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Schön, schöner, Schöneberg(er Sängerknaben)

geschrieben von: Redaktion am 08.07.2007, 11:27 Uhr
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Als vor vielen Jahren ein Kaufhaus am Schöneberger Kaiser-Wilhelm-Platz eröffnet wurde, warb dieses mit dem Slogan „Schön, schöner, Schöneberg“. Gerhard Hellwig, der vor 60 Jahren den Chor gründete, klebte darunter sein Plakat „Schöneberger Sängerknaben Berlin“.
Irgendwann, dachte sich Gerhard Hellwig, kann ich das Foto, das er von der Aktion machen ließ, einmal verwenden. Der Tag kam, als es daran ging ein Buch über 60 Jahre Schöneberger Sängerknaben zu erstellen. „Dieses Buch ist kein Roman und keine literarische Erzählung“, schreibt Hellwig „In eigener Sache“ am Schluss des Buches, „aber auch kein Bildband oder Fotoalbum, es ist ein Erlebnisdokument von über 3.000 jungen Menschen, die durch den Chorgesang Lebenserfahrungen sammeln konnten.“ Das Buch, das über alle Buchhandlungen oder direkt unter www.mediahaus-gmbh.de für 20 Euro bestellt werden kann (ISBN 978-3-00-021742-5) ist ein einzigartiges Dokument nicht nur über die Geschichte eines Knabenchores, sondern über die Nachkriegsgeschichte Berlins, im Wesentlichen West-Berlins.

Nur wenige können sich noch an die unmittelbare Nachkriegszeit in Berlins des Jahres 1947 erinnern. Aus einer Trümmerlandschaft erwuchs langsam neues Leben. Vor allem sehnten sich die Menschen nach Kultur und Unterhaltung, worauf sie so lange haben verzichten müssen. Da kommt nach zweijähriger britischer Kriegsgefangenschaft ein 22-jähriger junger Mann nach Berlin zurück und hat nichts besseres vor, als einen Knabenchor zu gründen. Dazu noch im Monat November, in dem es zu dieser Zeit besonders trübe gewesen sein muss.

Im Friedenauer Auguste-Viktoria-Kranken-haus kam Gerhard Hellwig am 17. Juli 1925 zur Welt. Die Liebe zur Musik war familiär vorgegeben, Großvater und Vater waren als Musikdirektoren tätig. Nach dem Krieg nahm Hellwig an der Hochschule für Musik in der Hardenbergstraße sein Musikstudium wieder auf. Am 12. November 1947 gründete er dann die Schöneberger Sängerknaben, womit eine beispiellose Erfolgsgeschichte begann. „Einen Chor zu gründen bedeutete für Gerhard Hellwig nicht nur seiner Liebe zur Musik nachzugehen. Der Wunsch nach sozialem Engagement und politisches Interesse kamen dazu. Das, was er als Kind und junger Mann politisch erlebt hatte, sollte einer heutigen Jugend nicht noch einmal begegnen: Ein Leben in einer Diktatur.“ (Zitat aus dem Buch).

Und so kennt man sie (Foto), die Schöneberger Sängerknaben: kurze Hose und weiße Kniestrümpfe. Schon zwei Jahre nach ihrer Gründung, 1949, wurde der Chor an die Deutsche Oper Berlin verpflichtet. 1954 folgten die Bayreuther Festspiele. 1959 wurde Gerhard Hellwig Leiter der künstlerischen Organisation der Bayreuther Festspiele, 1962 stellvertretender Operndirektor in Frankfurt, 1964 geschäftsführender Direktor der Berliner Festwochen, 1965 Mitbegründer und Leiter des Berliner Theatertreffens, Gründer und Leiter der „Begegnung junger Bühnenangehöriger“ – später „Forum junger Bühnenangehöriger“, 1972 Intendant des Orchesters Philharmonia Hungaria, 1974 Intendant des Radiosymphonie Orchesters Berlin. Und immer „nebenher“ oder dabei, die Schöneberger Sängerknaben. Gerhard Hellwig erhielt 1982 und 2002 das Bundesverdienstkreuz und 1997 den Verdienstorden des Landes Berlin.

Gerhard Hellwig wollte von Anfang an politisch etwas bewegen. Er wollte mit dem Chor in aller Welt singen und der Welt zeigen, dass die Jugend in Deutschland heute anders ist, als in der Nazizeit. Mit der Musik - der Sprache der Welt. "Ich möchte mit dem Chor einmal im Weißen Haus auftreten." Das war seine Vision. Ob sie sich jemals erfüllen würde, war damals alles andere als sicher. Aber er ging an die Arbeit. Er bildete die Jungen aus und sang mit ihnen in Altersheimen und Krankenhäusern, auf Berliner Straßen und Plätzen. 35 Jungen und ihr Dirigent. Sie sangen deutsche Volkslieder und Berliner Gassenhauer, zeitgenössische Chormusik und - als einer der ersten deutschen Kinderchöre - auch Schlagerlieder, die Welterfolge wurden. "Auf Wiedersehen" oder "Pack die Badehose ein" mit der kleinen Cornelia Froboess sind von den Schöneberger Sängerknaben aus der Taufe gehoben worden. Das schien manchen Kritikern allerdings ein Abweg zu sein, aber Gerhard Hellwig war und ist Realist und sagte schon damals: "Schnulzen erhalten den Chor." Und das stimmt, denn ein Chor, der bestehen will, muss sich auch selbst finanzieren können, sofern er nicht subventioniert wird, und die Schöneberger Sängerknaben haben niemals öffentliche Zuschüsse erhalten.

