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Herzlichen Glückwunsch Deutschland

geschrieben von: Redaktion am 03.10.2008, 11:23 Uhr
paperpress560 
Die Volljährigkeit ist erreicht. Die ersten 18-jährigen laufen durchs Land, für die BRD und DDR Begriffe aus einer anderen Zeit sind. In 40 Jahren unterschiedlichster Entwicklung haben sich auch die Gene verändert, oder? Hat es den Ossis was gebracht. dass jetzt bei ihnen auch Wessis wohnen, und hilft es den Wessis weiter, wenn sie Nachbarn haben, die vorher in Pankow lebten? Vielleicht. Vielleicht merkt man auch keine Unterschiede mehr, es sei denn, jemand sucht eine Zweiraumwohnung. Bei den Wessis waren Räume immer Zimmer.
Was heute Bundesländer im Ostteil Deutschlands sind, waren früher Bezirke. Und so hießen die Bezirke in Ost-Berlin zur Unterscheidung halt Stadtbezirke. „In welchem Stadtbezirk wohnen Sie?“ Antwort: „Wie sieht es bei Ihnen in Lichtenberg aus?“ Warten wir noch weitere 18 Jahre, dann haben sich auch die sprachlichen Unterschiede verwässert.

Das Datum der Volljährigkeit reizt jedoch, sich die eine oder andere Frage zu stellen. Zum Beispiel bezüglich des Datums 3. Oktober. Ich habe nie verstanden, warum die alte Bundesrepublik nicht den 23. Mai, das Gründungsdatum, zum Nationalfeiertag erklärt hat. Nach der so genannten Wiedervereinigung, wäre dieses Datum jedoch problematisch geworden und für die Ostdeutschen ein weiterer Beweis dafür, dass sie unter dem Verlust ihrer staatlichen Identität übernommen wurden. Juristisch fand am 3. Oktober 1990 ein Beitritt statt, tatsächlich eine mehr oder minder freundliche Übernahme. Der 17. Juni als „Tag der Deutschen Einheit“ wurde durch den 3. Oktober ersetzt. Der 17. Juni trug ohnehin diesen Titel zu Unrecht, denn es ging bei dem Volksaufstand ja nicht um die Wiedervereinigung, sondern vornehmlich um das Erreichen besserer Lebensbedingungen im Osten.

Als Nationalfeiertag bot sich aber ein ganz anderes Datum an. Hätte das Politbüro seine Reisefreiheitspressekonferenz mit dem anschließenden Sturm auf die Mauer nicht an irgendeinem Tag im November veranstalten können, bloß nicht am 9.? Dieser Tag ist nun wirklich mit historischen Ereignissen überladen. Mit diesem Datum verbindet sich - in chronologischer Reihenfolge - die Erinnerung

• an die Ausrufung der Republik (1918),
• den Hitler-Putsch (»Marsch auf die Feldherrnhalle«, 1923),
• den Novemberpogrom (Reichskristallnacht«, 1938),
• Georg Elsters nahezu vergessenes Attentat auf Hitler (1939) und
• eben die Maueröffnung in Berlin (1989).

Wenig bekannt ist, dass die Nationalsozialisten Anfang der dreißiger Jahre erwogen hatten, den von ihnen 1934 in »Heldengedenktag« unbenannten Tag zum Staatsfeiertag erheben wollten. Der »Marsch auf die Feldherrnhalle« sollte mit dem Gedenken an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs in eine Reihe gestellt und mit diesem »Heldengedenken« erinnerungspolitisch neu besetzt werden. Beinahe wäre also der 9. November unter diesen Vorzeichen von den Nazis zum nationalen Gedenktag erhoben worden, was ihn auf alle Zeit unbrauchbar für einen Nationalfeiertag eines demokratischen Landes gemacht hätte. Dazu ist es nicht gekommen, der 9. November wäre also auch weiterhin aus mehreren Gründen geeignet gewesen. Insbesondere zum zehnten Jahrestag der Maueröffnung hat, was die öffentliche Wahrnehmung und Medienpräsenz betrifft, die Erinnerung an die Ereignisse am 9. November 1989 den Tag in besonderer Weise geprägt. Ob dadurch die Erinnerung an den Novemberpogrom auch langfristig eher verdrängt werden, lässt sich heute noch kaum ausmachen. Aufgrund der Koinzidenz dieser beiden Erinnerungsanlässe, die zu einer Konkurrenz ihrer spezifischen Inhalte führen könnte, erscheint es als besonders wichtig, dass der 27. Januar als eigener Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus etabliert wurde.

Ich finde, dass die fünf erwähnten historischen Ereignisse in besonderer Weise die Geschichte unseres Landes widerspiegeln. Natürlich sehe ich ein, dass lustige Feste, wie man sie am 3. Oktober wieder erleben musste, zu einem Tag, an dem Deutsche Synagogen anzündeten, nicht passen. Ich bin sehr dafür, dass wir Deutsche nicht ständig schlechte Laune wegen unserer Geschichte haben sollen. Wir brauchen aber mehr Erinnerungstage an diese Geschichte als andere Nationen. In zwei Kriegen die ganze Welt herauszufordern und Teile davon – einschließlich unseres eigenen Landes – in Schutt und Asche zu legen, ist schon eine Leistung, an die man sich mit großer Scham immer wieder erinnern muss. Es würde gerade uns Deutschen anstehen, einen Nationalfeiertag zu haben, an dem das Nachdenken vor dem Saufen steht.

Es gibt genug fröhliche Feste und Fanmeilen am Brandenburger Tor, der Nationalfeiertag muss nicht zwangsläufig dazu gehören. Den Ostdeutschen ist 40 Jahre lang eingeredet worden, dass, weil die Alt-Nazis alle im Westen leben, sie weder am Holocaust noch am Zweiten Weltkrieg schuld hatten oder beteiligt waren. Durch den Alleinvertretungsanspruch der BRD wurden sie in ihrer Haltung auch noch gestärkt. Die Wahrheit ist eine andere, und es wird Zeit, dass sich auch die Menschen in Sachsen oder Thüringen ihrer gesamtdeutschen Verantwortung bewusst werden. Der 3. Oktober ist willkürlich als Tag für das Inkrafttreten des Beitritts der DDR zur BRD gewählt worden. Und das ist es dann auch nur, ein Beitritt. Die Chance, damit eine Neugründung Deutschlands zu schaffen, ist vertan worden. Man hätte eine neue deutsche Identität schaffen können. Ein neues demokratisches Land im Herzen Europas, weltoffen und tolerant, und immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, alles zu unternehmen, um eine Wiederholung der Geschichte zu verhindern.

Ed Koch

  
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