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Haus des Horrors - Die Wannseekonferenz

geschrieben von: Redaktion am 25.01.2022, 09:20 Uhr
paperpress597 
Es ist der deutschen Gründlichkeit zu verdanken, dass zum einen alles akribisch aufgeschrieben wurde, was am 20. Januar 1942 im Haus am Wannsee Erwähnung fand, und zum anderen, dass dieses Protokoll nicht verloren ging. Sonst hätten wir so detailliert nie erfahren, wie in einem Verwaltungs-verfahren mit Häppchen und Cognac die „Endlösung der Judenfrage“ geklärt werden sollte.


Im ZDF lief gestern Abend die dritte Neuverfilmung der Wannseekonferenz, die sich weitestgehend an dem im Protokoll vermerkten Ablauf hält. 1984 gab es den ersten Spielfilm zur Wannseekonferenz, der, wie ich meine, die Charaktere der Protagonisten besser darstellte als die Neuverfilmung, auch wenn sich der Film den Vorwurf „televisionärer Fabulier- und Kombinationslust hinzugeben“, gefallen lassen musste, wie es DER SPIEGEL beschrieb. Das ändert jedoch nichts am wahren Inhalt der Geschehnisse. Vor allem ist die Besetzung des „Gastgebers“ der Konferenz, Reinhard Heydrich, 1984 mit Dietrich Mattausch, wesentlich besser gelungen als mit Philipp Hochmair, dessen Tonlage nicht der der Dramatik des Ereignisses entspricht. Der Film von 1984 ist im Internet noch verfügbar, allerdings lei-der mit Werbeunterbrechungen.

"Die Wannseekonferenz" - Incredible 1984 German-Language WW2 Movie - YouTube

Die Ermordung der jüdischen Bürgerinnen und Bürger begann nicht erst 1942 im Deutschen Reich. An jenem Januar-Tag am Wannsee wurde jedoch die Logistik der systematischen Vernichtung beschlossen. Die einzige Sorge, die die Teilnehmer der Konferenz umtrieb, war, dass deutschen Soldaten übel werden und sie psychische Störungen vom dauer-haften Töten davontragen könnten. Ansonsten ging es vornehmlich darum, in welche Kanäle das Vermögen der jüdischen Bevölkerung gelenkt wird.

Es ging um elf Millionen Juden, von denen tatsächlich sechs Millionen ermordet wurden. Nur das Kriegsende konnte den Wahn stoppen. Wenn man sich selbst für jemand mit klarem Menschenverstand hält, ist all das, was dort besprochen und später umgesetzt wurde, nicht zu verstehen. Da saßen keine Dummköpfe am Tisch, die nicht hätten erkennen können, was sie anrichten. Sieben der 15 Schreibtischtäter hatten ein Dr. vor ihrem Namen stehen, alle anderen akademische oder gleichwertige Ausbildungen. Ist ihnen zu keinem Zeitpunkt in den Sinn gekommen, was sie mit den anständigen und ehrbaren Deutschen jüdischen Glaubens anstellen? Viele von ihnen kämpften für Deutschland im Ersten Weltkrieg und trugen entsprechende Orden.

Der Rassenwahn machte nicht an den sich damals ständig verändernden Grenzen des Deutschen Reiches halt. Und so ging es nicht „nur“ um die Vernichtung deutscher Juden, sondern um alle europäischen, und nach Erlangen der Weltherrschaft, um alle Juden überhaupt. Die Nazis sahen in den Juden eine Gefahr nach dem Grundsatz, wenn wir sie nicht vernichten, vernichten sie uns. Was muss in einem menschlichen Gehirn schieflaufen, um auf solche Gedanken zu kommen? Die Wahrheit ist vermutlich viel einfacher, es wurden Sündenböcke gebraucht.

1942 war der Zweite Weltkrieg in vollem Gange. Nach dem Angriff der Japaner auf „Pearl Harbour“ im Dezember 1941, waren die USA gerade in den Zweiten Weltkrieg eingetreten. Alle Ressourcen wurden für die Kriegseinsätze benötigt. Und genau zu dieser Zeit ermorden die Nazis Millionen Menschen, nicht weil sie von denen angegriffen werden, sondern allein, weil sie Juden sind.

Die Diskussion unter den Teilnehmern über die Frage, wer Halb- oder Vierteljude ist, und welcher „Behandlung“ er zugeführt werden muss, ist ebenso schauerlich wie darüber, welche Vorzüge das Gas Zyklon B bei der schnellen Ermordung der Menschen hat. In Wannsee ging es nicht um das Ob, sondern nur noch um das Wie. Am Tisch saßen nicht nur Nazis in ihren Phantasieuniformen, sondern auch Ministerialbeamte in feinem Zwirn mit deutlich sichtbaren Parteiabzeichen. Es ging um Logistik und Transportfragen und um die Organisation industrieller Vernichtung von Menschen.

