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Warschau: "Ein großer deutscher Tatort"

geschrieben von: Redaktion am 17.11.2007, 14:26 Uhr
paperpress550 
Bei dem Vorbereitungstreffen für die diesjährige Gedenkstättenfahrt der Berliner SPD, brachte es der Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Dr. Johannes Tuchel, auf den Punkt. „Warschau ist ein großer deutscher Tatort“.
Was in deutschem Namen dieser Stadt und ihren Einwohnern angetan wurde, ist so ungeheuerlich und unfassbar, dass nie damit aufgehört werden darf, daran zu erinnern. Warschau war neben New York die Stadt mit der größten jüdischen Bevölkerung in der Welt. Dieser Umstand wurde zu ihrem Todesurteil, ausge-sprochen am 1. September 1939 mit dem Überfall Deutschlands auf Polen, ein Datum, das in die Geschichte als Beginn des II. Weltkrie-ges einging, der erst sechs Jahre später im Mai 1945 endete. Und um auch das klar zu sagen, in Europa, vor allem aber in Polen, fand kein Verteidigungskrieg statt, auch ist Deutschland von niemanden überfallen und angegriffen worden. Hitlers Krieg war ein Terrorkommando, das nur einem Zweck diente, Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer und Greise auszurotten, die nicht in das arische Menschenbild der Nazis passten.

Tatort Warschau

Einleitung

Es ist kein Widerspruch, wenn ein gemeinnütziger Verein wie der Paper Press e.V., auf der einen Seite in dem von ihm herausgegebenen Pressedienst die Arbeit der Regierungspartei SPD in Berlin kritisch, oft auch harsch begleitet und kommentiert, und auf der anderen Seite mit dem anderen Vereinszweig Paper Press Studienreisen eben diese SPD bei der Planung und Durchführung von Gedenkstättenfahrten unterstützt. Der SPD ist hoch anzurechnen, dass sie immer noch und hoffentlich für die Ewigkeit, nicht nur ihre eigenen Parteimitglieder, sondern jeden daran Interessierten, jährlich mindestens einmal zu einer Gedenkstättenfahrt an die schrecklichsten Orte deutscher Verbrechen einlädt. Die Rufe „Man soll doch die Geschichte endlich ruhen lassen“, verhallen bei der SPD ungehört. Persönlichkeiten wie Harry Ristock und Alfred Gleitze haben schon vor Jahrzehnten zu Gedenkstättenfahrten nach Polen eingeladen. Zu einer Zeit, als es sehr schwierig war, überhaupt dorthin zu kommen. Lange Zeit hat auch der jetzige Parlamentspräsident Walter Momper die Gedenkstättenfahrten begleitet.

Der gegenwärtige Parteivorsitzende, Michael Müller, hat vor zwei Jahren den Paper Press e.V. gebeten, die Fahrten zu Stätten des Naziterrors und Widerstandes auch für die Landes SPD zu arrangieren, nachdem er als Tempelhofer Abgeordneter schon seit 1995 mit Paper Press, teilweise mehrmals jährlich, Fahrten nach Auschwitz/Birkenau und Krakau anbot. 2005 und 2006 fanden für den Landesverband der SPD Fahrten nach Auschwitz und Krakau statt, in diesem Jahr nach Warschau und Majdanek. Die Zusammenarbeit zwischen der SPD und Paper Press hat dem überparteilichen Verein in der Presse häufig den Zusatz „SPD-nah“ eingebracht. Davon sind vor allem diejenigen Vereinsmitglieder und paperpress-Redakteure nicht besonders angetan, die mit der SPD wenig bis nichts am Hut haben. Gleichwohl sind sie sich dem satzungsmäßigen Auftrag ihres Vereins bewusst, eben solche Projekte anzubieten. Und wenn die SPD in dieser Frage um Kooperation bittet, gewährt man diese gern. Das würde übrigens auch für andere demokratische Parteien in dieser Stadt gelten.

