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Erinnerungen an Dieter Hildebrandt

geschrieben von: Redaktion am 23.05.2022, 09:25 Uhr
paperpress601 
Erstveröffentlichung: 23.05.2020 - Aktualisiert

Auf den Tag genau, 22 Jahre vor Inkrafttreten des Grundgesetzes, kam Dieter Hildebrandt zur Welt. Er sollte der einflussreichste und scharfzüngigste Kabarettist Deutschlands werden. Einer, der uns nicht nur die Welt erklärte, sondern auch die richtigen Fragen stellte. Dieter Hildebrandt war der beste Beweis dafür, wie gut unser Grundgesetz funktioniert. Er lebte den Artikel 5 über die freie Meinungsäußerung und die Freiheit der Kunst vor. Bei all dem, was uns Politiker, Wirtschaftsbosse, Medienunternehmer, Journalisten, Virologen oder Kriegs-experten erzählen und für die Wahrheit ausgeben, muss es Regulative geben. Es muss nicht alles in Frage gestellt werden, es müssen aber die richtigen Fragen gestellt werden. Und genau das ist die Aufgabe des Kabaretts. Ich meine Kabarett, nicht Comedy.

Am 20. November 2013 endete das Leben von Dieter Hildebrandt. Die Lücke, die er hinterließ, konnte nie geschlossen werden. Für den großen Kreis der Freunde von Dieter Hildebrandt wird der 20. November 2013 deshalb in Erinnerung bleiben als ein schwarzer Tag. Noch am Morgen erfuhr man von seiner Krebserkrankung, er werde nicht mehr auf-treten, kündigte aber gleichzeitig an, kämpfen zu wollen. Und kaum hatte man diese Nachricht verarbeitet, folgte die von seinem Tod.

Natürlich ist 86, wie man so sagt, ein „schönes“ Alter, aber keines, in dem man unbedingt sterben muss. Und ohne die Krankheit hätte Dieter Hildebrandt vermutlich noch mit 100 auf der Bühne gestanden und Intelligenteres in einem Zweistundenprogramm erzählt, als es während einer ganzen Sitzungswoche im Bundestag zu vernehmen ist. Dass das InfoRadio den ganzen Tag mit Freunden und Weggefährten sprach und Dieter Hildebrandt mehrfach selbst zu Wort kommen ließ, war eine sehr angemessene Programmänderungen, ebenso am Abend in der ARD. Manche hätten sich dann aber doch lieber nicht äußern sollen und so zu tun, als hätten sie Sympathie für ihn empfunden. In Wahrheit gab es nur zwei Seiten, Hildebrandts Anhänger und diejenigen, die ihn regelrecht hassten. Ein bisschen Hildebrandt gab es nicht.

Alles, was wichtig ist über Dieter Hildebrandt zu sagen, ist bekannt und kann bei Wikipedia nachgelesen werden. Ja, er war der letzte der großen deutschen Kabarettisten, oft kopiert, nie erreicht. Hildebrandt war eine eigene Marke mit einem unverkennbaren Stil.

Ich bin sehr froh darüber, Dieter Hildebrandt viele Male begegnet zu sein und für paperpress interviewt haben zu dürfen. Es ist unglaublich, was dieser Mann wusste. Er hat alles, was in den Medien verbreitet wurde, regelrecht aufgesogen. Er konnte fast aus jeder Zeitung jeden Politiker zitieren. In seinem Kopf hörte es nie auf zu rumoren. Oft legte er nicht nur den Finger in die von Politikern aufgerissene Wunde, sondern gleich die ganze Hand.

Der von Politikern und so genannten gesellschafts-relevanten Gruppen kontrollierte öffentlich-rechtliche Rundfunk hatte demzufolge nicht wenige Probleme mit Hildebrandt. Ich war oft bei den Proben des „Scheibenwischer“ dabei, wie auch ein Verantwortlicher des Senders. Nein, es wurde keine Kontrolle ausgeübt, natürlich auch keine Zensur. Es wurde aber oft lange um die eine oder andere Formulierung gerungen. Der Bayerische Rundfunk schaltete sich auch schon mal aus dem ARD-Gemeinschaftsprogramm aus, wenn der „Scheibenwischer“ allzu kritisch wurde. Ärger gab es auch um die Sendung über den „Rhein-Main-Donau-Kanal“ vom 14. Januar 1982, die ein Jahr später mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet wurde.