Wenn man sich exemplarisch die Geschichte des Erfurter Industriebetriebs J. A. Topf & Söhne anschaut, wird schnell erkennbar, dass sich niemand rausreden kann, er hätte nichts gewusst. Das Unternehmen wusste sehr wohl, wozu seine Verbrennungsanlagen benötigt wurden, und machte immer neue Vorschläge zur Optimierung. 2005 gab es eine bemerkenswerte Ausstellung über die „Techniker der Endlösung“ im Jüdischen Museum Berlin.

Die entscheidende Frage, die uns heute bleibt, ist, ob sich das wiederholen kann. Schauen wir uns die Welt an und beantworten die Frage mit Ja, wenn auch nicht mit dieser Strategie und in dem Umfang. An vielen Orten nach dem Zweiten Weltkrieg wurden aus religiösen und ethnischen Gründen Menschen ermordet, auch in Europa. Was Deutschland betrifft, ist eine Wiederholung sehr unwahrscheinlich. Es ändert aber nichts an dem nach wie vor latent vorhandenen Hass gegenüber jüdischen Menschen.

Wer begreifen will, was zwischen 1940 und 1945 geschah, muss Auschwitz besuchen. An keinem anderen Ort ist der Wahnsinn so nach-empfindbar wie hier. Zwischen 1979 und 2012 hat der Paper Press e.V. 64 Gedenkstättenfahrten für Jugendliche und Erwachsene mit rund 2.500 Teil-nehmenden durchgeführt, Dachau, Auschwitz-Birkenau, Buchenwald, Stutthof, Lidice und Theresienstadt, Sachsenhausen, Majdanek und Mauthau-sen. Wichtig zwar, aber nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Was ist aus den immer wieder aufkommenden Ankündigungen geworden, dass jeder Jugendliche einmal während seiner Schulzeit Auschwitz besuchen muss? Wenig. Es gibt keine Verpflichtungen im Lehrplan, stattdessen lustige Abi-Fahrten an die Strände Europas.

Es reicht nicht aus, eine Schulklasse für drei Tage nach Auschwitz zu schicken. Grundvoraussetzung Nummer Eins ist der Kostenfaktor. Es darf keinen Eigenbeitrag geben, der als Ausrede für die Nichtteilnahme dienen könnte. Nummer Zwei: Gründliche Vorbereitung in der Schule, Filme und Fachleute gibt es genügend zur Auswahl. Sie ersetzen aber nicht das Gefühl, das man erfährt, wenn man vor Ort ist. Nummer Drei: Gründliche Auswertung.

Wir haben bei unseren Gedenkstättenfahrten schlimme Entgleisungen von Jugendlichen gesehen, die von den Lehrkräften kommentarlos hingenommen wurden. Hat den Jugendlichen niemand gesagt, dass man an einem Ort, wo Millionen Menschen verbrannt wurden, nicht raucht? Hat ihnen niemand gesagt, dass man sich für einen Besuch in einer Gedenkstätte nicht so kleidet, als gehe man auf eine Gartenparty? Was sind das für Lehrkräfte?

Wir haben es selbst erlebt und Konsequenzen gezogen, als wir merkten, dass unsere senatsgeförderten Reisen ausgenutzt wurden, um eine preiswerte Abi-Fahrt zu machen. Die Hotelunterkünfte befinden sich im nahegelegenen Krakau. Und Krakau ist eine schöne Stadt mit vielen Kneipen. „Alkoholleichen“ durch eine Gedenkstätte begleiten zu müssen, ist eine Zumutung. Wir haben danach keine Klassenfahrten mehr angeboten, sondern nur noch für Einzelinteressenten, die wir selbst entsprechend vorbereitet haben, mit Unterstützung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

Vielleicht haben wir es überlesen, aber im Koalitionsvertrag steht nichts von verpflichtenden Gedenkstättenfahrten. Dabei sind sie heute so wichtig wie damals in den 1960er Jahren, als sie Harry Ristock ins Leben rief. Dass es bis 1992 gedauert hat, ehe dem Haus der Wannseekonferenz als Gedenkstätte die Bedeutung zuteilwurde, die es verdient, ist kein Zeichen ernsthafter Bemühungen zur Aufarbeitung in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik.

Ed Koch

  
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