Sie sangen auch Schlager, um existieren zu können, aber vergaßen darüber nicht ihre künstlerischen Ambitionen. Ihre hochgesteckten Ziele und ihr soziales Engagement. Namhafte Komponisten schrieben speziell für diesen Chor, und das förderte seinen Ruf. Der Intendant der damaligen "Städtischen Oper", Heinz Tietjen, schätzte die musikalische Präzision der Schöneberger Sängerknaben so sehr, dass er sie erstmalig im Dezember 1949 als Chor der jüngeren Pilger in "Tannhäuser" engagierte. Daraus entwickelte sich eine äußerst fruchtbare Zusammenarbeit mit der Oper - und zwar nicht nur in Berlin. Wieland Wagner wurde auf den Chor aufmerksam und forderte ihn 1954 auf, an seiner "Tannhäuser" Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen mitzuwirken. Der Kontakt zu den Bayreuther Festspielen wurde schließlich so stabil, dass Wieland Wagner Gerhard Hellwig als engsten Mitarbeiter zu sich holte.

Der Chor und sein Dirigent hatten sich einen Namen gemacht. Und es ist ihnen gelungen, diesen sechs Jahrzehnte zu erhalten. Selbst die Vision aus der Gründerzeit erfüllte sich. Der Chor zog hinaus in alle Welt. Er sang auf der Weltausstellung 1967 in Montreal, trat vier mal bei der German-American Steuben Parade in New York auf, überbrachte Präsident Carter im Weißen Haus musikalische Grüße aus Berlin, sang bei der Abschiedsfeier der westlichen Alliierten und vor jungen russischen Soldaten vor ihrem Wegmarsch aus dem Hauptquartier in Wünsdorf. Der Chor setzte sich mit dem, was war und was werden soll, auseinander, sang bei der Gedenkfeier zum 50. Jahr nach der Auflösung des KZ-Sachsenhausen und immer und überall für das Hilfswerk Berlin. Die "jüngsten Botschafter Berlins" - wie sie Ernst Reuter einmal nannte - gehören heute zur Stadt, wie der Funkturm und das Brandenburger Tor. Willy Brandt wünschte sich immer das Durchhaltelied "Bald wird der Himmel blau in Berlin", was nach der Wende in "Jetzt ist der Himmel blau in Berlin" umgetauft wurde. Wenn die ersten Schöneberger Sängerknaben von 1947 inzwischen auch längst "alte Knaben" geworden sind - der Chor ist immer jung geblieben.

Die Schöneberger Sängerknaben hatten viele bedeutende Auftritte, aber einer war wirklich äußerst ungewöhnlich. Im März diesen Jahres fand der Internationale Urologenkongress im ICC statt. Zu Beginn des dreitägigen Kongresses sang der Chor Lieder aus Berlin. Der Höhepunkt folgte jedoch zur Abschlusszeremonie, als die SCORPIONS mit den Schöneberger Sängerknaben gemeinsam „Wind of Change“ sangen. Bandleader Klaus Meine bat den Chor nach dem Stück, nach vorne zu kommen und das Lied noch einmal alleine zu singen.

NACHWUCHS gesucht. „Wenn Sie etwas schreiben“, bittet Gerhard Hellwig, „vergessen Sie nicht zu erwähnen, dass wir ständig Nachwuchs suchen. Interessenten melden sich bitte bei Gerhard Hellwig schriftlich oder telefonisch: Budapester Str. 43, 10787 Berlin, Telefon/Fax: 2 61 61 87

Hunderte von Konzertreisen fanden in den letzten sechs Jahrzehnten statt, u.a. nach Paris, Stockholm, Kopenhagen, Bern, Amsterdam, Brüssel, New York, Turin, Washington, Philadelphia, Montreal und sogar Mallorca. An über 3.100 Opernaufführungen in über 50 verschiedenen Inszenierungen in deutscher, italienischer, lateinischer, französischer und russischer Sprache hat der Chor mitgewirkt, ob Carmen, La Boheme, Tosca, Rosenkavalier, Tannhäuser, Carmina Burana, Othello, Hänsel und Gretel oder Falstaff.

Gegenwärtig sind bei den Schöneberger Sängerknaben Berliner Jungen aus rund 12 Nationen vereinigt - von Südkorea bis Italien, von Polen bis Amerika. Und seit 60 Jahren marschieren sie immer gleich ein: In kurzen schwarzen Hosen und weißen Kniestrümpfen - das Herz auf dem rechten Fleck und darüber das Wappen mit dem Berliner Bären. Und dann schmettern sie: Berliner Jungens, die sind richtig! Berliner Jungs sind auf dem Kien! Mit keinem Sechser in der Tasche da sage'n se' kess: "Wat kost' Berlin?!

