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geschrieben von: Redaktion am 24.02.2022, 06:28 Uhr
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Nach dem Tod des Luftbrückenpiloten Gail Halvorsen am 16. Februar, kam sofort der Gedanke auf, wie man ihn in Berlin ehren könnte. Der CDU-Partei- und Fraktionsvorsitzende Kai Wegner wird in der BZ mit dem Satz zitiert: „Dieser große Freund Berlins hat eine dauerhafte Ehrung im Stadtbild verdient. Eine lebensgroße Statue am Platz der Luftbrücke wäre ein starkes Zeichen der Dankbarkeit!“ Auch der SPD-Partei- und Fraktionsvorsitzende Raed Saleh äußerte sich gegenüber der BZ: „Damit das Andenken an diesen großen Freund Berlins und seiner Menschen auch für kommende Generationen wachgehalten wird, halte ich die Errichtung eines Gedenkortes am ehemaligen Flughafen Tempelhof für eine gute und unterstützenswerte Initiative.“


Über anders klingende Botschaften aus dem Roten Rat-haus berichtet die BZ: „Ein Herausheben seiner Person mit einem Denkmal von der Vielzahl anderer Luftbrückenpiloten, von denen viele bei der Versorgung Berlins ums Leben kamen, wäre nicht in seinem Sinne. Eine zusätzliche Ehrung entspräche auch nicht dem wiederholt dargelegten Selbstverständnis Gail Halvorsens.“, ließ die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey mitteilen. „Worauf sich diese Erkenntnis von Giffey ganz konkret stützt, ließ die Senatskanzlei trotz B.Z.-Rückfrage allerdings offen.“

„Stattdessen“, so die BZ, „verweist man im Roten Rathaus darauf, dass Candy-Pilot Halvorsen ‚durch zahlreiche Ehrungen bereits zu seinen Lebzeiten gewürdigt und hervor-gehoben‘ worden sei. Etwa durch das Große Verdienst-kreuz des Bundesverdienstordens oder durch eine nach ihm benannte Schule in Zehlendorf. ‚Das Luftbrückendenkmal am ehemaligen Flughafen Tempelhof ehrt alle Einsatzkräfte, die unsere Stadt in der Zeit der Blockade versorgt und damit am Leben gehalten haben‘, zementiert die Senatskanzlei das Nein für ein spezielles Halvorsen-Denkmal.“

Es ist geradezu erschreckend, wie unsensibel Franziska Giffey mit diesem Thema und den Befindlichkeiten, vor allem der älteren Generation, umgeht. Gail Halvorsen hat persönlich viele Eherungen erfahren, nicht zuletzt als Namensgeber für eine Schule in Zehlendorf. Das war eine besondere Ehre, dass eine Schule noch zu Lebzeiten der Persönlichkeit ihren Namen erhält. Das Luftbrückendenk-mal ehrt die bei ihren Einsätzen während der Blockade umgekommenen Soldaten. Es gibt aber keinen Gedenkort für die Luftbrückenpiloten insgesamt. Gail Halvorsen muss nicht aus der großen Zahl der Piloten hervorgehoben wer-den, denn das ist er bereits.

Seine Initiative, Süßigkeiten an kleinen Fallschirmen für die am Flugfeldrand wartenden Kinder abzuwerfen, hat ihn unsterblich gemacht, denn er lenkte in besonderer Weise den Blick auf die Kinder, denen es in der Nachkriegszeit, vor allem während der Blockade von Juni 1948 bis Mai 1949, besonders schlecht ging. Heute regen wir uns über den Zustand der Schultoiletten auf. Wie sahen denn die Schulen nach 1945 aus? Heute legen wir großen Wert auf ordentliche Kinderspielplätze. In den Nachkriegsjahren spielten die Kinder in den Trümmern ihrer Stadt.

Es ist an der Zeit, ein Denkmal für die Luftbrückenpiloten zu errichten, und zwar am Flughafen Tempelhof. Eine Statue von Gail Halvorsen, aufgestellt am Tempelhofer Damm an der Einflugschneise, wäre eine von mehreren Möglichkeiten. Damit würde man ihn auch als Kommandanten des Flughafens Tempelhof (1970-1974) ehren. Im Normalfall nehmen Politiker Vorschläge auf und versprechen erst einmal, sie zu prüfen. Aber nicht einmal dazu ist offenbar Frau Giffey bereit. Es bleibt also nur eine zivilgesellschaftliche Initiative, die aber ohne staatliche Unterstützung wenig wird bewirken können.

