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Versteckte Helden

geschrieben von: Redaktion am 12.05.2024, 17:40 Uhr
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Natürlich ist es ungerecht, wenn sich historische Ereignisse häufig auf nur eine Person konzentrieren. Den Fall der Mauer haben Millionen Menschen her-beigeführt, wenn aber an den denkwürdigen Tag, den 9. November 1989, erinnert wird, fällt zuerst der Name Günter Schabowski. Er war nicht mehr als der Sekretär für Informationswesen des SED-Politbüros und verkündete etwas ungelenk die neu-en Reisefreiheiten für DDR-Bürger, die „sofort und unverzüglich“ in Kraft träten. Die Mauer war gefallen.

Wenn wir über die Berlin-Blockade reden, deren Ende heute feierlich am Platz der Luftbrücke und im ehemaligen Flughafengebäude Tempelhof begangen wurde, fällt zuerst der Name Gail Halvorsen. Er war einer von Hunderten, die die Luftbrücke organisierten und elf Monate lang die gut zwei Millionen West-Berliner am Leben hielt.

Die Luftbrücke war zweifelsohne spektakulär, sorgte aber weltweit für kein anhaltendes Medieninteresse. Was dem Projekt fehlte, war das, was man „human touch“ nennt. Nicht kalkuliert und erst recht nicht auf Schlagzeilen schielend, sorgte der US-Pilot Gail Halvorsen einen knappen Monat nach Beginn der Luftbrücke, für jene Beigabe, die das Ereignis in der Welt berühmt machte. Die ausgemergelten Berliner Gören standen am Rande des Tempelhofer Feldes und schauten den landenden Flugzeugen zu. Eine persönliche Begegnung zwischen Halvorsen und den Kindern, bei der er ein paar Kaugummis verteilte, brachte ihn auf die Idee, worüber sich die Kids am meisten freuen würden. Süßigkeiten! Und so bastel-te er kleine Fallschirme, an denen er Schokolade befestigte und im Landeanflug abwarf. Das war der Beginn der „Operation Little Vittles“.

Von da an war Gail Halvorsen der „Candy Pilot“, den immer mehr Menschen unterstützten. Viele bastelten nun die kleinen Fallschirme, und Schoko-lade wurde von allen möglichen Seiten gespendet. Halvorsens Verdienst ist es, aus der Luftbrücke mehr als ein Versorgungsshuttleprojekt gemacht zu haben. Noch vor Ernst Reuters historischer Rede vor dem Reichstag schaute die Welt auf diese Stadt und auf die Kinder, die sich auf Schokolade freuten, die vom Himmel auf sie herabregnete.

Mehr als die meisten anderen Piloten blieb Halvorsen Berlin nach dem Ende der Blockade treu. Von 1970 bis 1974 war er sogar Kommandant des Flughafens Tempelhof. Mercedes Wild war ein kleines in Friedenau lebendes Mädchen, die keine Chance gegen die Jungs hatte, etwas abzubekommen. So schrieb sie an Halvorsen und schilderte ihm ihr Problem. Sie hat nicht damit gerechnet, ein Päckchen mit Süßigkeiten zu bekommen. Aber es kam tatsächlich mit einem freundlichen Anschreiben von Halvorsen. Als sie ihn viele Jahre später persönlich begegnete, zeigte sie ihm seinen Brief. Und, wie im Märchen, daraus erwuchs eine jahrzehntelange Freundschaft, die auch nach Halvorsens Tod am 16. Februar 2022 nicht endete.

Heute nun wurde am Ehrenhof im Eingangsbereich des Besucherzentrums eine Gedenktafel enthüllt, die an die geniale Idee von Gail Halvorsen erinnert. In den Reden wurden auch alle anderen Piloten würdigend mit einbezogen, vor allem diejenigen, die trotz ihres hohen Alters den weiten Weg nach Berlin auf sich genommen haben, um heute dabei zu sein. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner nannte sie Helden, die in Berlin jederzeit willkommen sind.

Die Idee, Gail Halvorsen eine besondere Ehre zuteilwerden zu lassen, entstand sofort nach seinem Tod. Ein Gedanke war, eine Statue an der Einflugschneise zum Flughafen am Tempelhofer Damm aufzustellen. Große Begeisterung löste das bei den zuständige Stellen im Senat nicht aus. Aber, hier zwei Zitate aus paperpress Nr. 600 vom 5. April 2022, die wir der B.Z. entnommen hatten: „Unterstützung gibt es von CDU-Chef Kai Wegner, der sagte: ‚Dieser große Freund Berlins hat eine dauerhafte Ehrung im Stadtbild verdient. Eine lebensgroße Statue am Platz der Luftbrücke wäre ein starkes Zeichen der Dankbarkeit!‘ Und der SPD-Partei- und Fraktionsvorsitzende Raed Saleh sagte: ‚Damit das Andenken an diesen großen Freund Berlins und seiner Menschen auch für kommende Generationen wachgehalten wird, halte ich die Errichtung eines Gedenkortes am ehemaligen Flughafen Tempelhof für eine gute und unterstützenswerte Initiative.‘“ Nun, geworden ist daraus eine „Berliner Gedenktafel“, immerhin, die Kai Wegner und Gail Halvorsens Tochter Denise Williams heute enthüllten.

