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Hat der Kulturkampf begonnen?

geschrieben von: Redaktion am 12.01.2008, 10:40 Uhr
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Badr Mohammed ist prominentes Mitglied der Islam-Konferenz. Im Februar findet die nächste große Versammlung in Berlin zu den Themen Medien, Islam und Jugendgewalt statt. Mitte Mai wird Mohammed mit fünf anderen aus Deutschland für sechs Wochen die USA besuchen und mit allen wichtigen Politikern sprechen. Ein Besuch beim Präsidenten in Camp David könnte auch zum Programm gehören.
Ich besuchte ihn an seinem Arbeitsplatz in der Cicerostraße in Wilmersdorf. Dort sind das Europäische Integrationszentrum, die Akademie für interkulturelles Management und die Medizinische Akademie unter einem Dach vereint. Während sich die Medizinische Akademie unter anderem um die Ausbildung zum Rettungsassistenten kümmert, bemühen sich die anderen Institutionen um die Integration von Einwandererfamilien. Hier kann zum Beispiel der Erweiterte Hauptschulabschluss nachgemacht werden. 45 Prozent der Einwandererjugendlichen verlassen die Hauptschule ohne Schulabschluss, was die absolute Chancenlosigkeit bedeutet.

Für Badr Mohammed ist es nicht damit getan, den Jugendlichen einen halbwegs vernünftigen Schulabschluss zu verschaffen, sondern er will die ganze Familie erreichen. Gemeinsam kommen Eltern und Kinder zum Deutschunterricht. Nur über die Familienclans ist eine Integration möglich. Er geht direkt in die Familien, was ihm nur aufgrund seiner Herkunft möglich ist. Er stammt aus dem Libanon und kümmert sich vorwiegend um libanesische und arabische Familien. Die Türken sind für ihn von allen Gruppen am besten integriert.

Badr Mohammed bezeichnet sich selbst als neuen Deutschen, als Einwanderer mit Deutschem Pass. Das Wort Migrant ist bei ihm verpönt. Die korrekte Bezeichnung heißt Einwanderer. Dieser Begriff beschreibt viel konkreter und für alle verständlicher um wen es sich handelt. Die gegenwärtige Diskussion um die Jugendgewalt, die Hessens Ministerpräsident Roland Koch angezettelt hat, ist für Bard Mohammed ein Rückschritt. Nicht wegen der berechtigten Forderungen, die niemand bei der Bekämpfung von Jugendgewalt bestreitet, sondern weil dadurch eine Spaltung der Gesellschaft erfolgte. „Koch hat das Land aufgespalten in so genannte ‚weiße Deutsche’, neue Deutsche und Ausländer ohne Deutschen Pass. Wenn auch vielleicht unbewusst, so hat Roland Koch den Kulturkampf angekündigt“.

An dem Tag, an dem ich Badr Mohammed in seinem Büro besuche, erschienen in der Berliner Morgenpost drei Beiträge, die zum Thema passten. So kündigte der Senat ein Programm zur Integration an. „Das ist seit 32 Jahren erfolglos gewesen und wird es auch weiterhin bleiben, wenn man den Zugang zu den Familien nicht findet,“ sagt Badr Mohammed. „Integrationspolitik ist Familienpolitik“. Inzwischen wächst die vierte Generation der Einwanderer heran, geschehen ist bislang wenig, um mit den Problemen fertig zu werden. Das SPD-Konzept sieht nach einem Beitrag in der Berliner Morgenpost vom 8.1.2008 unter anderem vor, „dass straffällig gewordene Jugendliche von einem Jugendhelfer bei allen wichtigen Angelegenheiten begleitet werden. Dafür haben die Regierungsparteien etwa 300.000 Euro pro Jahr in den Haushalt eingestellt.“ „Diese Betreuungsperson soll die Familie, Schule und das Umfeld im Blick haben“, sagte die jugendpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Sandra Scheeres gegenüber der Berliner Morgenpost. Badr Mohammeds Befürchtung ist, dass dieses Programm wieder unabgestimmt mit Fachleuten wie ihm durchgeführt wird. Sandra Scheeres kennt er noch nicht, ist aber gern bereit, zu helfen und zu beraten, wenn es gewünscht wird.

Dass härtere Strafen nicht abschrecken, ist bekannt. Auch die Heruntersetzung der Strafmündigkeit ist kein Allheilmittel. „Ich kenne 8-jährige, die straffällig geworden sind. Diese Jugendlichen treten mit einem enormen Selbstbewusstsein auf, weil sie wissen, dass hinter ihnen der ganze Familienclan steht. Sie haben keine Angst und keine Hemmschwelle.“ Badr Mohammed unterstreicht noch einmal, dass der zentrale Punkt aller Bemühungen das Erreichen der Familie ist, und das ginge mit normaler deutscher Sozialarbeit eben nicht.

