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Nur ein tschechisches Dorf - Gedenkstättenfahrt nach Lidice

geschrieben von: Redaktion am 01.10.2008, 14:37 Uhr
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Ein kleines böhmisches Dorf, unweit von Prag, ging in die Geschichte ein. Es gab nichts Besonderes in diesem Dorf. Die etwa 450 Einwohner gingen ihrer Arbeit nach, die Kinder besuchten die Schule. Niemand hatte irgendetwas Unrechtes getan. Und dennoch geschah hier ein weiteres unglaubliches Verbrechen in der langen Liste der Schreckensherrschaft Adolf Hitlers und seiner rassistischen Artgenossen.
Am 27. Mai 1942 wurde in Prag der höchste SS-Repräsentant im Reichsprotektorat Böhmen und Mähren, der stellvertretende Reichsprotektor Reinhard Heydrich, auf dem Weg zum Flughafen, von wo aus er nach Berlin fliegen wollte, durch ein Attentat tschechischer Widerstandskämpfer schwer verletzt. Am 4. Juni 1942 erlag Heydrich den Verletzungen. Daraufhin leiteten die Nationalsozialisten massive Vergeltungsmaßnahmen gegen die tschechische Zivilbevölkerung ein. Die Behauptung, die Bewohner von Lidice hätten die Attentäter beherbergt, stellte sich später als falsch heraus.

Am Abend des 9. Juni 1942 umstellten deutsche Polizeikräfte (Angehörige der Gestapo, des SD und der Schutzpolizei unter dem Kommando von SS-Offizieren einer Sonderkommission und des Befehlshabers der Sipo in Prag) mit Unterstützung der tschechischen Gendarmerie Lidice und blockierten alle Zufahrtswege, da dort Beteiligte des Attentats vermutet wurden. In der folgenden Nacht wurden die Dorfbewohner zusammengetrieben. Alle 173 Männer, die älter als 15 Jahre waren, wurden in den Hof der Familie Horák gebracht, wo sie tags darauf erschossen wurden. Weitere neun Männer, die auswärts in der Nachtschicht in einem Kohlebergwerk arbeiteten, und sieben schwangere Frauen wurden nach Prag gebracht. Die Männer wurden dort erschossen, während die Frauen ihre Kinder gebären konnten. Die verbleibenden 195 Frauen wurden in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, wo 52 von ihnen ermordet wurden. Nachdem die sieben Schwangeren entbunden hatten, wurden sie von ihren Kindern getrennt und ebenfalls nach Ravensbrück deportiert.

Der Ort Lidice wurde in Brand gesteckt, gesprengt und schließlich durch Züge des Reichsarbeitsdienstes eingeebnet, um die Gemeinde vollständig von der Landkarte zu tilgen. Die Anordnung zur „Räumung“ des Dorfes erfolgte durch den SS-und Polizeiführer Karl Hermann Frank. Vergleichbar mit dieser „Vergeltungsmaßnahme“ war die wenige Tage später durchgeführte vollkommene Zerstörung von Ležáky.

Die 98 Kinder des Dorfes wurden in das Jugendkonzentrationslager in der Gneisenaustraße in Litzmannstadt deportiert und nach rassischen Kriterien ausgesondert. Zwölf Kinder wurden zur „Germanisierung“ vorgesehen. Diejenigen 82 Kinder, die nicht zur „Germanisierung“ vorgesehen waren, wurden zusammen mit elf Kindern aus Ležáky ins Vernichtungslager Kulmhof deportiert und dort vergast.

Die zwölf Kinder, die zur „Germanisierung“ ausgesondert worden waren, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg in Bayern wieder aufgefunden, ebenso sechs von den sieben, die nach dem 10. Juni 1942 geboren wurden; das siebte war verstorben. Ein Kind aus Lidice, Marta Hroníková, ist Anfang der 1950er Jahre unter ungeklärten Umständen in einem Flüchtlingslager aufgefunden worden. Nach jahrzehntelanger Odyssee durch psychiatrische Anstalten der kommunistischen Tschechoslowakei wurde sie nach der Wende als verschollenes Kind aus Lidice anerkannt und erhielt eine Entschädigung.

Vom 15. bis 19. September 2008 besuchten 88 Berlinerinnen und Berliner im Rahmen der jährlichen Gedenkstättenfahrt des SPD-Landesverbandes Berlin und Paper Press Studienreisen® Tschechien. An einem Tag besichtigten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zuerst die orthodoxe Kathedrale der Heiligen Kyrill und Methodius in Prag, die heutige Nationale Gedenkstätte für die Helden der Heydrichiade. Seit dem 30. Mai 1942, drei Tage nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich, versteckten sich die Attentäter in der Krypta der Kirche. Durch Verrat wurde das Versteck bekannt, und am 18. Juni 1942, zehn Tage nach der Zerstörung Lidices und der Ermordung der Männer des Dorfes, stürmten die Nazis die Kirche. Nach heftiger Gegenwehr erschossen sich die Attentäter selbst. Mila Kalibova war 1942 17 Jahre alt. Sie ist eine der Frauen von Lidice, die die Vernichtung ihres Dorfes überlebt haben. Von ihrem und dem Schicksal ihres Dorfes berichtete sie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an der Gedenkstättenfahrt. SPD-Landesvorsitzender Michael Müller wurde von dem Direktor der Gedenkstätte in Lidice, Dr. Milous Cervencl begrüßt.