Die Luftbrücke hat noch ein anderes Problem. Sie ist ein rein West-Berliner Projekt. Menschen mit Ost-Biografie können mit der Luftbrücke wenig anfangen. An der Poly-technischen Oberschule „Werner Seelenbinder“ oder an der Humboldt-Universität wird Frau Giffey nichts über die Berlin-Blockade erfahren haben, während dem Autor dieses Beitrages schon in der Grundschule die Geschichte der Luftbrücke erzählt wurde.

Um an die Bedeutung der Luftbrücke für die Freiheit Berlins zu erinnern, zitieren wir nachfolgend auszugsweise aus zwei paperpress-Artikeln vom 12. Mai 2020 und 2019. Vielleicht sollte sich diesen Frau Giffey einmal gründlich durchlesen. Denn ohne den Widerstand gegen die Aggression der damaligen Sowjetunion hätte es keinen freien Teil Berlins gegeben und wäre insgesamt die deutsche Ge-schichte anders verlaufen. Was Aggression bedeutet, erleben wir gerade in diesen Stunden in der Ukraine, angezettelt vom Nachfolgestaat der UdSSR, Russland.

Die zweite Befreiung Berlins

Gerade haben wir am 2. Mai den Tag der Kapitulation, des Kriegsendes und der Befreiung Berlins vom NS-Regime gefeiert, da gilt es heute, zehn Tage später, an ein weiteres wichtiges Datum in der Geschichte Berlins zu erinnern, dem Ende der Luftbrücke. Nur drei Jahre nachdem die Rote Armee Berlin befreit hatte, verhängte ihr Oberbefehlshaber Josef Stalin im Westteil der Stadt vom 24. Juni 1948 bis 12. Mai 1949 einen Shutdown, gemessen an dem der coronabedingte von heute pillepalle ist. Schutzmasken mussten damals zwar nicht getragen werden auch gab es keine Abstands- und Hygieneregeln, dafür waren aber die Geschäfte mangels Lebensmitteln geschlossen, Baumärkte und Möbelhäuser kannte niemand und Strom war nur stundenweise verfügbar.

Versorgt wurde West-Berlin aus der Luft. Die West-Alliierten hatten ihre Transportmaschinen wieder startklar gemacht, und diesmal warfen sie keine Bomben auf die Stadt, sondern brachten Lebensmittel und Kohle nach Tempelhof, Tegel und Gatow.

Am 12. Mai findet jedes Jahr am Platz der Luftbrücke eine Gedenkveranstaltung statt. Aus bekannten Gründen ist auch diese Feierlichkeit (2020) abgesagt worden. Dennoch haben heute der Regierende Bürgermeister Michael Müller, Parlamentspräsident Ralf Wieland und Vertreter der Botschaften aus den Ländern, die an der Luftbrücke beteiligt waren, Kränze am Luftbrückendenkmal in Tempelhof niedergelegt: Michael Müller hielt eine kurze Rede und sagte: „Berlin wird niemals vergessen, wie seine Freiheit rund um die Uhr gesichert wurde. Mit unermüdlichem Einsatz haben sich die westalliierten Truppen um die Menschen im freien Berlin gekümmert, und dies erst wenige Jahre nach dem Krieg. Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut – sagte Perikles. Wir sollten uns heute mehr denn je daran erinnern.“

Im letzten Jahr wurde das 70-jährige Jubiläum des Endes der Luftbrücke gefeiert. Natürlich war auch Candy-Pilot Gail Halvorsen dabei. Halvorsen, der im Oktober 100 Jahre alt wird, wäre gern in diesen Tagen in Berlin gewesen. Aus den bekannten Gründen ist das leider nicht möglich.

Zur Erinnerung an das Jubiläum im letzten Jahr, wiederholen wir unseren Artikel vom 12. Mai 2019.