Aus der FDP werden Forderungen laut, dass Berliner Schülerinnen und Schüler mindestens einmal während ihrer Schulzeit die Gedenkstätte in Hohenschönhausen, in der es um die unrühmliche Geschichte der DDR geht, besuchen sollen. Die Kenntnisse über die jüngste Deutsche Geschichte lassen bei Jugendlichen sehr zu wünschen übrig. Man kann ja Helmut Kohl alles Mögliche nachsagen, wenn ihn aber Jugendliche für einen Ossi halten, dann ist wirklich Gefahr in Verzug. Natürlich, die Nachkriegsgeschichte Deutschlands und Europas ist von besonderer Wichtigkeit. Kenntnisse darüber gehören unbedingt zur Allgemeinbildung eines jungen Menschen. Genauso wichtig ist aber das Wissen um die Ursache all dessen. Warum es zwei Deutschlands, ja zwei Europas gab, West und Ost, immer mit der Gefahr eines weiteren Weltkrieges vor Augen, hat seine Ursachen im deutschen Nationalsozialismus. Das muss stundenlang, bis er es verinnerlicht hat, dem Nachwuchs beigebracht werden. Hitler fiel nicht vom Himmel. Er wurde demokratisch gewählt und hat dann die Demokratie abgeschafft. Niemand soll doch heute behaupten, man habe nicht gewusst, wohin die Wahl Hitlers führen würde. Schließlich hat er vorher seine Pläne zu Papier gebracht. Hätte es damals einen demokratisch legitimierten Verfassungsschutz gegeben, wäre Hitler von diesem als Initiator terroristischer Maßnahmen verhaftet worden. Schon 1933 ließ Hitler das erste Konzentrationslager in Dachau errichten. Als 12 Jahre später die Amerikaner die Bevölkerung von Dachau durch das Lager und die Leichenberge führten, zeigten sich die Biedermänner und –frauen betroffen und überrascht über das, was vor ihrer Haustür geschah. Europa war übersäht mit deutschen Tatorten. Wenn von „polnischen KZs“ die Rede ist, weil sich diese auf dem Gebiet Polens befanden, dann muss zuerst einmal die Bezeichnung korrigiert werden. Es sind deutsche Konzentrationslager in Polen gewesen, nichts anderes.

Das Schicksal Warschaus

Zwischen dem I. und II. Weltkrieg blühte die polnische Metropole auf. Sogar vom Paris des Ostens war die Rede. Warschau war eine multikulturelle Stadt mit einem hohen Anteil an jüdischer Bevölkerung. Nach dem Überfall Deutschlands auf Polen am 1. September 1939 dauerte es noch bis zum 28. September 1939, ehe Warschau aufgab. Der Widerstand brach zusammen. Das mächtige Dritte Reich rollte über Polen hinweg. Gleich nach der Einnahme Warschaus begannen die Nazis damit, das Jüdische Getto, Mitten in der Stadt zu errichten. Auf 400 Hektar mussten sich 450.000 Menschen drängen. Nach und nach wurden alle an Ort und Stelle ermordet oder starben unter den katastrophalen Lebensbedingungen beziehungsweise wurden deportiert und in einem der Konzentrationslager erschossen oder vergast. „Umschlagplatz“ (Foto) nannte man jene Stelle in Warschau, an der die Juden in Züge gepfercht und in die KZs verbracht wurden.

In der Proznastraße, die zum Warschauer Getto gehörte, sind ein paar Häuser stehen geblieben. Sie vermitteln einen Eindruck über die Lebensverhältnisse im Getto.

