Willkommen bei PaperPress Jugendpolitischer Pressedienst
suchen  
Hauptmenü  

Online  
Es sind 45 Besucher und 0 _MEMBER0 online..

Anmeldung

Sprachen  
Sprache auswählen:


  

Moralspektakel

geschrieben von: Redaktion am 16.05.2024, 07:43 Uhr
paperpress625 
Meine Kindheit war unbeschwert von moralischen Konflikten, wie sie heute ausgetragen werden. In den Kindertagesstätten wurden wir von „Tanten“ betreut, in den Schulen gab es Lehrer und Schüler, wenn mir meine Eltern eine Freunde bereiten wollten, schenkten sie mir ein paar Negerküsse und am Sonntag blieb auch mal die heimische Küche kalt und wir gingen in ein Restaurant und bestellten Zigeunerschnitzel. Beim Fasching in der Kita verkleideten mich meine Eltern als Cowboy, ein Indianerkostüm wollte niemand tragen, weil man schon frühzeitig wusste, dass diese immer das Nachsehen gegenüber den besser bewaffneten Rinderhirten hatten.

Heute arbeiten in den Kitas Erzieher*innen, in den Schulen sind Schüler*innen und Lehrer*innen tätig, die Kits verspeisen Schokoküsse und im Restaurant bestellen wir uns ein Puszta Schnitzel. Übrigens: unbeeindruckt bietet Ültje nach wie vor Studentenfutter an, was heute eigentlich Studierendenfutter heißen müsste. Welche Kostüme Kinder jetzt beim Fasching tragen, weiß ich nicht.

Im Wahlkampf 2021 hatte die damalige Spitzenkandidatin der Grünen, Bettina Jarasch, erklärt, dass sie als Kind gern Indianerhäuptling werden wollte. Das löste in ihrer Partei ein „Moralspektakel“ aus und empörte viele ihrer Parteiindianer, pardon: Partei“freund*innen“. Anstatt Haltung zu zeigen, entschuldigte sie sich für ihre „unreflektierten Kindheitserinnerungen“. Den Zeit-Redakteur Ijoma Mangold stößt dieses „Bußritual“ ab und er vergleicht es mit der Selbstkritik „in sozialistischen Staaten, wo man einräume, mit seinem Bewusst-sein nicht auf der Höhe der Zeit zu sein, aber die Bereitschaft bekunde, an sich zu arbeiten. Von unreflektierten Kindheitserinnerungen zu sprechen, hält er außerdem für eine ‚merkwürdige Selbstdistanzierung‘“.

Für den Kabarettisten Frank Lüdecke war Jarasch damit als Kandidatin für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin untragbar geworden, sagte er gestern Abend in der neuesten Ausgabe der Reihe „Achtung! Wortwechsel“ bei den Stachelschweinen. Zu Gast war diesmal der Bestsellerautor und Philosoph Philipp Hübl. Sein neuestes Buch heißt „Moralspektakel, wie die richtige Haltung zum Statussymbol wurde und warum das die Welt nicht besser macht." Einen breiten Raum in der rund 90-minütigen Diskussion unter Einbeziehung des Publikums nahm das Thema Gendern ein. Die Welt ist eine andere, aber nicht bessere geworden, wenn wir ein Puszta Schnitzel essen oder Bürger_innen sagen, eine andere schon.

„Moral als Show: Wenn es wichtiger ist die richtige Haltung zu zeigen, als sie zu haben - und warum das ein Problem ist. Wir wollen gute Menschen sein, aber das allen anderen auch zeigen. Denn unser moralischer Charakter verschafft uns Anerkennung und Attraktivität. Doch durch den Einfluss der digitalen Medien wird Moral immer mehr zum Statussymbol und die öffentliche Diskussion zu einem Moralspektakel. Mit negativen Folgen, denn die inszenierte Moral führt zu Populismus, Symbolpolitik, verzerrter Forschung und wirkungslosen Maßnahmen gegen Diskriminierung. Statt uns in Schaukämpfen zu profilieren, zeigt uns Philipp Hübl, wie wir einer universellen Ethik folgen können, um reale Miss-stände zu beseitigen – einer Ethik, in der weder autoritäres Denken noch Opfergruppen im Mittel-punkt stehen, sondern der selbstbestimmte Mensch.“ Quelle: Siedler Verlag

Was hat das Gendern der Mehrheitsgesellschaft, den Frauen (50,7 Prozent weiblich und 49,3 Prozent männlich) gebracht? Außer erwähnt zu werden, wenig. Ersparen wir uns die Liste mit den Ungerechtigkeiten allein im Berufsleben gegenüber Frauen. Über gleichen Lohn für gleiche Arbeit würden sich die Frauen mehr freuen, als mit einem Sternchen bedacht zu werden. (Laut dem Statistischen Bundesamt haben Frauen im Jahr 2023 in Deutschland pro Stunde durchschnittlich 18 Prozent weniger Lohn erhalten als Männer).

Eine Diskussion über Moral, wie sie gestern bei den Stachelschweinen stattfand, kann offen nur in einem demokratischen Staat ausgetragen werden. Wir können darüber streiten, während in Diktaturen von oben herab bestimmt wird, welcher moralischen Staatsdoktrin sich die Bürger unterzuordnen haben. Aber auch bei uns sind viele Mitmenschen unterwegs, die ihre Moral für das Maß aller Dinge halten. Natürlich gibt es moralische Leitplanken. Ob man gläubig ist oder nicht, geben uns die zehn Gebote vor, was wir zu lassen haben, um in einer humanen Welt leben zu können. Höchst problematisch ist es jedoch, wenn Religionen für sich in Anspruch nehmen, die einzig wahre Moral zu vertreten und alle andersdenkende Menschen als Ungläubige diffamieren, die es zu bekämpfen gilt, notfalls bis zum Tod.