Als Dieter Hildebrandt 2003 den „Scheibenwischer“ verließ, nahm er den Namen, den er sich hat schützen lassen, mit. Die Sendung hieß von nun an „Satire Gipfel“, entwickelte sich weiter und trägt heute den Titel „Nuhr im Ersten.“ Die Zeit nach Hildebrandt war geprägt von Intrigen und Mobbing. Nach und nach verließen Bruno Jonas, Georg Schramm und Richard Rogler die Sendung. Übrig blieb Mathias Richling, der Ende 2010 aufhörte. Richling zählt zu den schärfsten Kritikern von Dieter Hildebrandt. Er bezeichnete Hildebrandt als „SPD-Wahlkämpfer“ und warf ihm vor, in erster Linie parteipolitisch motivierte Satire betrieben zu haben: „Das Problem ist auch, dass Altgenosse Dieter Hildebrandt kein politisches Kabarett kann, sondern immer nur parteipolitisches. Sein Scheibenwischer wurde von der SPD immer angesehen als parteieigene Sendung. Deshalb geht Hildebrandt leider jede Form von Objektivität ab, auch in der Beurteilung von Kollegen.“ Quelle: Wikipedia

Starke Worte von jemand, dem es nicht gelang, die Sendung von Dieter Hildebrandt fortzuführen und das eingespielte Ensemble bei der Stange zu halten. Die vielen Kabarettisten, die Dieter Hildebrandt gefördert hat, werden eine andere Meinung zum Thema „Objektivität“ haben.

Ich werde nie vergessen, durch welchen Zufall ich Dieter Hildebrandt kennengelernt habe. Die „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“, die Hildebrandt gemeinsam mit Sammy Drechsel 1956 gegründet hatte, trat zum Jahresende 1965 in der Urania auf. Als vom Kabarett begeisterter Teenager versäumte ich keinen Auftritt. Anschließend wollte ich noch zum Europa-Center gehen, um mit einem Freund etwas zu trinken. Im Europa-Center, das Anfang April 1965 eingeweiht wurde und in das die „Stachelschweine“ von der Rankestraße umgezogen waren, trafen wir auf Dieter Hildebrandt, der die neue Spielstätte des Berliner Kabaretts suchte. Bei dieser Suche half ich ihm und bei den Stachelschweinen tranken wir dann mit Wolfgang Gruner noch eine Cola.

Von da an begegnete ich Dieter Hildebrandt viele Male. Und als es dann ab 1976 paperpress gab, machte ich auch immer wieder Interviews mit ihm. Der „Scheibenwischer“ war für mich Pflichtprogramm, und besonders schön war es, wenn ich im Studio dabei sein durfte. Die Fototermine bei den Proben ließen unser Fotograf Lothar Duclos und ich selten ausfallen. Am Rande der Proben kam es auch zu sehr ruhigen und nachdenklichen Gesprächen. Vor allem Mitte der 80er Jahre, als seine Frau Irene unheilbar an Krebs erkrankte. In dieser schweren Zeit überhaupt aufzutreten und die Leute zum Lachen zu bringen, fiel ihm schwer. Als Irene im August 1985 starb, ahnte er nicht, dass ihn nur fünf Monate später ein weiterer Schicksalsschlag treffen würde. Sammy Drechsel, Kopf der Lach- und Schießgesellschaft und Scheibenwischer-Regisseur starb im Januar 1986.