Am 28. September 1939 marschierten deutsche Truppen in Warschau ein und eine verheerende fünfjährige Besatzungszeit brach an. Der Terror der Besatzer traf von Anfang an auf einen entschiedenen Widerstand weiter Teile der Bevölkerung. Der organisierte Widerstand nahm verschiedene Formen an, von geheimen Bildungseinrichtungen sowie kleinen und großen Sabotagen bis zu Attentaten. Warschau war von Beginn der Besatzung an das Zentrum des „Unterirdischen Polnischen Staates“ mit der Geheimverwaltung der Londoner Exilregierung und der Heimatarmee. Nach der Besetzung Warschaus durch die deutsche Wehrmacht wurden die Juden der Stadt und der Umgebung seit dem November 1940 im Warschauer Getto – dem größten jüdischen Getto im besetzten Europa – eingesperrt, von wo mindestens 300.000 jüdische Bürger Warschaus deportiert und ermordet wurden. 1941 wurde für Juden die Gettopflicht eingeführt und das Verlassen des Gettos sowie jegliche Hilfe für die jüdischen Warschauer unter Todesstrafe gesetzt. Gleichwohl konnten die Organisation Żegota sowie viele Privatleute hunderte Juden vor dem Tod retten. Am 18. April 1943 kam es zum Aufstand im Warschauer Getto unter der Führung von Mordechaj Anielewicz und Marek Edelman, als Reaktion auf die Liquidierung des Gettos durch die SS. Am 8. Mai 1943 nahmen sich die meisten jüdischen Anführer im Versteck in der Ulica Miła 18 das Leben. Einigen jüdische Einheiten (unter anderem Marek Edelman) gelang die Flucht zum polnischen Untergrund. Eine Folge des Gettoaufstandes war, dass von der SS ein ganzes Stadtviertel niedergebrannt und die meisten der überlebenden Juden im KZ Treblinka ermordet wurden.

An den Kniefall von Bundeskanzler Willy Brandt am 7. Dezember 1970 erinnert heute auf dem nach ihm benannten Platz eine Tafel, die Gerhard Schröder während seines Besuches in Warschau eingeweiht hatte.

Der Warschauer Aufstand, getragen von der polnischen Heimatarmee, begann am 1. August 1944 unter der Führung von Tadeusz Bór-Komorowski. Er war die größte Erhebung gegen die Okkupanten im besetzten Europa während des Zweiten Weltkrieges. Fast die gesamte verbliebene Stadtbevölkerung beteiligte sich an den Kriegshandlungen, deren Ziel ein von Hitlerdeutschland und der Sowjetunion unabhängiges Polen sein sollte. In den ersten Augusttagen wurden die polnischen Medien und eine Pfandfinderpost wiederhergestellt und die Erhebung hatte zunächst Erfolg, als sich die deutschen Truppen aus weiten Teilen der Innenstadt zurückziehen mussten. Aufgrund mangelnden Nachschubs jedweder Form kam der Aufstand schnell in eine kritische Situation. Die der Wehrmacht zu diesem Zeitpunkt weit überlegene Rote Armee war am rechten Weichselufer stehen geblieben und leistete dem Widerstand keine Unterstützung. Außerdem verweigerten die Sowjets den Westalliierten Flugplätze, von denen aus sie mehr Hilfsgüter und Waffen hätten einfliegen können. Die Heimatarmee musste am 2. Oktober 1944 kapitulieren. Im Warschauer Aufstand, der überwiegend durch Einheiten der Waffen-SS niedergeschlagen wurde, kamen fast 200.000 polnische Soldaten und Zivilisten ums Leben. Als Repressalie wurde die Mehrzahl der noch vorhandenen Warschauer Gebäude auf dem linken Weichselufer von den deutschen Truppen planmäßig gesprengt und vollkommen zerstört. Die überlebende Bevölkerung wurde in Konzentrationslager oder zur Zwangsarbeit deportiert. 85 Prozent der Bausubstanz wurde zerstört.

