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Aufschrei der toten Seelen

geschrieben von: Redaktion am 18.08.2023, 09:44 Uhr
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Es war der berührendste Abend bei Young Euro Classic 2023. Zu Gast waren die jungen Musikerinnen und Musiker des norwegischen Ungdomssymfonikerne Orchesters. Erinnert wurde in einem Werk des norwegischen Komponisten und Dirigenten Rolf Gupta an die beiden Anschläge eines Rechtsextremisten am 22. Juli 2011 in der Innen-stadt von Oslo und auf der Ferieninsel Utøya.

Für die Norweger hat sich das Datumskürzel 22/7 so eingeprägt wie 9/11 für die Amerikaner. Und jeder denkt darüber nach, wo er am 22. Juli 2011 gewesen war. Der Autor dieses Beitrages saß in einem Wiener Fußballstadion und hörte sich ein Konzert von Bon Jovi an. Als das Konzert begann, waren in Oslo schon 77 Menschen ermordet worden. Kein Hinweis, keine Gedenkminute. The Show must go on. Über iPhones mit einer Nachrichten-App verfügte damals offenbar noch niemand.

Erst spätabends im Hotel erfuhren wir von der „schlimmsten Katastrophe in Norwegen seit dem Zweiten Weltkrieg“, wie es der damalige Ministerpräsident Jens Stoltenberg bezeichnete.

Der Pate des Abends, der Schauspieler Dietmar Bär, Mitglied im „Deutschen Freundeskreis europäischer Jugendorchester e.V.“, dem Veranstalter von Young Euro Classic erinnerte an die Geschehnisse des 22. Juli 2011. Am frühen Nachmittag explodierte im Regierungsviertel Oslos ein fast eine Tonne schwerer Sprengsatz, der acht Menschen tötete und mehr als 200 verletzte. Alle Sicherheitskräfte der norwegischen Hauptstadt konzentrierten sich auf den Ort des Geschehens, zumal im betroffenen Hochhaus der Ministerpräsident sein Büro hatte.

Dieser Anschlag war aber lediglich ein Ablenkungsmanöver. Dem Attentäter gelang es, in einer ge-fälschten Polizeiuniform mit einer Fähre auf die Insel Utøya zu gelangen, wo ein Sommerferienlager der Sozialistischen Jugend stattfand. Ein nicht zufällig ausgewählter Ort. Er hoffte, dort die frühere Premierministerin Gro Harlem Brundtland ermorden zu können, die allerdings die Insel schon wieder verlassen hatte. 564 Menschen befanden sich auf der Insel, davon 530 Jugendliche. Über eine Stunde lang schoss der Attentäter wahllos um sich und tötete 69 Menschen und verletzte weitere 33. Erst dann gelang es Spezialkräften der Polizei den Täter festzunehmen.

An dem Feriencamp nahmen Jugendliche in dem gleichen Alter teil, wie die aus dem norwegischen Orchester, sagte Dietmar Bär sichtlich bewegt. „Sie waren voller Lebensfreude, vielleicht gerade verliebt, und hatten Hoffnung für die Zukunft.“ Beispiellos zynisch rechtfertigte der Täter, dessen Namen wir bewusst nicht nennen, sein Massaker zum „Wohle Norwegens“. „Er wurde im August 2012 wegen 77-fachen Mordes zu einer Freiheitsstrafe von 21 Jahren verurteilt. An diese nach norwegischem Strafrecht höchstmögliche Haftstrafe schließt sich ein Maßnahmenvollzug an.“

Kann es überhaupt gelingen, so eine Tat in Noten zu fassen? Mit „Epitaph – Grabschrift zum Gedenken an die Opfer von Utøya“ ist dies Rolf Gupta in erschreckender Weise in seinem 18-minütigen Werk gelungen. Gupta habe einen „Raum geöffnet, in dem die Sprachlosigkeit der Trauer Platz finden kann“, sagte der Kulturkritiker Harald Asel heute früh im rbb 24-InfoRadio. Für den paperpress-Berichterstatter, alles andere als ein Klassikexperte, ist Guptas Werk ein ergreifender und gelungen um-gesetzter musikalischer Aufschrei der toten Seelen von Utøya. Im Namen des Komponisten und des Orchesters bat Dietmar Bär das Publikum, nach dem Stück nicht zu klatschen. Nahtlos ohne Pause wurde das Konzert mit Gustav Mahlers Fünfter Symphony fortgesetzt, ein „gewaltiges, gewichtiges und forderndes Werk“, schreibt Michael Horst im Programmheft. „In Gestus und Charakter nimmt Guptas Werk, wenn auch in zeitgenössischer Tonsprache, deutlichen Bezug auf Mahlers Fünfte.“

Mahlers Fünfte ist mit fast 80 Minuten ein außergewöhnliches Werk mit sehr abwechslungsreicher Musik. Es beginnt mit einem Trauermarsch, beschrieben mit den Worten „In gemessenem Schritt, streng wie ein Kondukt“, und geht über den zweiten Satz: „Stürmisch bewegt. Mit größter Vehemenz.“ Kolossale Musik. Und dann der vierte Satz. Das Adagietto hat sich, seitdem es die musikalische Hauptrolle in Luchino Viscontis Film aus dem Jahre 1971, nach der gleichnamigen Novelle von Thomas Mann, „Tod in Venedig“ spielte, in meinem Kopf festgesetzt. Während andere, die scherzhafte Einlage sei gestattet, frei nach Heinz Erhardt einen Korn trinken, wenn sie mal traurig sind, ist es bei mir das Adagietto. Es hilft und heilt in zwölf Minuten. Aus-probieren! Bei YouTube jederzeit verfügbar.

Mahlers Fünfte besteht aus fünf Sätzen, einem mehr als üblich bei Symphonien. Nach dem vierten, dem Adagietto, folgt das große Finale, in dem alle Musikerinnen und Musiker wieder gefordert sind, blieb der vierte Satz doch allein Streichern und Harfen überlassen. „Der alles mitsichreißende Taumel beendet die Sinfonie mit einem mächtigen Tuttiakkord.“, was nicht mehr bedeutet, als dass alle Orchestermitglieder wieder gemeinsam spielen, lernen wir bei Wikipedia.

Ungdomssymfonikerne

Bereits bei der Premiere von Young Euro Classic im Millenniumsjahr 2000 traten die jungen Norweger von den Ungdomssymfonikerne im Konzerthaus auf, danach begeisterten sie mit ihren skandinavischen Programmen mehrfach das Berliner Publikum, zuletzt 2016 und 2018.

Werke von norwegischen Gegenwartskomponisten sind wichtiger Bestandteil der Konzerte. Gegründet wurde das nationale norwegische Jugendorchester 1973, um jungen, talentierten Musikerinnen und Musikern des Landes und anderer nordischer Akademien von 18 bis 28 Jahren die Möglichkeit zu geben, erste Erfahrungen unter professionellen Bedingungen zu sammeln. Die jährliche sommerliche Arbeitsphase dauert drei bis vier Wochen und findet in der südnorwegischen Stadt Elverum statt. Her-vorragende norwegische Künstler wie die Pianisten Leif Ove Andsnes und Håvard Gimse, der Cellist Truls Mørk und der Trompeter Ole Edvard An-tonsen zählten zu den prominentesten Solisten bei den anschließenden Konzerten in Norwegen und anderen Ländern Europas.

Zusammenstellung und Kommentierung: Ed Koch


  
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