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Beispielgebend

geschrieben von: Redaktion am 17.08.2023, 08:47 Uhr
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Wie schön wäre es doch, wenn sich die Mitglieder der Europäischen Union so liebhaben würden wie ihre musikalische Jugend. Am Ende des Konzerts des European Union Youth Orchestra am 16. August am Gendarmenmarkt, als der Dirigent Manfred Honeck das Podium bereits verlassen hatte, bildeten die jungen Europäer ein Wimmelbild, liefen musizierend über die Bühne, kreuz und quer, gingen in die Hocke und sprangen wieder auf; was für eine Lebensfreude! Und ganz zum Schluss lagen sie sich in den Armen. All das ist genau das Gegenteil von dem, was wir aus Brüssel und Straßburg wahrnehmen, kein Gleichklang, keine Freude und in den Armen liegt man sich ohnehin nicht, es sei denn zum Ringkampf. Höchstens geben die Repräsentanten der 27 EU-Staaten bei ihren Treffen ein undefinierbares Wimmelbild ab.


Michael Horst, der uns jeden Tag im Programmheft die aufgeführten Werke erklärt, überschrieb den gestrigen Abend mit den Worten: „Tröstliche Hymne, rasantes Feuerwerk und ein Blick in die Abgründe von Angst und Widerstand.“ Drei musikalische Highlights, die die Kronleuchter im Konzerts-aal wackeln ließen.

Los ging es mit dem melancholischen Larghetto des schottischen Komponisten James MacMillan. Melancholisch ja, aber auch kräftig. Das zweite Stück des Abends wird im Programmheft als „halsbrecherisch“ bezeichnet. Gemeint war das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 von Sergej Prokofjew. Am Klavier war der Brite Benjamin Grosvenor zu erleben, „der mit erst 30 Jahren schon auf eine zehnjährige internationale Karriere zurückblicken kann.“ Woran erkennt man die besondere Begeisterung des Publikums? Ganz einfach, wenn es zwischen den Sätzen applaudiert, was bei Fachleuten, die sich ihren Beifall bis zum Ende aufsparen, natürlich verpönt ist. Warum eigentlich? Überflüssige Etikette. Wenn es gefällt, kann man dies auch zwischen den Sätzen zum Ausdruck bringen.

Nach dem Werk wollte der Applaus nicht enden, und so ließ sich Benjamin Grosvenor nicht lange bitten und setzte sich noch einmal an den Flügel für eine Zugabe.

In der Konzertpause ist es immer wieder erfreulich, paperpress-Leser zu treffen, die angeregt durch unsere Berichterstattung, auch bei YEC dabei sein möchten. So trafen wir den früheren Tempelhof-Schöneberger Bezirksbürgermeister Dieter Hapel und den ehemaligen Jugendamtsdirektor Henning Till. Stammgäste bei Young Euro Classic sind seit Jahren der Regierende Bürgermeister des Mauer-falls und spätere Parlamentspräsident Walter Momper und seine Frau Anne Momper.

Nach der Pause wurde es dann „monumental“ mit Dmitri Schostakowitschs Fünfter. Das knapp einstündige Werk forderte alle verfügbaren Instrumente auf der Bühne heraus. Manfred Honeck wurde für die Einspielung der Symphonie 2018 mit einem Grammy ausgezeichnet.

Michael Horst beschreibt das Zustandekommen und die Symphony selbst wie folgt: „Anfang 1936 sah sich der hoffnungsvolle Komponist urplötzlich den massiven Vorwürfen von Staat und kommunistischer Partei ausgesetzt, nicht der offiziellen Linie des Sozialistischen Realismus zu folgen und statt-dessen dem ‚Formalismus‘ zu frönen. Die ambitionierte Vierte Symphonie wurde daraufhin beiseitegelegt; und aus der existenziellen Bedrohung durch die Stalin-Diktatur wand sich der Komponist, indem er der neuen Symphonie, der Fünften, eine ausführliche Erklärung mitgab, in der er vom ‚Wer-den der Persönlichkeit‘ sprach und von den ‚tragischen Motiven des ersten Satzes‘, die sich am Ende der Symphonie in ‚lebensvollen Optimismus‘ auflösen würden.“

