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In the Year 2020

geschrieben von: Redaktion am 10.11.2007, 15:53 Uhr
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Ist es 2020 vorbei mit „Berlin ist arm aber sexy“? Heißt es dann vielleicht „Berlin ist arm und alt?“ Ganz Berlin ein einziges großes Seniorenheim? Die Plätze auf den Parkbänken werden knapp. Und was ist mit den Zuwanderern? Schon jetzt lässt die Integration sehr zu wünschen übrig, was an beiden Seiten liegt. Was soll bis 2020 besser klappen als das, was in den letzten Jahrzehnten schon nicht funktioniert hat? Das einzige was uns bleibt, ist die Zuversicht, dass unsere Politiker die Sache in den Griff bekommen. Der angeborene Optimismus der Berliner wird in den nächsten Jahren stark strapaziert.
Politiker verlieren sich zu oft im Tagesgeschäft. Das Management der aktuellen Pro-bleme nimmt viel Zeit in Anspruch. Man denkt nur noch in Haushaltsplanzeiträumen von zwei Jahren. Immerhin, früher galten Haushaltspläne nur ein Jahr. Die 5-Jahres-Pläne im Sozialismus haben außer den Untergang des Systems nichts gebracht. Wie auch immer, besonders sympathisch finde ich Politiker immer dann, wenn sie lange über das Ende ihrer Amtszeit hinausblicken und versuchen, für ihre Stadt oder ihren Bezirk Perspektiven zu entwickeln. Im Jahr 2020 wird sich Tempelhof-Schönebergs Bürgermeister Ekkehard Band (SPD) vermutlich schon 10 Jahre im Ruhestand befin-den. Und als dann 75-jähriger wird er zu der größten Bevölkerungsgruppe seines Ortsteils Schöneberg gehören. Über 40 Prozent wird die Zahl der über 65-jährigen bis 2020 zugenommen haben. Im Süden des Bezirks, Lichtenrade, sieht es nicht viel anders aus. Lediglich in Tempelhof und Mariendorf liegen die Zuwächse bei den über 65-jährigen bei knapp 20 und 5 Prozent. Und nur hier prognostiziert man Zuwächse in den Altergruppen bis 18 Jahre. Die Erwachsenen, und damit vermutlich Erwerbstä-tigen zwischen 18 und 65 Jahren nehmen in allen Ortsteilen zwischen einem und fünf Prozent ab.

Die Bevölkerungsabnahme in Tempelhof-Schöneberg ist mit -0,7 bis -1.4 Prozent eher als unwesentlich zu bezeichnen. Der Anstieg der ausländischen Mitbürger/innen hingegen nimmt überall zwischen einem und drei Prozent zu, außer in Schöneberg Süd, wo es einen Anstieg um 10 Prozent geben wird. Die Bezirksamtsmitglieder und ihre leitenden Mitarbeiter/innen haben sich also zusammengesetzt, um zu überlegen, wie der Bezirk 2020 aussehen soll. Tempelhof-Schöneberg ist mit seinem Projekt Vorreiter für alle Berliner Bezirke und erhält 100.000 Euro vom Senat, um das Vor-haben umsetzen zu können.

Unter Vorsitz des Bezirksbürgermeisters arbeitet ab sofort eine „Lenkungsgruppe“, an der alle relevanten Verwaltungen, Akteure und Unternehmen beteiligt sind. Da liegt eine Mammutaufgabe vor den Bezirken. Wer diesmal zu spät anfängt, den be-straft im wahrsten Sinne des Wortes das Leben.

Wie soll das Projekt verlaufen und welche Ziele hat es. Die Leiterin des Steue-rungsdienstes des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg, Dr. Eike Stephan, formuliert es so:

„Kommunen und Regionen in Deutschland werden sich durch die anstehenden de-mographischen Entwicklungen grundlegend wandeln müssen. Die Veränderungen, die aus den Folgen der Veralterung, der ,;Schrumpfung", dem höheren Migrantenan-teil sowie der Abnahme der Zahl der Erwerbsfähigen der Bevölkerung resultieren, betreffen fast alle kommunalen Aufgabenbereiche, respektive Politikfelder.

Ziel des Projektes ist es, sich proaktiv mit den Herausforderungen der Demographie- Entwicklung auseinander zu setzen und frühzeitig Handlungskonzepte zur Erhaltung und Stärkung der Lebensqualität und der Zukunftsfähigkeit des Bezirks zu entwi-ckeln. Um dies zu erreichen, müssen in dem Projekt mehrere Phasen durchlaufen werden:

Phase 1: Vorbereitung und Sensibilisierung:

Ziel ist hier, lokale Akteure (zunächst Politik und Verwaltung) in. das Thema einzu-führen: Mithilfe eines "Demographie-Trainings" sollen Politik und Verwaltung die Be-deutung des demographischen Wandels für den Bezirk, die bezirklichen Handlungs-felder und die Relevanz strategischer Planung für die Entwicklung von Handlungsop-tionen aufgezeigt werden. In einem 2. Schritt sollen Partner für die Gestaltung der Prozesse gewonnen und Strukturen für die weitere Arbeit geschaffen werden. Im Er-gebnis liegt ein so genanntes Akteur-Portfolio vor.