Beim Schicksal Warschaus und Polens darf also die Rolle der Sowjetunion nicht unberücksichtigt gelassen werden. Polen verschwand schon einmal von der europäischen Landkarte, und das wäre, hätte Hitlers Terrorkrieg Erfolg gehabt, wieder geschehen. Die stärkere Linie zeigt Polen vor dem Überfall Deutschlands, die schwächere Polen heute. Das was Polen nach dem Krieg im Westen von Deutschland zugeschlagen bekommen hat, ist vergleichsweise gering zu dem, was sich die Sowjetunion im Osten abgeschnitten hat. Der Warschauer Aufstand (1. August bis 3. Oktober 1944) wäre erfolgreich gewesen, wenn die bereits vor Warschau liegende Rote Armee eingegriffen hätte. Den Polen war aber klar, dass sie sich aus eigener Kraft von den deutschen Okkupanten befreien mussten, um nicht unter die Herrschaft der Sowjets zu geraten. Genau aber das war das Interesse Stalins. Also ließ er die Warschauer Widerstandskämpfer systematisch von der Wehrmacht umbringen und vertrieb erst diese, als die Polen endgültig am Boden lagen. Die Zeit, die für Polen folgte, war alles andere als das Leben in einem freien Land.

Die Sowjetunion setzte Zeichen in Form des Kulturpalastes, eines Gebäudes, das es in gleicher Bauweise siebenmal in Moskau gibt. Bauen „durften“ die Polen das „Geschenk“ Stalins natürlich selbst. Vor dem Palast fanden während der Zeit des Kommunismus die üblichen Paraden statt. Kaum irgendwo anders wird der Sieg des Kapitalismus über den Kommunismus so deutlich wie hier. Wo sich früher zwangsweise die Menschen zu Paraden versammeln mussten, stehen heute große Einkaufsmärkte, an denen aber zum Glück weder ALDI noch LIDL steht.

Die Rote Armee marschierte am 17. Januar 1945 in eine Ruinenstadt ohne Einwohner ein. Die befreite Bevölkerung kam zum großen Teil nach Warschau zurück. Den Soldaten der Heimatarmee blieb jedoch eine Rückkehr verwehrt. Viele mussten emigrieren. Die Stadtverwaltung wurde von der sich bildenden kommunistischen Partei eingesetzt. Bald wurde der Beschluss gefasst, Warschau detailgetreu wieder aufzubauen. 1945 wurde ein Fonds für den Wiederaufbau Warschaus gegründet. Bereits im Februar 1945 nahm eine Kommission unter der Leitung von Roman Piotrowski die ersten Rekonstruktionsarbeiten auf. Die Altstadt (Foto), die Neustadt und die Krakauer Vorstadt wurden ab 1946 bis 1953 in einer als Meisterleistung gewürdigten historischen Rekonstruktion wieder aufgebaut und dafür als Weltkulturerbe der UNESCO ausgezeichnet.

Die Aufbauarbeiten stellen bis heute weltweit die größte geplante Rekonstruktion einer Bebauung dar. Gleichzeitig wurde auch die Bebauung der Straßenzüge Ulica Miodowa, Ulica Długa und Ulica Senatorska sowie der Plätze Plac Teatralny i Plac Bankowy rekonstruiert. Die Arbeiten orientierten sich dabei zu einem großen Teil an Gemälden des italienischen Malers Bernardo Bellotto (Canaletto), der im 18. Jahrhundert viele Stadtpanoramen Warschaus geschaffen hatte. 1947–1949 wurde unter Teilen der Altstadt der Tunnel der „Ost-West-Arterie“ gebaut. 1971 entstand ein Komitee zum Wiederaufbau des Warschauer Königsschlosses unter der Leitung von Stanisław Lorentz.

Der Wiederaufbau des Schlosses (Foto) wurde in den 1970er und 1980er Jahren durchgeführt. So lange hatte es gedauert, ehe die kommunistische Führung dem Druck der Bevölkerung nachgab und dem Wiederaufbau zustimmte. Allerdings gab sie keinen einzigen Zloty dazu, und so wurde das Schloss allein aus Spenden wieder aufgebaut.