Nach den Scheibenwischer-Sendungen trafen sich die ganze Crew und etliche Freunde immer im Preußischen Landwirtshaus am Olympiastadion. Die Abende dort, besser die Nächte, bleiben in Erinnerung. Einmal saß ich mit Werner Schneyder an einem Tisch. Der Mann hatte Hände so groß wie eine Bratpfanne. Über irgendetwas aus dem politischen Alltagsgeschehen regte er sich auf und donnerte seine Pranke auf den Tisch. Nur mit Mühe konnten die anderen ihre Gläser am Umkippen hindern. Während so eines Abends fragte ich Dieter Hildebrandt, ob er denn nicht einmal Lust hätte, an einem Schulklassengespräch des RIAS teilzunehmen. Manfred Rexin veranstaltete diese mit prominenten Zeitgenossen. Hildebrandt war einverstanden, der Termin stand fest, Januar 1986. Dann starb Sammy Drechsel, der Scheibenwischer fiel aus und das Projekt musste verschoben werden. Es dauerte dann bis zum 23. Mai 1986, seinem 59sten Geburtstag, als Hildebrandt die Gustav-Heinemann-Schule in Marienfelde, in der das Gespräch aufgezeichnet wurde, besuchen konnte. Wir haben ihn in seinem Hotel am Funkturm, wo die ganze Crew stets wohnte, abgeholt und wieder zurückgebracht. Schulleiter Karl Pentzliehn hatte ein tolles Ge-schenk besorgt, nämlich eine Flasche Rotwein aus Hildebrandts Geburtsjahr 1927.

Aus dem Besuch in der Gustav-Heinemann-Schule entwickelte sich die Verabredung zwischen Hildebrandt und Schulleiter Pentzliehn zu einem Fußball-spiel in München, das ein Jahr später mit Lehrern der GHO zustande kam.

Es gibt noch so viele Erinnerungen, die ich auf-schreiben könnte. Dieter Hildebrandt war ein sehr empathischer Mensch, der am Schicksal seiner Umgebung nicht nur Interesse zeigte, sondern auch hatte. Er war nie abgehoben, schnöselig oder arrogant wie so einiger seiner Kollegen.

Im September 2012 konnte ich noch einmal kurz mit ihm nach einer seiner legendären Lesungen im Schlosspark-Theater sprechen. Der erste Teil des Programms bestand immer darin, anzukündigen, dass die Lesung gleich begönne. Zuvor müsse er aber noch auf diese und jene aktuelle Geschichte eingehen. Tagesaktuell. Im zweiten Teil berichtete er dann von einigen Begebenheiten, die er während seiner vielen Bahnfahrten bei seinen Tourneen er-lebte. Das Programm endete spektakulär mit dem Rentner Rap. https://www.youtube.com/watch?v=HeadTU1szXc

Wo ich geh, wo ich steh' - Was ich höre, was ich seh'
Rappen Deppen diesen Schmäh'
Den ich meistens nicht versteh'!
Leise flehen meine Glieder:
"Singt doch meine Lieder wieder!"
Doch die miesen, miesen Brüder
Rappen meine Lieder nieder, ja!
Unten siehste Teenies hocken,
Noch nicht hinter'n Ohren trocken,
Die dich schrecken, die dich schocken,
Dich mit dicken Lippen locken,
Aufgespritzt und aufgeblasen,
Zugepierct die Babynasen,
Und am Bauch kommt‘s wabblig raus.
Baby, du siehst scheiße aus, ja!
Und daneben hocken Knaben,
Die den Arsch voll Akne haben,
Und so blöde Hosen tragen,
Die ein Jahr im Dreck rumlagen.
Geile Röhren irgendwie,
Nur der Hintern hängt im Knie,
Und es kommt aufs Gleiche raus:
Bubi, du siehst scheiße aus, ja!
Wo ich geh, wo ich steh'
Was ich höre, was ich seh',
Immer hör ich es nur rappen.
Selbst in Heppenheim und Meppen.
Und warum, frag ich mich Deppen,
Muß ich mich bis Meppen schleppen?
Weil sich Meppenheim und Heppen
Ganz vorzüglich reimt auf rappen, ja!
Ja oder nein, Da muss keine Antwort sein,
Ich bin klein, mein Herz ist rein,
Ich komm auch in den Himmel rein.
Steh ich an der Himmelstür,
Und dann sag ich kann doch auch,
Ich kann doch auch,
Ich kann doch wirklich nichts dafür, nein!

Zum letzten Mal gesehen habe ich ihn beim „Politischen Aschermittwoch“ 2013, neun Monate vor seinem Tod. Was bleibt, ist mal wieder nur die Erinnerung. Die Erinnerung an den letzten großen Kabarettisten dieses Landes und an einen liebenswürdigen Menschen.

Ed Koch

  
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