Der Autor dieses Beitrages will seine Unzufriedenheit über den Standort der Tafel nicht verhehlen. Wer läuft an dieser Gedenktafel denn schon vorbei? Ein sichtbarerer Platz wäre angebrachter gewesen, warum nicht am Zugang zum Tempelhofer Feld, der Einflugschneise, wo tausende von Menschen vorbei-kommen?

Als jemand, der seit Jahrzehnten über die Berlin-Blockade und die Luftbrücke schreibt, muss ich zu meiner Schande gestehen, nie zuvor etwas von Rex Waite gehört zu haben. Wir haben gestern ausführlich über ihn berichtet. Im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf wurde gestern eine Gedenktafel für den Mann angebracht, den man zurecht als Architekten der Luftbrücke bezeichnen kann, aber jahrelang vergessen hatte, nun aber zum Glück wiederentdeckte. Die Gedenktafel für Rex Waite befindet sich ein paar Meter links von der Pförtnerloge, auch nicht gerade ein Platz mit hoher Publikumsdichte. Berlin versteckt seine Helden, das ist schade und, ehrlich gesagt, auch unwürdig. Die vielen guten und richtigen Worte, die gestern und heute gesagt wurden, stehen in einem gewissen Widerspruch zur sichtbaren Würdigung.

Zum Schluss noch ein Blick auf die heutige Gedenkstunde am Luftbrückendenkmal.

Die Feierstunde folgt einem seit Jahren gleichem Ablauf. Nach dem Abzug der Alliierten aus Berlin sorgt das Stabmusikkorps der Bundeswehr für den musikalischen Teil und beginnt mit „Nun danket alle Gott“, gefolgt vom Gebet des Evangelischen Militärbischofs. Der jeweilige Regierende Bürgermeister hält dann eine Rede. Zum Jubiläum gab es heute eine zweite Ansprache, und zwar von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius.

Schülerinnen und Schüler der Gail S. Halvorsen-Schule lockern die Veranstaltung mit einer Tanzperformance auf. Anschließend: Kranzniederlegung, Gedenkminute, instrumental das Lied „Der gute Kamerad“ und das Abspielen der Nationalhymnen der USA, Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands. Ende der Veranstaltung. Heute, zum 75sten Jahrestag, lud Kai Wegner die Gäste in die alte Abfertigungshalle des Flughafens Tempelhof zu einem Empfang mit Spargel, Zanderfilet und Roastbeef ein.

Boris Pistorius zog in seiner Rede Parallelen zum heutigen Umgang mit der Ukraine. „Westberlin konnte der Blockade des Ostblocks widerstehen, weil unsere Partner zu uns gehalten und Westberlin unterstützt haben. Das zeigt, wie wichtig und verlässlich unsere Verbündeten sind und welche Kraft sie entfalten, wenn es darauf ankommt! Nach 35 Jahren Deutscher Einheit, fast 70 Jahren NATO-Mitgliedschaft und 75 Jahren Grundgesetz wissen gerade wir Deutschen, was Freiheit und Sicherheit wert sind. Die Entschlossenheit unserer Verbündeter beim ‚Berlin Air-Lift’, und die Durchhaltekraft der Berlinerinnen und Berliner während der Blockade sind uns heute ein Vorbild. Sie zeigen, dass sich gemeinsame Kraftanstrengungen im Kampf für Frieden, Freiheit und Recht lohnen! Nachdem uns unsere westlichen Partner und Alliierte über Jahre unterstützt haben, ist es nun an uns, zurückzugeben und mehr Verantwortung im Bündnis zu übernehmen.“

Ein Hinweis sei noch gestattet. Die Berlin-Blockade endete heute vor 75 Jahren, nicht aber die Luftbrücke. „Diese wurde bis zum 30. September 1949 fortgeführt, um die Lagerbestände weiter aufzufül-len. Der letzte ‚Rosinenbomber‘ hatte zehn Tonnen Kohle an Bord und landete in Tempelhof.“ rbb

Die Gedenkfeier zum Ende der Berlin-Blockade ist nie ausgefallen. Auch nicht während der Corona-Pandemie. Am 12. Mai 2021 war der damalige Re-gierende Bürgermeister Michael Müller recht allein auf dem großen Platz. Nahmen heute mehrere Hundert Gäste an der Feier teil, waren es damals etwa 20, die meisten davon Journalisten.

Beim heutigen Empfang glänzte Michael Müller mit einer Wissensfrage. Was machte den Flughafen Tempelhof weltweit einzigartig? Man konnte mit dem Taxi vorfahren und musste nur geradeaus durch die Halle bis zum Flugzeug laufen. Das waren noch Zeiten.

Zusammenstellung und Kommentierung: Ed Koch

  
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