Und da wir die Programmhefte immer vor den Konzerten aufmerksam lesen, haben wir die Worte von Michael Horst ernst genommen, nämlich „genau hinzuhören.“ „Denn hinter der Rückkehr zur klassisch-viersätzigen Anlage tarnte der Komponist vieles an Bitterkeit, Ängsten und passivem Widerstand, was er öffentlich nie hätte zugeben können.“

„Kompositorisch steht der knapp 30-Jährige bereits auf dem Zenit seines Könnens: souverän werden gerade im ersten Satz die verschiedenen Themen ausgebreitet und miteinander verknüpft, musikalische Höhepunkte langsam aufgebaut, bevor sie wieder abflauen. Doch die marschmäßigen Steigerungen haben etwas Martialisches an sich, die Dissonanzen bohren sich schmerzvoll und beklemmend ins Gehör. Das Scherzo greift in seiner Expressivität deutlich auf das Vorbild Mahlers zurück, ist aber sehr viel kammermusikalischer angelegt und überrascht im Trio mit einer originellen Kombination von Solo-Violine, Harfe und Violoncelli.“ Wofür die Solisten nach dem letzten Ton gebührend vom Publikum gefeiert werden.

„Echtester Schostakowitsch“, schreibt Horst, „ist das anschließende Largo: ein weit ausschwingender, von geteilten Streichern mit solistischen Holzbläsern angeführter Satz, ein Ruhepol ohne Blechbläser und Schlagwerk, das Zentrum der ganzen Symphonie und von bezwingender Intensität. Umso bombastischer überrollt die Orchesterlawine des Schlusssatzes diese lyrische Stimmung.

Vor der Reprise sorgt noch eine im Pianissimo gehaltene Schlagzeug-Einlage für ein überraschendes Spannungsmoment; danach ist kein Halten mehr. Wie in Beethovens Fünfter hellt sich das Finale nach Dur auf, der übertriebene Jubel lässt auch an den Schluss von Tschaikowskis Fünfter denken. Doch die dissonanten Widerhaken und nicht enden wollenden Wiederholungen des Schlussakkordes ertränken die Behauptung vom ‚lebensvollen Optimismus‘ des gewandelten Menschen im Lärm des entfesselten Orchesters – ein teuer erkaufter Sieg, bei dem keine echte Freude aufkommen mag.“, schreibt der Experte. Diese Einschätzung jedoch ertränkte das Publikum in frenetischem Beifall und erklatschte sich damit eine Zugabe. Und ganz am Ende des Konzerts, siehe Anfang dieses Berichts, setzte sich die pure Lebensfreude der jungen Europäerinnen und Europäer in einer weiteren Zugabe durch.

EUROPEAN UNION YOUTH ORCHESTRA

„Europäischer geht es nicht: Seit seiner Gründung 1976 bildet das EUYO eine Brücke zwischen Musikausbildung und professioneller Karriere. Über 4.000 Musikerinnen und Musiker haben nach rigorosen Auswahlspielen in jedem EU-Land mittlerweile das EUYO durchlaufen; seine Ehemaligen finden sich heute als Dirigenten, Solisten, Lehrende und Orchestermusikern in Orchestern wie dem London Symphony Orchestra, den Berliner Philharmonikern, dem Boston Symphony Orchestra und dem Royal Concertgebouw Orchestra. Das EUYO hat mit legendären Musikern wie Daniel Barenboim, Leonard Bernstein und Sir Colin Davis zusammengearbeitet.

Nach dem Gründungsdirigenten Claudio Abbado, Vladimir Ashkenazy und Bernard Haitink, ist seit Herbst 2015 Vasily Petrenko Chefdirigent des Orchesters. Gegründet 1976 von Joy und Lionel Bryer, ist das EUYO ein Kulturbotschafter der Europäischen Union und darüber hinaus eine Weltmarke, wie Auftritte bei den BBC Proms, der Carnegie Hall und dem Wiener Musikverein belegen. Die Auftritte bei Young Euro Classic gehören seit Gründung des Festivals zu den jährlichen Glanzlichtern: 2019 setz-te das EUYO mit seiner dreitägigen Residence und der Aufführung von Beethovens Neunter in und vor dem Konzerthaus Berlin ein besonders spektakuläres Highlight.“

Zusammenstellung und Kommentierung: Ed Koch
Quelle: YEC









  
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