Der Wiederaufbau Warschaus dauert auch heute noch an. In den nächsten Jahrzehnten sollen die Königsgärten rekonstruiert und der Brühl'sche und Sächsische Palast wiedererrichtet werden. Gleichwohl werden die allermeisten Gebäude des alten Warschaus nicht mehr neu entstehen können. Die heutigen Straßenzüge verlaufen weitgehend anders als vor 1939. Die reiche Sezessionsarchitektur der Ulica Marschałkowska und der Jerusalemer Alleen ist unwiederbringlich verloren. Mehrere Stadtteile entstanden im realsozialistischen Stil. Von 1952–1955 wurde der Warschauer Kulturpalast errichtet, das damals zweithöchste Gebäude Europas. Daneben wurden die Stadtviertel Marienstadt und MDM im realsozialistischen Stil (wieder)errichtet. Die Blütezeit dieser Stilrichtung in Polen datiert auf die Jahre von 1949 bis 1955 und verschmolz in ihrer Warschauer Abwandlung mit der polnischen Architektur der 1930er Jahre, die wiederum stark von dem Warschauer Klassizismus beeinflusst war.

1955 wurde in Warschau der Warschauer Pakt unter dem Diktat der Sowjetunion geschlossen. Im selben Jahr fand hier das Weltjugendfestival statt. Als Reaktion auf den Polnischen Oktober 1956 wurde Władysław Gomułka zum Ersten Parteisekretär ernannt; die Zeit des Stalinismus ging zu Ende. Gomułka hielt im selben Jahr am Defiladenplatz eine Rede vor über einer Million Menschen, die den ersehnten Umbruch einläuten sollte. Im März 1968 kam es zu einer Studentenrevolte, die von dem Verbot der Aufführung des Theaterstücks Ahnenfeier von Adam Mickiewicz in Warschau ausgelöst wurde. Dies war der Beginn des Endes der Ära Gomułka, der 1970 von Edward Gierek abgelöst wurde. Neben dem Brief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtskollegen 1965 war Willy Brandts Kniefall von Warschau am 7. Dezember 1970 vor dem Mahnmal für den Gettoaufstand 1943 einer der wichtigsten Eckpfeiler für die deutsch-polnische Aussöhnung. 1976 wurde in Warschau das KOR (Komitee zur Verteidigung der Arbeiter) gegründet, aus dem später die Gewerkschaft Solidarność hervorgehen sollte, die am 10. November 1980 beim Wojewodschaftsgericht in Warschau registriert wurde. Entscheidende Bedeutung für den Untergang des Kommunismus hatte der Papstbesuch Johannes Paul II. am 2. Juni 1979 in Warschau, der mitursächlich für die Gründung der ersten unabhängigen Gewerkschaft im Ostblock war, sowie seine Messe vor über einer Million Warschauern auf dem Defiladenplatz im Jahr 1987. Mit der Ausrufung des Kriegsrechts durch General Jaruzelski am 13. Dezember 1981 wurde Warschau von motorisierten Spezialeinheiten mit Panzern und schwerem Kriegsgerät besetzt. Nach der Solidarność-Bewegung in den 1980er Jahren kam es 1988 zu den berühmten Gesprächen am Runden Tisch in Warschau, die im April 1989 zu den ersten freien Wahlen in einem Warschauer Pakt-Staat führen. Die Sejm- und Präsidentenwahlen wurden von der Solidarnosc und Lech Wałęsa gewonnen.

Begegnet einem auf Schritt und Tritt in Warschau: Frederic Chopin (1810-1849). Foto: Denkmal in Warschau. Der Flughafen Warschaus trägt den Namen des größten polnischen Komponisten, und auch das Hotel, in dem die 86-köpfige Gruppe der Gedenkstättenfahrt wohnte, heißt nach ihm.