Immer wieder ist zu hören, dass man bei uns nicht mehr alles sagen kann. Diese Diskussion führe ich mit einem Freund seit Jahren. Den Hinweis, dass das Strafgesetzbuch die Grenze des Sagbaren beschreibt, lässt er nicht gelten. Wenn ein Geschichtslehrer eine verbotene Naziparole verwendet, muss er sich nicht wundern, wenn er vor Gericht zu er-scheinen hat. Darüber, was man in diesem Land allerdings sagen und über die asozialen Medien verbreiten kann, könnte Renate Künast, die den unglaublichsten Verleumdungen ausgesetzt war und vermutlich ist, lange Vorträge halten. Durch die Meinungsfreiheit sind auch Formulierungen gedeckt, die auszusprechen einem Übelkeit bereitet.

Tatsache ist aber, dass wir in einem der demokratischsten Länder der Welt leben, auch wenn wir im Ranking der Pressefreiheit 2022 nur auf Platz 16 (2021: Platz 13), knapp vor Osttimor und Namibia stehen. Die ersten drei Plätze belegen die skandinavischen Länder Norwegen, Dänemark und Schweden. Die großen Demokratien USA und Großbritannien erreichen nur die Plätze 42 und 24. Wohin es führen kann, wenn systematisch der öffentlich-rechtliche Rundfunk drangsaliert wird, sehen wir in Ungarn (85) und Polen (66). Noch liegen die Nieder-lande auf Platz 28. Die neue Rechtskoalition hat jedoch schon angekündigt, dem ÖRR Millionenbeträge streichen zu wollen. Quelle: Reporter ohne Grenzen

In die Signatur schrieb mir Philipp Hübl „als kleiner Ratgeber für entspannte Gespräche“. Ratgeber Ja, ob die Gespräche über Moral immer entspannt verlaufen können, ist eine andere Frage.

Das Buch kostet 26 Euro. Man kann sich schon mal unter dem angegeben Link in das Buch reinlesen. „Dieses Buch hat zwei Teile. Im ersten geht es um die Frage, wie das Moralspektakel entstehen konn-te, wie es unser Handeln und die Gesellschaft ver-ändert, wie das moralische Statusspiel gespielt wird und warum man moralisches Prestige als Kapital ansehen kann, das man vermehren, investieren, aber auch inflationär verwenden und fälschen kann. Dieser Teil analysiert die aktuelle Situation und ist daher ein Projekt in deskriptiver Ethik, das anhand der empirischen Forschung beschreibt und erklärt, wie Menschen tatsächlich moralisch handeln.

Der zweite, kritische Teil gehört zum Bereich der normativen Ethik, ist also wertend und nicht nur beschreibend. Darin geht es um die negativen Sei-ten des Moralspektakels, die Frage, was passiert, wenn man im hohen Ton über Moral redet, statt soziale Konflikte zu lösen und reale Missstände zu bekämpfen. Und zum Schluss folgen acht Vorschlä-ge, was man gegen das Moralspektakel tun kann, um sich für eine universelle Ethik und für echte Ge-rechtigkeit einzusetzen.“, heißt es in der Beschrei-bung im Klappentext des Buches.

https://www.google.de/books/edition/Moralspektakel/0i7hEAAAQBAJ?hl=de&gbpv=1&pg=PT5&printsec=frontcover

Philipp Hübl ist Philosoph und hat Theoretische Philosophie an der RWTH Aachen, der Humboldt-Universität Berlin und als Juniorprofessor an der Universität Stuttgart gelehrt. Danach war er Gast-professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste Berlin. Er ist Autor des Bestsellers »Folge dem weißen Kaninchen« (2012), der Bücher »Der Untergrund des Denkens« (2015), »Bullshit-Resistenz« (2018) und »Die aufgeregte Gesellschaft« (2019) sowie von Beiträgen unter anderem in der Zeit, FAZ, taz, NZZ, Welt, FR, im Standard, Deutschlandradio und Philosophie Maga-zin. Hübl hat Philosophie und Sprachwissenschaft in Berlin, Berkeley, New York und Oxford studiert.

Die acht Vorschläge, was man gegen das Moral-spektakel tun kann, sind wertvolle Ratgeber, deren Überschriften schon verraten, wohin man sich orien-tieren sollte:
1. Gemeinsamkeiten statt Unterschiede
2. Universalismus statt Relativismus
3. Fakten statt Ideologie
4. Taten statt Symbole
5. Gerechtigkeit statt Identität
6. Diskussionskultur statt Einschüchterungskul-tur
7. Vernunftmoral statt Moralinstinkt
8. Demokratie statt Spektakel

Im gegenwärtigen, fast unerträglichen Haushalts-streit der Ampel, wäre es wünschenswert, wenn sich die Protagonisten die Zeit nähmen, das Buch zu lesen; mehr Vernunft, weniger Spektakel.
Ed Koch

  
Anmeldung  




 


Registrierung

Impressum  
p a p e r p r e s s
Ed Koch (Herausgeber und verantwortlich für den Inhalt)
Träger: Paper Press Verein für gemeinnützige Pressearbeit in Berlin e.V.
Vorstand: Ed Koch - Mathias Kraft
Postfach 42 40 03
12082 Berlin
Email: paperpress[at]berlin.de
PDF-Newsletter-Archiv:
www.paperpress-newsletter.de

Diese WebSite wurde mit PostNuke CMS erstellt - PostNuke ist als freie Software unter der GNU/GPL Lizenz erh�ltlich.