Es gibt viele Daten, die wir in Berlin als bedeutsam und historisch bezeichnen können. Aber nur ein Tag kann als die Geburtsstunde des freien Berlins bezeichnet werden, der 12. Mai 1949, das Ende der Berlin-Blockade. Welche Folgen, die am 24. Juni 1948 von Stalin verhängte Abriegelung der Land- und Wasserwege von und nach Berlin haben würde, wusste damals niemand. Die West-Alliierten hätten gegen ihren früheren Kriegsverbündeten Sowjetuni-on mit Sicherheit keine Fortsetzung des Zweiten Weltkriegs angezettelt. West-Berlin an die Sowjetunion abzugeben, hätte allen Beteiligten viel erspart. Ruhe und Frieden wären eingekehrt. Ohne ein geteiltes Berlin hätte es nie die Mauer gegeben, vermutlich aber auch keine Wiedervereinigung, wie wir sie 1989 erleben durften. Hätte, hätte, ja, sicherlich, aber die Aufgabe West-Berlins war zumindest eine Option.

Womit der Genosse Stalin offenbar nicht gerechnet hatte, ist der damals bei den Amerikanern sehr ausgeprägte Gerechtigkeits- und Freiheitssinn. Die zwei Millionen West-Berliner wurden nicht im Stich gelassen. Und so startete im Juni 1948 ein bis dahin weltweit einmaliges Projekt: Die Luftbrücke. Niemand wusste, wie lange man werde durch-halten können. Es gab viele Zweifler. Am 9. September 1948 hielt Ernst Reuter seine historische Rede vor dem Reichstag, in der er die „Völker der Welt“ aufforderte, Berlin nicht preiszugeben. Dieser Appell stärkte den Durchhaltewillen. Und am 12. Mai 1949 war klar, dass die USA, Groß-Britannien und Frank-reich West-Berlin auch in Zukunft nicht aufgeben werden.

Das merkte auch Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow, der im November 1958 die „Berlin-Krise“ mit der Forderung auslöste, West-Berlin zu entmilitarisieren und zu einer freien Stadt zu erklären. Der Begriff der „Drei-Staaten“ war geboren. Den Status West-Berlins interpretierten Ost und West auf ihre Weise. Für den Osten gehörte West-Berlin nicht zur Bundesrepublik und galt als „besondere politische Einheit“, für den Westen gehörte der freie Teil der Stadt zur Bundesrepublik, wenn auch mit gewissen formalen Einschränkungen. In Berlin gab es andere Personalausweise als im Rest der Republik und keine Wehrpflicht, was West-Berlin für viele junge Männer von Schleswig-Holstein bis Bayern besonders interessant machte. Die Staatsangehörigkeit war allerdings überall deutsch, und darauf kam es an. Was zur Wahrheit auch dazu gehört, ist natürlich, dass die USA ein großes Interesse an einem Stachel im Fleisch des Ostblocks hatten, und dieser Stachel war der östlichste Vorposten der freien Welt, nämlich West-Berlin. Wir wurden zum Tummelplatz der Geheimdienste, und der Austausch von festgesetzten Spionen fand publikumswirksam auf der Glienicker Brücke statt, in deren Mitte der „Eiserne Vorhang“ hing, die Grenze zwischen West und Ost.

Der bekannteste Luftbrücken-Pilot ist zweifelsohne Gail Halvorsen. Viele Male seit Ende der Luftbrücke kehrte er zurück nach Berlin. Von 1970 bis 1974 war er sogar Kommandant des Flughafens Tempelhof.

Kondolenzbuch

Berlinerinnen und Berliner haben Gelegenheit, mit eigenen Worten im Kondolenzbuch Abschied zu nehmen. Das Kondolenzbuch des Senats wird bis zum 2. März während der Öffnungszeiten des Hauses, werktags von 9 bis 18 Uhr im Roten Rathaus ausliegen. Am oberen Ende der Freitreppe im Hauptportal, auf der linken Seite des Umlaufs befindet sich der Eintragungsort. Quelle: Berliner Morgenpost

Hoffen wir, dass das Kondolenzbuch nicht die letzte Erinnerung an Gail Halvorsen sein wird.

Ed Koch


  
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