Phase 2: Transparenz herstellen:

Berlin gilt - gesamtstädtisch betrachtet - nach den Auswertungen der Bertelsmann-Stiftung als eine "aufstrebende, ostdeutsche Großstadt mit Wachstumspotenzialen". Jede Kommune, jeder Berliner Bezirk entwickelt sich jedoch unterschiedlich, wie ers-te Vergleiche auf Bezirksebene zeigen. Neben wachsenden Bezirken gibt es glei-chermaßen schrumpfende oder auch stagnierende Bezirke. Prognosewerte für De-mographie-Indikatoren liegen häufig nur für Berlin als Ganzes oder auf Bezirksebene vor. Um Handlungskonzepte entwickeln zu können, müssen die Entwicklungen klein-räumlicher analysiert werden (Planungsräume der Bezirke).
Ziel ist es, Transparenz über die demographische Entwicklung herzustellen, eine gemeinsame Datenbasis für die Berliner Bezirke festzulegen sowie die Daten zu ge-winnen und ergebnisoffen zu analysieren. Einflussmöglichkeiten und Chancen der verträglichen Gestaltung des demographischen Wandels müssen sozial- bzw. pla-nungsräumlich herausgearbeitet werden.

Phase 3: Ziele und Strategien entwickeln:

Ziel dieser Phase ist die Betrachtung der zukünftigen Entwicklungen auf stadtteil- bzw. kleinräumlicher Ebene. Erste Betrachtungen zeigen, dass sich die Entwicklun-gen z.B. in Bezug auf den Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund im Schö-neberger Norden deutlich anders darstellen als in Friedenau oder Mariendorf. Ergeb-nis dieser Phase ist das Priorisieren von Zielen und Schwerpunktthemen sowie ein Demographie-Leitbild als Ausgangsbasis für eine Gesamtstrategie des Bezirks. Die Handlungsfelder, die sich aus der demographischen Entwicklung ergeben, sind viel-fältig und können hier nicht abschließend aufgezählt werden. Schwerpunktthemen mit beispielhaft formulierten Fragestellungen könnten unter anderem sein:

Erhöhung der Attraktivität des Bezirks für Familien und junge Erwachsene: Wie familien- und kinderfreundlich ist unser Bezirk? Welche Freizeitangebote werden zu-künftig benötigt? Wie können neue Arbeitsplätze geschaffen werden und Zukunfts-branchen ausgebaut werden?

Bessere Nutzung des bestehenden Beschäftigungspotenzials: Wie kann die Integra-tion von Menschen mit Migrationshintergrund gefördert werden? Was müssen wir tun, um die Bildungs- und Integrationschancen für Kinder und Jugendliche mit erhöh-tem Armutsrisiko zu verbessern? Wie können die Potenziale älterer Menschen ge-nutzt werden?

Anpassung der bezirklichen Infrastruktur an die veränderten demographischen Rah-menbedingungen:
Wie viele Kindergärten und Schulen werden wir benötigen? Welche Nachnutzung bzw. alternative Nutzung von "freien" Kapazitäten sozialer Infrastruktur kommt in Frage? Sind ausreichend altengerechte Wohnungen mit Nahversorgungsangeboten vorhanden? Haben wir eine bedarfsgerechte Infrastruktur für Senioren aufgebaut?

Phase 4 Handlungskonzepte erarbeiten und umsetzen:

Ausgehend von den strategischen Leitzielen und identifizierten Handlungsfeldern sollen in dieser Phase detaillierte Konzepte entwickelt werden. Dabei wird es darauf ankommen, die bisher häufig getrennten Planungen einzelner Fachbereiche zu bün-deln und in eine zielgerichtete Gesamtkonzeption einzubringen. Ziel ist es, beispiel-haft Projekte zu entwickeln, zu modifizieren und umzusetzen und diese auch in der Haushalts-, Investitions- und Finanzplanung abzusichern.

Phase 5 Langfristige Wirkungen analysieren und bewerten:

Ziel dieses Projektmoduls ist die Entwicklung eines Instruments für ein Strategisches Demographie-Controlling, das regelmäßig das Überwachen der gesetzten Ziele er-möglicht und auf Basis von Demographie-Berichten eine gemeinsame Reflexion der Prozesse ermöglicht. In der Vergangenheit hat sich am Beispiel des Integrationsbe-richtes gezeigt, wie schwierig und gleichzeitig wichtig es ist, in der Lage zu sein, die Vielzahl der Aktivitäten in Hinblick auf eine gemeinsame Zielstellung darstellen und bewerten zu können.“

Auch das Jugendamt des Bezirk hat sich umfangreiche Gedanken zum Demo-graphischen Wandel gemacht und einen Bericht vorgelegt. In dem Vorwort des Berichtes schreibt Jugendstadträtin Angelika Schöttler.