Nach der immer wieder verheerenden Geschichte Polens, ist seit dem Ende des Kommunismus nun endlich wieder ein freies Land entstanden. Mit dem Gesetz über den Warschauer Verwaltungsaufbau vom 18. Mai 1990 wurde die Warschauer Selbstverwaltung wiedereingeführt und am 27. Mai 1990 wurde nach über 50 Jahren wieder ein Stadtparlament gewählt. Zum Präsidenten von Warschau wurde Stanisław Wyganowski gewählt, der bereits seit Januar 1990 diese Funktion vorläufig innehatte. Am 7. April 1991 wurde nach einem halben Jahrhundert die Warschauer Wertpapierbörse als zweite Kapitalmarktinstitution dieser Art in einem ehemaligen Ostblockstaat wiedereröffnet, die sich in den folgenden Jahren zu der führenden Börse in Ostmitteleuropa entwickelte. Sie bekam – was durchaus auch Symbolcharakter hatte – ihren Sitz in dem Gebäude der ehemaligen Polnische Vereinigte Arbeiterpartei und zog später in ein neu errichtetes Gebäude an den Ujazdowski-Alleen. 1994 wurden elf Stadtteile aus dem Stadtgebiet gebildet und 1995 wurde das erste Teilstück der U-Bahn in Betrieb genommen. 2002 wurde das Gesetz über den Warschauer Verwaltungsaufbau modernisiert, so dass Warschau wieder eine einheitliche Gemeinde der Woiwodschaft Masowien mit 18 Untereinheiten wurde. In den 1990er Jahren entstanden viele moderne Wolkenkratzer und Bürogebäude im Zentrum und Stadtteil Wola, und Warschau wurde zum führenden Finanzzentrum in Ostmitteleuropa.

Die Stadt beansprucht den Titel „größte Baustelle Europas“, denn in der Innenstadt sind in den letzten Jahren viele Läden, Einkaufszentren, Bürohochhäuser und Freizeitmöglichkeiten geschaffen worden. Warschau hat sein Blockbauten-Image abgelegt und ist nun neben Frankfurt, London, Rotterdam und Paris die „höchste“ Stadt Europas. Warschau ist der größte Investitionsschwerpunkt in Polen. Die Arbeitslosigkeit liegt mit ca. 5% Prozent weit unter dem polnischen Durchschnitt von 15%. In der Stadt entstehen neue Bürohochhäuser, beispielsweise der 1999 fertiggestellte 208 m hohe „Warsaw Trade Tower“, die dem 234 m hohen „Kulturpalast“ (erbaut 1955) in der Skyline den Platz streitig machen. Warschau ist Sitz verschiedener Universitäten, darunter der Warschauer Universität und der Kardinal-Stefan-Wyszyński-Universität. 1,7 Millionen Menschen leben heute in Warschau, rechnet man jedoch die Orbitalstädte wie Pruszków, Grodzisk, Mazowiecki, Żyrardów, Wołomin, Otwock, Legionowo u.a. dazu, so umfasst der Großraum Warschau rund 3,5 Mio. Einwohner.

Warschau ist heute eines der wichtigsten Verkehrs-, Wirtschafts- und Handelszentren Mittel- und Osteuropas und auch von großer politischer und kultureller Bedeutung. In der Stadt befinden sich zahlreiche Universitäten, Theater, Museen und Baudenkmäler. Das Stadtgebiet Warschau gliedert sich in insgesamt 18 Stadtbezirke („Dzielnice Warszawy“), unter denen Śródmieście (Stadtmitte) die eigentliche Innenstadt ausmacht.

Und, das darf man nicht vergessen, Warschau ist die Partnerstadt von Berlin. Was jedoch die Verkehrsverbindungen zwischen den beiden Städten anbelangt, so ist das Wort katastrophal nicht übertrieben. Mit dem Pkw benötigt man ca. 8 Stunden, mit einem Reisebus über 10. Von Autobahn keine Spur, man holpert übers Land. Wann endlich wird zwischen den beiden Metropolen eine Autobahn für eine vernünftige Verbindung sorgen?