Es gibt keinen bedeutenden Politiker in den letzten 60 Jahren, der nicht mit den Schöneberger Sängerknaben zu tun hatte. Ein besonderes Verhältnis bestand aber natürlich immer zu denen, die im Rathaus Schöneberg residierten. Das waren bis nach der Wende die Regierenden Bürgermeister und natürlich die Bezirksbürgermeister. Viele, nicht alle, sind Ehrensängerknaben geworden. Unter den 27 Ehrensängerknaben, zu denen auch Wolfgang Gruner und Nero Brandenburg gehören, ist nur eine Frau zu finden. Sie trägt dann auch den Titel „Frau Ehrensängerknabe“. Gemeint ist die Schöneberger Bürgermeisterin Dr. Elisabeth Ziemer (1996-2001).

„Eines der schönsten und bewegendsten Erlebnisse meines Lebens war die Begegnung mit dem Bundespräsidenten Johannes Rau“, berichtet Gerhard Hellwig in seinem Buch.

Am 24. Mai 2002 besuchte der Bundespräsident das Rathaus Schöneberg. Die Schöneberger Sängerknaben begrüßten ihn in der Halle mit: Es war in Schöneberg, im Monat Mai. Der Herr Bundespräsident war auch dabei…“ Johannes Rau reagierte erfreut, blieb beim Chor stehen, ließ sich ein Chorabzeichen anheften und ging dann weiter die schöne Treppe hinauf zur Eintragung in das Gästebuch Schönebergs.

Als er wieder zurückkehrte, sangen die Schöneberger Sängerknaben für ihn: Auf Wiederseh’n, bleib nicht so lange fort. Johannes Rau blieb bei den Jungen stehen und sang mit voller Stimme das ganze Lied mit. Von Gerhard Hellwig darauf angesprochen, dass er den Text kannte, antwortete der Bundespräsident: „Na klar – das war doch euer Lied – das kannten wir doch alle!“

Wie lässt sich so ein ebenso umfangreicher wie angemessener Beitrag beschließen? Am besten, in dem sich – in aller Bescheidenheit – der Autor selbst zitiert. Das Schreiben, das ich Gerhard Hellwig zum 60sten Bestehen des Chores übersandte, ist auf den Seiten 151/152 des Buches abgedruckt:

Als Schöneberger Pflanze, während der Blockade in Friedenau geboren, hörte ich natürlich die Schöneberger Sängerknaben im RIAS. Mangels eigenen Talents wäre ich nie auf die Idee gekommen, mich bei Ihnen zu bewerben. Wenn man Musik mag, muss man sie ja nicht selber machen können. Jahrzehnte später dann war ich im Rathaus Schöneberg für das Veranstaltungsmanagement tätig und lernte endlich Gerhard Hellwig persönlich kennen. Für Auftritte des Chores beim Besuch des Bundespräsidenten, beim Maifest in Schöneberg und sogar beim Rocktreff im Volkspark Mariendorf war ich verantwortlich.

Das interessanteste war eine kleine Tournee durch Schöneberg anlässlich des 55-jährigen Jubiläums der Sängerknaben. Als gelernter Sozialarbeiter, der eher konservativen Erziehungsformen zugewandt ist, war ich verunsichert, wie Gerhard Hellwig mit „seinen“ Jungs umgeht. Beim Aussteigen aus dem Bus treten alle erst einmal in Zweierreihen an und gehen dann so, wie es zu meiner Grundschulzeit üblich war, im Gänsemarsch in den Konzertsaal. Dass sich die Chormitglieder nicht auf die Bühne stellen können, wo sie wollen, ist logisch. Hellwig zelebriert jedoch den Auftritt der Jungs auf der Bühne.

Es geht schon ein bisschen militärisch zu, die Regeln sind streng und der Meister hat stets alles im Auge. Niemand muss sich das gefallen lassen, das Mitwirken ist schließlich freiwillig. Wobei: Es sind die Eltern, die ihre Kinder anmelden und sich etwas davon versprechen. Gutes Singen, ja, Sich-Benehmen-Lernen, kann nicht schaden. Auch wenn die Eltern die treibende Kraft sind, Spaß macht es den Jungen allemal. Sie sind keine Kadetten, obwohl sie in ihren schmucken Uniformen so aussehen. Das merkt man vor allem, wenn sie – unbeobachtet vom Chef – altersgemäß herumtollen und sich des Lebens freuen. Ohne eiserne Disziplin sich selbst und den jungen Leuten gegenüber hätte Gerhard Hellwig mit seinem Chor nicht so lange überlebt. Und dass nicht nur uns Schönebergern die Sängerknaben noch lange erhalten bleiben, sondern allen, die Freude an ihrer Musik haben, wünsche ich von ganzem Herzen zum 60sten Jubiläum.

Ed Koch

(unter Verwendung von Textpassagen aus dem Buch und von der Internetseite der Schöneberger Sängerknaben)

  
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