit dem Mittelfinger wackeln, er wird nie zu dir zurückwackeln.“, erringt man heutzutage höchsten drei Mitleidspunkte.

Man kann über Jendrik Sigwart, sein Lied und seinen Auftritt geteilter Meinung sein, Kultur ist immer auch Geschmacksache, mir zumindest hat der bunte sympathische Paradiesvogel mit seiner Botschaft deutlich besser gefallen als viele andere. Obwohl mir die Musik von Måneskin als alten Rock-Fan wesentlich mehr liegt, wäre ein vorderer Platz für Jendrik die bessere Botschaft Europas gewesen.

Die Zeichen stehen heute mehr auf Aggressivität als auf Frieden und Versöhnung. Auch wenn der Übergang vom ESC zu den Pfingstdemos in Berlin ambitioniert ist, wage ich ihn trotzdem. Es widert mich an, in dieser Stadt Leute ertragen zu müssen, die eine weltweite Pandemie leugnen und die Maßnahmen dagegen, die auch ihrem Schutz dienen, bekämpfen. Den meisten Ekel erregen allerdings Kundgebungen, auf denen Menschen jüdischen Glaubens auf das Übelste beschimpft und verleumdet werden.

Es ist doch nicht hinnehmbar, solche Meldungen lesen zu müssen: „Drei unbekannte Männer griffen in der Nacht zu Sonnabend auf dem Schöneberger Dürerplatz einen Berliner jüdischen Glaubens an, der eine Kippa trug. Wie die Polizei mitteilte, habe einer der Unbekannten ihm gegen 2.15 Uhr mit der Faust ins Gesicht geschlagen und ihn antisemitisch beleidigt. Der 41-Jährige sei durch den Schlag gegen eine Schaufensterscheibe geprallt, die drei Männer flüchteten. Der Mann zeigte den Vorfall selbst bei der Polizei an und wurde verletzt ins Krankenhaus gebracht.“ Quelle: Tagesspiegel

Offen ausgelebter Judenhass ist nicht allein ein Problem von zugewanderten, vornehmlich arabischen Familien. Die schlimmsten Anschläge wurden von deutschen Rechtsextremisten verübt, wie zum Beispiel im Oktober 2019 in Halle. Nur eine dicke Holztür schützte 68 Gläubige in einer Synagoge davor, bestialisch ermordet zu werden.

Zur Vollständigkeit gehört, dass die Ziele von deutschstämmigen Terroristen auch Menschen aus Einwandererfamilien sind. Im Februar 2020 wurden in Hanau neun Menschen ermordet. Auch die Taten des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ NSU, sind uns noch in Erinnerung. „Sie ermordeten zwischen 2000 und 2007 neun Migranten und eine Polizistin, verübten 43 Mordversuche, drei Sprengstoffanschläge (Nürnberg 1999, Köln 2001 und 2004) und 15 Raubüberfälle. Die Zahl der an den Taten Beteiligten und ihrer lokalen, überregional vernetzten Unterstützer ist umstritten. Ihr Umfeld wird auf 100 bis 200 Personen geschätzt, darunter V-Personen und Funktionäre rechtsextremer Parteien.“ Quelle: Wikipedia

Woher kommt dieser Hass? Bei Anschlägen auf Einwandererfamilien ist es die blanke Fremdenfeindlichkeit. Juden sind hingegen keine Einwanderer, sie waren schon immer hier, bzw. sind zurückgekehrt. Sie gehören zur deutschen Gesellschaft wie Katholiken, Protestanten oder Atheisten. Auch die Einwandererfamilien muslimischen Glaubens oder russisch-Orthodoxe und viele mehr, gehören zur deutschen Gesellschaft.

Der Antisemitismus ist ein Virus, gegen den es keinen Impfstoff zu geben scheint. Dabei gäbe es ihn. Es ist eigentlich ganz einfach. Jeder Mensch müsste nur nach dem Satz Friedrich des Zweiten (1712-1786), der Große genannt, leben: „Jeder soll nach seiner Façon selig werden.“

Es muss und kann einem doch egal sein, ob jemand ein Kreuz oder einen Davidstern um den Hals trägt, eine Kirche, Moschee oder eine Synagoge besucht. Selbst, wer den Königreichssaal der Zeugen Jehovas besucht, sollte dies ungestört tun können. Toleranz ist die wichtigste Tugend des Menschen und kommt noch vor der Pünktlichkeit. Das Problem, warum es Menschen gibt, die Juden oder Einwanderer hassen, liegt viel tiefer. Es liegt in den Familien, teilweise Generationen zurück. Wenn ein Jugendlicher einen Juden schlägt und beschimpft, dann ist die Ursache vor allem in dessen eigener Familie zu finden. Jugendliche pladdern das nach, was Vater und Mutter zu Hause erzählen. Und wenn ein Erwachsener „Scheiß Jude“ sagt, fühlt sich der Nachwuchs auf der sicheren Seite und wendet den Spruch so schnell wie möglich an.

Natürlich. Toleranz, Akzeptanz und Wertschätzung müssen Erziehungsziele in der eigenen Familie sein. Und wenn das erkennbar nicht funktioniert, muss der Staat eingreifen. Dafür gibt es Einrichtungen: Kitas, Tagespflege, Schule. Ich bin nach wie vor für eine Kita-Pflicht und in diesem Punkt mit Heinz Buschkowsky einer Meinung. Denn schon in der Kita müssen die Tugenden gelernt werden. In einem Tagesspiegel-Interview sagte er im September 2010:

„Wir müssen der gesellschaftlichen Realität endlich ins Auge sehen. Die Jugendämter wenden inzwischen rund 6,5 Milliarden Euro im Jahr für Hilfen zur Erziehung auf. Diese Kosten steigen jährlich um fast zehn Prozent. Die Erziehungsüberforderung von Eltern nimmt in Deutschland rapide zu. Das betrifft alle, nicht nur Migranten. Gleichzeitig verlässt jedes vierte Kind, das sind fast 200.000 im Jahr, die Schule ausbildungsunfähig.“

Was wird in den Schulen gelehrt? Während meines Besuchs einer Realschule (1960-1964) habe ich alles Mögliche über Keilereien bei Issos oder den 30-jährigen Krieg erfahren. Für das „Dritte Reich“, Zweiter Weltkrieg und die Ermordung von sechs Millionen Juden, blieb keine Zeit mehr. Bevor sich Schule auch nur eine Sekunde mit Kaiser Rotbart oder Napoleon beschäftigt, hat Adolf Hitler auf dem Stundenplan zu stehen. Kluge Leute werden sagen, dass Judenhass keine Erfindung von Hitler ist. Judenhass gab es schon zu Zeiten von Christoph Kolumbus. Niemand, außer Hitler hat jedoch sechs Millionen Juden ermordet. Und das ist nicht 500 Jahre her, sondern gerade mal 80.

Was ist mit den Schülerfahrten nach Auschwitz? Es sollte doch jede Oberschulklasse einmal in Auschwitz gewesen sein. Was ist daraus geworden? Es gibt keine Ausreden. Wenn es die Eltern nicht schaffen oder nicht schaffen wollen, dann muss der Staat das Bildungsdefizit in dieser Frage ausgleichen. Gegen Antisemitismus hilft nur Aufklärung und Bildung. Jeder, der in Deutschland leben will, muss wissen, dass Antisemitismus hier keinen Platz haben kann.

Ed Koch


  
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