Diese Frage stellte der SPD-Vorsitzende Michael Müller dem Generalsekretär der Schwesterpartei SLD, Grzegorz Napieralski (stehend), beim politischen Gespräch während des Besuchs der Berliner Gruppe in Warschau. Der Stettiner Abgeordnete, der unter den schlechten Anbindungen selbst oft leidet, versprach, sich weiterhin dafür einzusetzen, dass nicht nur die politischen und menschlichen Beziehungen zwischen Polen und Deutschland verbessert werden, sondern auch die verkehrstechnischen. An dem Gespräch, in dem es um aktuelle politische Fragen nach der Wahl in Polen ging, nahm auch der Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Warschau, Dr. Peter Hengstenberg (2.v.r.) teil. Die Bedeutung der nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Polen und Deutschland wurde von ihm besonders hervorgehoben. Die letzten beiden Jahre unter der Herrschaft der inzwischen weltbekannten Zwillinge waren für diese Beziehungen sehr schädlich. Unter dem neuen Ministerpräsidenten Tusk hoffen alle auf eine deutliche Verbesserung.

Übrigens: Die Bahn, wenn sie nicht gerade streikt, schafft die Strecke Berlin-Warschau von etwa 600 km in 5 ½ Stunden. Das ist der bequemste Weg, obwohl man einschränkend sagen muss, dass die polnischen Züge zwar dem üblichen europäischen Standard entsprechen, was nicht zwangsläufig der der Deutschen Bahn ist. Die Teilnehmer der Gedenkstättenfahrt hatten Glück bei der Anreise, denn da wurde noch nicht gestreikt. Bei der Rückfahrt am 16. November endete die Fahrt in Frankfort/Oder. Von da ab herrschte Chaos, das die Bahn nicht in den Griff bekam. Überfüllte Ersatzbusse, kaum verkehrende Regionalbahnen. Die Bahn hätte zumindest dafür sorgen müssen, dass bei internationalen Zügen die Kunden auch nach Hause kommen. Die Teilnehmer der Gedenkstättenfahrt konnten sich jedoch auf die Regie ihres eigenen Reiseveranstalters verlassen, der vorsorglich zwei Busse nach Frankfurt schickte, um sie abzuholen.

Rechnet man die Zeit zusammen, die man benötigt, um nach Warschau zu fliegen, kann man auch gleich mit dem Zug fahren. Eine gute Stunde braucht die 8.40-Uhr-Maschine von Berlin nach Warschau, wenn sie fliegt, was nicht immer erfolgt. Fällt sie aus, kann es einen ganzen Tag dauern, ehe LOT und LUFTHANSA die Passagiere nach Warschau bringen. Die Rückflüge versetzen die Passagiere in die Anfänge der Fliegerei. Ewig dauert es, bis der Flughafenbus seine Rundfahrt beendet hat und endlich das Flugzeug erreicht. Eine Propella-Maschine wartet auf die Gäste. Mit ohrenbetäubendem Lärm knattert das Gerät ebenso lange über den Flughafen zurück zur Startposition. Über 80 Minuten sitzt man in einer engen Kabine und fliegt Richtung Berlin. Jede Verbindung von Berlin nach Hamburg ist komfortabler. In Berlin angekommen zeigt sich, was der ständige Ausbau des Flughafens Tegel angerichtet hat. Zu dem Nebenterminal kommen die Taxis nur schubweise, besonders schön bei Regen, denn ein Dach fehlt natürlich. Von Schlangestehen versteht hier auch niemand etwas. Nicht der Reihe nach, sondern jeder, der ein ankommendes Taxi erwischt, steigt ein. Das Recht des Stärkeren und Schnelleren obsiegt.