Von einer schnelleren Einbürgerung, wie sie der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, fordert, hält Badr Mohammed wenig. „Für viele ist das nur ein Wisch, ohne große Bedeutung. Sie identifizieren sich nicht damit“, gibt Badr Mohammed zu bedenken. Viel hält er jedoch von dem Projekt der Interkulturellen Assistenten. 45 werden gegenwärtig in Tempelhof-Schöneberg ausgebildet. Vorteil: Sie kommen alle aus den Familien und haben dadurch den notwendigen Zugang.

Badr Mohammed geht mit uns in eine Klasse, in der sich die Schülerinnen und Schüler um ihren Erweiterten Hauptschulabschluss bemühen. Etwa 25 16- bis 18-jährige sitzen in einem Raum und diskutieren mit ihrem Lehrer. Zwischendurch kommt jemand hinzu, andere gehen mal kurz aufs Klo, so wie überall. Ein Drittel hat keinen Deutschen Pass, die anderen schauen auf ihren Personalausweis. Die Gründe dafür, dass der eine Teil keinen Pass hat, sind sehr unterschiedlich. Eigentlich wollen sie aber einen haben. Sie kommen überwiegend aus Neukölln und einige aus Kreuzberg. Hauptsächlich sind Libanesen in der Klasse, auch einige Türken, oder besser gesagt, Deutsche mit türkischen Wurzeln. Die meisten sind in Berlin geboren. Ihre Herkunft ist jedoch bestimmend für sie. Obwohl sie rechtlich gesehen Deutsche sind, haben sie offenbar Probleme damit. Zu Hause sprechen sie sowohl in ihrer Herkunftssprache wie auch Deutsch mit den anderen Familienmitgliedern. Einige haben deutsche Freunde, die meisten halten sich jedoch bedeckt bei dieser Frage.

Viele von ihnen hatten schon Kontakte mit der Polizei, wobei es häufig nach ihren Erzählungen so ist, dass sie sich regelrecht verfolgt fühlen. So besuchte ein türkischer Junge einen Freund, um mit ihm Kleidungsstücke zu tauschen. Auf dem Heimweg hatte er ein paar Turnschuhe, die er von diesem bekommen hatte, dabei. Prompt hielt ihn eine Zivilstreife an und frage, wem er die Schuhe abgezogen hätte. Viele berichten über ähnliche Vorfälle. Sie fühlen sich häufig von der Polizei drangsaliert.

Wenn sie ihr Heimatland besuchen, merken sie sehr schnell, dass es auch hier viele Probleme gibt. Die Einheimischen wissen sehr wohl, wo sie jetzt leben und nennen sie Deutsche. Ein Mädchen berichtet von einem Arztbesuch. Umgerechnet 20 Euro kostet die Behandlung. Als der Arzt merkt, dass sie aus Deutschland kommt, fährt er sie an, warum sie das nicht vorher gesagt habe, dann wäre die Behandlung nämlich teurer gewesen. Die gleiche Erfahrung hat ein anderes Mädchen gemacht. Sie wusste, was eine Behandlung kosten würde und staunte nicht schlecht, als der Arzt das Doppelte von ihr verlangte.

Ein Jugendlicher verbringt seine Freizeit mit Sport und lernt dabei viele deutsche Jugendliche kennen. Natürlich gibt es Wege, der Isolation zu entkommen. Frank Plasberg fragte letzten Mittwoch in seiner Sendung einen Einwandererjugendlichen, ob er das deutsche Sprichwort „Jeder ist seines Glückes Schmied“ kennt. Kannte er zwar nicht, aber aus seinen Erzählungen wurde deutlich, dass er an der Umsetzung arbeitet.

Badr Mohammed konfrontierte die Jugendlichen in der Klasse mit der Frage: „Wenn ich ein Flugzeug mieten würde und ihr könntet in euer Herkunftsland mitkommen, für immer, um dort zu bleiben, wer würde einsteigen?“ Fast die Hälfte meldete sich. „Ihr sollt mich nicht verarschen“, war seine Reaktion. Die Begründungen waren sehr emotional. „Im Libanon ist das Wetter viel besser.“ „Mit 300 Euro kann ich dort wie ein König leben, hier reicht das zwei Tage.“

Badr Mohammed nimmt die Abstimmung nicht ernst. „Die Familien sind ja gerade deshalb nach Deutschland gekommen, weil sie zu Hause arm waren und hier auf ein besseres Leben hofften. Im Herkunftsland hätte niemand eine Zukunft.“ Die spontane Reaktion der Jugendlichen zeigt sehr deutlich, dass sie noch längst, auch in der vierten Generation, hier nicht angekommen sind. Von der Sonnenallee bis zur Cicerostraße sind es ca. 15 Minuten mit der S-Bahn. Dazwischen liegen Welten. „Waren Sie schon mal in Neukölln?“, fragt mich ein Jugendlicher. Ich kenne Neukölln sehr gut, war die für ihn etwas überraschende Antwort. Die Frage des Jugendlichen zeigt, dass man es offenbar schon gar nicht mehr erwartet, Besuch in der Parallelgesellschaft von denen zu bekommen, deren Vorfahren hier schon seit Jahrhunderten lebten.