Mila Kalibova wurde im Juni 1942 ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert. 49 Frauen überlebten die fast dreijährige Lagerhaft nicht. Noch in den letzten Monaten wurden sechs von ihnen in der Gaskammer ermordet. Weitere drei wurden Ende April 1945 auf dem Todesmarsch aus dem Lager erschossen. "Als wir im Juni 1945 aus dem Konzentrationslager nach Hause kamen, fanden wir unser Dorf nicht mehr und wir erfuhren, dass am 10. Juni 1942 alle männlichen Einwohner Lidices - insgesamt 173 - erschossen worden waren. 19 weitere Männer - es waren die Verwandten von Josef Horak und Josef Stribrny, die in der britischen Armee kämpften, sowie Männer, die vom 9. auf 10. Juni in den Hüttenwerken von Kladno in der Nachtschicht gearbeitet hatten und ein 15 Jahre und zwei Monate alter Junge, den die Mörder am 10. Juni zu den Kindern gezählt hatten, sowie sieben Frauen aus den Familien Horak und Stribrny waren am 16, Juni erschossen worden. Die Zerstörer Lidices hatten nicht einmal vor den Toten des Dorfes Halt gemacht. Auch der Friedhof war vollkommen zerstört worden. Von den 105 Kindern aus Lidice fehlte jede Spur." Nur 17 von ihnen konnten in den Nachkriegsjahren zu ihren Müttern zurückkehren. 88 Kinder wurden von den Nazis ermordet, 82 davon nach einem Zwischenaufenthalt in Lodz in Gaswagen im KZ Chelmno.

Zur Erinnerung an die Kinder von Lidice wurde vor zehn Jahren ein Denkmal (Foto Seite 2) auf dem Gelände des ehemaligen Dorfes errichtet. 30 Jahre lang hatte die Bildhauerin Marie Uchytilova an den Kinderskulpturen gearbeitet, hatte viele Gespräche mit den Müttern von Lidice geführt, um Wesenseigenarten der einzelnen Kinder in die Skulpturen einzuarbeiten. Aber nie war Geld für die Ausführung vorhanden, erst nach der samtenen Revolution vom November 1989. Frau Uchytilovas Lebensgefährte Juri Vaclav Hampl stellte das Denkmal fertig, denn die Künstlerin war einen Tag vor der Wende in der damaligen Tschechoslowakei gestorben.

Oberhalb des Geländes, auf dem sich Lidice befand, befindet sich der weltberühmte Rosengarten. In den Neunzigerjahren war aber kein Geld mehr da, um den 1955 entstandenen Rosengarten von Lidice mit seinen mehr als 21.000 Rosenstöcken zu betreuen. Zu Kriegsende hatte sich in Großbritannien ein Verein "Lidice wird weiter leben" konstituiert. Sein Vorsitzender, der Abgeordnete Barnett Stross, hatte die Idee zur Errichtung eines Rosengartens. Das neue Lidice war seit Sommer 1947 auf einem Hügel neben dem alten Dorf errichtet worden. Die tschechoslowakische Regierung stellte jeder überlebenden Frau und jedem zurückgekehrten Kind ein kleines Haus zur Verfügung. Zwischen den neuen Häusern und der Gedenkstätte entstand 1955 der Rosengarten, der daran erinnern sollte, dass das Massaker zur Rosenblütenzeit stattgefunden hatte. Im Vorjahr dann entstand unter Mithilfe deutscher und tschechischer Jugendlicher die neue Anlage, die 2002 am 60. Jahrestag der Zerstörung Lidices eröffnet wurde. Die Rosenbeete auf dem 1,55 Hektar großen Areal sind so angeordnet, dass sie drei Rosenblüten ergeben. In der Mitte eine Rose mit Dornen und halbverwelkten Blättern, die Trauer und Schmerz über den Tod der Männer ausdrücken soll, und an den Seiten eine Rosenknospe aus hell blühenden Rosen, die an die Kinder erinnert und eine aufgeblühte Rose aus dunkelroten, groß blühenden Rosen, als Symbol für die verschleppten Frauen. Schülerinnen und Schüler der Werner-Stephan-Oberschule Berlin haben sich bei Workcamps auch um den Rosengarten in Lidice gekümmert. www.wso.berlin.de

Es ist Tradition, dass Besucher in Lidice einen Rosenstrauch pflanzen, so auch Michael Müller. Die Gruppe aus Berlin, zu der sowohl Mitglieder der SPD, als auch Nicht-Mitglieder gehörten, besuchte auch die Gedenkstätte und das neue Dorf Lidice. Ab dem Jahr 2000 wurde die bestehende Gedenkstätte umfassend renoviert.

Die Nazis wollten den Namen Lidice aus allen Landkarten ausradieren. Zwar ist es ihnen gelungen, das Dorf dem Erdboden gleich zu machen, jedoch nicht den Namen zu vernichten. Als die Gräuel von Lidice bekannt wurden, haben mehrere Gemeinden den Namen Lidice angenommen. So findet man Lidice in Brasilien, der ursprüngliche Name dieser Kleinstadt in der Nähe von Rio de Janeiro war Vila Parado. Die Umbenennung erfolgte 1944, am zweiten Jahrestag der Zerstörung Lidices, in Anwesenheit brasilianischer Honoratioren und einer diplomatischen Vertretung der tschechoslowakischen Exilregierung, San Jerónimo-Lídice in Mexiko, Lidice im US-Bundesstaat Illinois, Lídice de Capira in Panama, Ortsteile mit dem Namen Lidice gibt es in Lima (Peru), Caracas (Venezuela), Regia (Kuba) und Gan Yaoneh (Israel). Nur in Deutschland kommt der Name Lidice nicht vor.


  
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