„Der demographische Wandel ist zwar schon lange erkannt, doch erst seit wenigen Jahren ist auch seine Tragweite wirklich verstanden worden. Die Bevölkerung schrumpft, es gibt immer weniger junge und immer mehr ältere.Menschen. Gleichzeitig steigt die durchschnittliche Lebenserwartung kontinuierlich, was histo-risch gesehen einmalig ist.

Lange wurde die Bevölkerungsentwicklung in ihren Auswirkungen nur unter dem ren-tenpolitischen Aspekten betrachtet. Seit Anfang 2000 gehört die Frage nach den Auswirkungen der demographischen Entwicklungen auf die Strukturen und das Leis-tungsspektrum in den Feldern der Kinder- und Jugendhilfe wohl mit zu den zentralen für Praxis, Politik und Forschung. Ohne Kinder hat eine ,Gesellschaft keine Zukunft oder anders gesagt: Kinder sind unsere Zukunft. Deshalb ist das Gelingen von Kind-heit und Jugendphase für die Sicherung einer demokratischen Gesellschaft ein ent-scheidender Faktor. Das gilt in ganz besonderem Maße, wenn eine Gesellschaft so rasant altert wie die unsere!

Demographie ist ein wesentlicher Faktor, aber nicht der einzige für die Planung und Ausgestaltung der Jugendhilfe. Die Auswirkungen demographischer Prozesse wer-den besonders bei der Planung des Angebots an Betreuungsplätzen in Kindertages-stätten sichtbar. Weniger Kinder bedeutet weniger Tagesbetreuungsplätze. Eine Be-darfsausrichtung bei den Hilfen zur Erziehung und der Kinder- und Jugendarbeit je-doch darf nicht allein von der Demographie abhängig gemacht werden. Die Inan-spruchnahme von Angeboten und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe hängt in den einzelnen Feldern von einer Reihe weiterer Faktoren ab. Die Chancen vieler Kinder und Jugendliche an gesellschaftlicher Teilhabe, Bildung und Gesundheit ha-ben sich aber in den letzten Jahren verschlechtert. Materielle Armut, soziale, psychi-sche und körperliche Beeinträchtigungen haben zugenommen. Wir beobachten zu-nehmend, dass viele Familien bei der Aufsicht und Erziehung ihrer Kinder an Gren-zen stoßen.

Es ist keine Frage, dass bei sinkenden Kinderzahlen noch dringender denn je zuvor geboten ist, jedem Kind in unserem Land ungeachtet seines Elternhauses bestmögli-che Bildungschancen zu geben. Bildungschancen für alle - das ist die für mich wich-tigste Form sozialer Gerechtigkeit, gerade vor dem Hintergrund dessen, was dieser Gesellschaft noch bevorsteht. Der Teufelskreis ist bekannt: Geringe Bildung dezi-miert die Chancen auf eine Berufsausbildung - Folgen: keine Berufsausbildung, kein Arbeitsplatz.

Wir brauchen Rahmenbedingungen und Strukturen, die sicherstellen, dass Kinder und Jugendliche in eine sichere Zukunft gehen können. Diese Aufgabe geht uns alle an - Jugendhilfe, Schule, natürlich die Eltern, die Wirtschaft und die gesamte Gesellschaft.“

Ist es 2020 vorbei mit „Berlin ist arm aber sexy“? Heißt es dann vielleicht „Berlin ist arm und alt?“ Ganz Berlin ein einziges großes Seniorenheim? Die Plätze auf den Parkbänken werden knapp. Und was ist mit den Zuwanderern? Schon jetzt lässt die Integration sehr zu wünschen übrig, was an beiden Seiten liegt. Was soll bis 2020 besser klappen als das, was in den letzten Jahrzehnten schon nicht funktioniert hat? Das einzige was uns bleibt, ist die Zuversicht, dass unsere Politiker die Sache in den Griff bekommen. Der angeborene Optimismus der Berliner wird in den nächsten Jah-ren stark strapaziert.

Der 71-jährige Herausgeber des in Deutsch, Türkisch und Arabisch erschei-nenden senioren- und integrationspolitischen Pressedienstes paperpress (Schriftgröße 16) wird dann den 75-jährigen Tempelhof-Schöneberger (nach einer erneuten Bezirksfusion 2016 Berlin Süd-West) Bürgermeister a.D. beim Seniorenkaffeetrinken im Anatoliensaal (vormals Schlesiensaal) des Rathauses Friedenau zu den Ergebnissen des Projektes interviewen.

Ed Koch

  
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