Trotz der Widrigkeiten des Hinkommens, sollte man demnächst einmal einen Besuch in Warschau einplanen, allein schon wegen der Städtepartnerschaft, die mit Leben erfüllt werden muss. Warschau ist eine moderne und attraktive Stadt, in der es Spaß macht, umherzulaufen. Man sollte als Deutscher dieser Stadt demütig begegnen. Nicht von den Nachkriegsgenerationen, aber in deutschem Namen wurde unserem Nachbarn und vor allem dessen Hauptstadt unvergleichliches Leid angetan. Die Warschauer spüren, dass die Deutschen des 21sten Jahrhunderts andere Menschen sind, von denen sie nichts zu befürchten haben. Die Beziehungen zu Polen sind die wichtigsten in Europa. Es muss immer wieder daran erinnert werden, was zwischen 1933 und 1945 in Polen geschah. Das heutige Russland wäre gut beraten, wenn es die Aufarbeitung der Geschichte genauso intensiv betriebe, wie Deutschland. Russland ist ein ungeliebter Nachbar, der sich noch für sehr viel entschuldigen muss. Für einen russischen Präsidenten gäbe es viele Orte, an denen ein Kniefall nötig wäre. Die Kowalskis und die Schmidts hingegen sind auf dem richtigen Wege.

Besuch in Majdanek

Es war ein bitterkalter Novembertag, als 86 Deutsche aus Berlin Majdanek-Lublin besuchten. Einer von vielen Orten des Schreckens in Polen, an dem Deutsche Menschen anderer Nationalitäten und Glaubensrichtungen wahllos ermordeten. Mehr als 7.000 Orte gab es auf dem so genannten Reichsgebiet und in den okkupierten Ländern, an denen verschiedenartige Lager eingerichtet wurden. Diese hatten nur einen Zweck, Menschen zu ermorden. Während man in Deutschland die Herrenrasse züchtete, rottete man anderswo ganze Städte und Landstriche aus.

Spuren der Vernichtung in Majdanek. Dosen, in denen sich das hochgiftige Zyklon B befand. Natürlich wussten die Hersteller nicht, dass ihr Schädlingsbekämpfungsmittel auch gegen Menschen eingesetzt werden könnte. Die Degesch (Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung), eine Tochter von Degussa und I.G. Farben, stellte Zyklon B her. Die Umsatzzahlen stiegen und niemand wunderte sich über die Vermehrung von Schädlingen im Deutschen Reich, für die das Produkt eigentlich gedacht war. Die Nazis jedoch hatten eine eigene Ansicht darüber, was Schädlinge sind.

Kranzniederlegung in Majdanek, einem der unzähligen Tatorte in Polen. Wir wissen, dass es immer mehr Menschen in diesem Lande gibt, die die eigene Geschichte gern ausblenden würden. Die Neonazis bezeichnen Gedenkstättenfahrten als „Rituale der Antifaschisten“. Sie verharmlosen und verleugnen die Geschichte, behaupten sogar, dass der Holocaust nur eine jüdische Erfindung sei. Es muss in Deutschland viel mehr Geld zur Verfügung gestellt werden, um nicht nur Jugendlichen, sondern auch Erwachsenen die Verbrechen der Vorfahren vor Augen zu halten. So wichtig es ist, an die DDR als einen Unrechtsstaat zu erinnern, so wichtig ist es auch, die Zeit davor nicht aus den Augen zu verlieren. Hitler-Deutschland und DDR sind nicht vergleichbar. Es sind zwei unterschiedliche Gebilde, die nur gemein haben, dass sie auf dem selben deutschen Boden standen. Und noch eine Gemeinsamkeit gibt es: Beide Systeme dürfen sich auf deutschem Boden nie wiederholen. Und so wird der Paper Press e.V. auch weiterhin Gedenkstättenfahrten anbieten. Ab Dezember stehen unter www.gedenkstaettenfahrten.de die Projekte für das Jahr 2008.

Bericht: Ed Koch – mit Textteilen von Wikipedia

  
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