Von Menschen wie Badr Mohammed müsste es viel mehr geben. Er geht nicht mit verklärtem Blick an die Probleme heran, sondern benennt sie beim Namen und bekämpft sie durch konkrete Maßnahmen. Dadurch macht er sich bei vielen Verbänden nicht gerade beliebt. Das sind Verbände, die von Integration reden, aber Folklore meinen. Wäre die Integration eines Tages abgeschlossen, könnten diese Organisationen aufhören zu existieren. Dutzende von Funktionären verlören ihre Posten und ihren politischen Einfluss. Daran ist niemand interessiert.

Man kann über Roland Koch denken, was man will. Die Diskussion, die er losgetreten hat, kann auch etwas bewirken, wenn etwas erfolgt und nicht alles wieder nach dem Wahltermin am 27. Januar 2008 in Hessen im Sande verläuft. Die von rechts gerichteten Jugendlichen ausgehende Gewalt ist gegenwärtig in den Hintergrund gerückt, spätestens bis dann, wenn wieder ein Vorfall bekannt wird. Alle Gewalttaten von Jugendlichen müssen betrachtet werden, zuerst unabhängig von der Herkunft der Täter. Und es müssen Maßnahmen erfolgen, die etwas bewirken. Dass sich die Politiker gegenseitig beschimpfen und in einer Weise ausfallend werden, wie es unter zivilisierten Menschen nicht akzeptabel ist, ist erschreckend. Roland Koch vorzuwerfen, er habe sich über den Vorfall in der Münchener U-Bahn gefreut, weil er ihm gerade recht kam, geht an allem vorbei, was sich Menschen an den Kopf werfen sollten. Peter Struck hat sich dafür zu entschuldigen und zwar umgehend.

Andererseits ist es übertrieben, wie jeder, der es nur wagt, eine andere Auffassung als die von Roland Koch zu vertreten, sofort von der Berliner CDU abgemahnt wird. Da kriegt natürlich zuerst der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Kenan Kolat sein Fett weg. Kolats Rassismusvorwürfe gegen Koch werden vom integrationspolitischen Sprecher der CDU-Fraktion, Kurt Wansner, heftig kritisiert. Kolat, der schon im letzten Jahr den Integrationsgipfel boykottierte, habe sich endgültig als ernstzunehmender Gesprächspartner disqualifiziert, heißt es in einer Pressemitteilung.

Aber auch parteiintern gibt es Rügen. So hatte sich die jugendpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, Emine Demirbüken-Wegner, im Deutschlandfunk gegen eine Verschärfung des Jugendstrafrechts und die Abschiebung ausländischer Straftäter ausgesprochen. Prompt gab es eine Pressemitteilung vom 1. Parlamentarischen Geschäftsführer der Fraktion, Frank Henkel, der die Äußerung von Frau Demirbüken-Wegner als „Einzelmeinung sowohl in der Partei als auch Fraktion“ bezeichnete. Es ist egal, ob man die Meinung von Frau Demirbüken-Wegner oder Herrn Henkel teilt, es muss doch aber möglich sein, in einer Partei unterschiedliche Ansichten zu haben, ohne gleich öffentlich gemaßregelt zu werden.

Auch der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Schönberg, kriegt von Henkel einen Eintrag ins Klassenbuch. Schönberg hatte bestimmte Kieze als nicht mehr zu retten eingestuft. Die Äußerungen gingen zu weit, so Henkel. Einen Satz später spricht er nur noch von einem „überspitzten“ Alarmruf und teilt gleich Ohrfeigen an den SPD-Vorsitzenden Müller, Neuköllns Bürgermeister Buschkowsky und Polizeipräsident Glietsch aus. Sie würden die Probleme in den Kiezen ausblenden. Es wird zunehmend zum Problem, über Probleme zu reden. Jeder kann den GdP Vorsitzenden wegen seiner Äußerungen kritisieren, das ändert nichts an der Tatsache, dass der Mann recht hat.

Die Jugendlichen aus Badr Mohammeds Klasse erfahren kaum etwas über die heißen Diskussionen der Politiker und Funktionäre. Sie lesen keine Zeitungen, jedenfalls nicht den politischen Teil und belasten sich auch nicht mit Nachrichten im Hörfunk oder Fernsehen. Sie sind damit beschäftigt, einer Zivilstreife zu erklären, dass die Turnschuhe, die sie in den Händen halten, ehrlich erworben und nicht abgezogen wurden. So hat jeder seine Probleme.

Beim Verlassen der Klasse wünsche ich allen, dass sie den Abschluss schaffen und dass sie vor allem anschließend eine berufliche Perspektive haben. Und dem Jugendlichen, der in seinem Heimatland von 300 Euro einen ganzen Monat leben kann, hier dieser Betrag aber nur zwei Tage reicht, wünsche ich einen Job, der es ihm ermöglicht, tatsächlich 300 Euro an zwei Tagen ausgeben zu können.

Ed Koch

  
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