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Beiträge: 30 Jahre ufaFabrik

geschrieben von: Redaktion am 16.05.2009, 11:16 Uhr
paperpress568 
Es war ein Glücksfall, wie er nur alle Hundert Jahre einmal passiert, wenn überhaupt, als 1979 – für Tempelhofer Verhältnisse – ganz merkwürdige Menschen illegal ein Grundstück besetzten. So etwas gab es seit den Kreuzrittern nicht, und danach nie wieder. Die Vorgeschichte:
1976 bezieht die „Fabrik für Kultur, Sport und Handwerk" in der Schöneberger Kurfürstenstraße zwei Fabriketagen. Schöneberg war damals, wie Tempelhof, ein eigenständiger Bezirk, und es waren zwei Welten. Das kribbelige, bunte Schöneberg im Nordwesten und das biedere Tempelhof vom Flughafen im Norden bis zur Stadtgrenze im Süden.

Die Räume in Schöneberg waren für alle Interessierten offen zur Freizeitgestaltung, Sport zu treiben, um Ideen auszutauschen, zu diskutieren und zu feiern, die erste Food Coop Berlins entstand. 1978 präsentierte sich die „Fabrik für Kultur, Sport und Handwerk" im Künstlerhaus Bethanien mit einer bunten Circusshow, und 6 Wochen lang auf dem ersten Umweltfest „Umdenken – Umschwenken“ an der Deutschlandhalle. Eine Mischung aus verschiedensten neuen Denkansätzen für kulturelle Darstellung, gesunde Ernährung, Umwelttechnik, Erziehung, sinnvolle Arbeitsweisen, soziales Miteinander und sanfte Heilmethoden wurden den interessierten Gästen vorgestellt. Die Idee von einem ständigen Ort für all diese Initiativen nahm Gestalt an.

Nach einigen Recherchen nach geeigneten Standorten wurde am 9. Juni 1979 das Gelände der ehemaligen ufa-Filmstudios am Teltowkanal in Tempelhof, gegenüber von Hafen und Ullsteinhaus friedlich „wieder in Betrieb" genommen. Ein großes Transparent am Eingang mit der Aufschrift „Herzlich willkommen" lud alle Interessierten ein, sich eine Vorstellung von den Plänen der Initiatoren zu verschaffen: einen Ort, an dem die verschiedensten gesellschaftlichen Bereiche in einem gemeinsamen Projekt zusammengebracht werden. Durch intensive Öffentlichkeitsarbeit gelingt es nach drei Wochen ein Bleiberecht vom Berliner Senat zu erwirken, im Herbst kommt es zu einem ersten Mietvertrag. Seither zahlt die ufaFabrik eine monatliche Miete, bzw. Pacht. Umfangreiche Aufräum- Renovierungsmaßnahmen beginnen (Foto), der große Saal wird provisorisch für Musik-, Theater- und Circusveranstaltungen hergerichtet. 45 Personen entscheiden sich, ab sofort auf dem Gelände zu leben, eine Lebensgemeinschaft mit gemeinsamem Einkommen und Zielsetzungen zu entwickeln. Neben intensiven Aufräumarbeiten und dem ersten Renovieren der heruntergekommenen Gebäude werden viele Diskussionen um die Zukunft des Lebens und der Arbeit auf dem Gelände geführt.

Ab sofort finden in der so genannten „ufaFabrik" Musik, Pantomime, Tanz und Theaterveranstaltungen statt. Der ufaCircus entwickelt sich, die meisten Mitglieder der ufaKommune sind auch als Künstler aktiv.

30 Jahre später findet man unter „Lokale Branchenergebnisse im Umkreis von UfaFabrik“:

Nachbarschafts- und Selbsthilfe Zentrum ufaFabrik eV - www.nusz.de – 755 03 122
Kinderbauernhof NUSZ ufafabrik ev - kinderbauernhof.nusz.de – 751 72 44
Ufa-Fabrik Berlin GmbH - www.ufafabrik.de – 755 031 51
ufafabrik Art & Media Produktion KG - www.ufafabrik.de – 755 030
ufafabrik Internationales Kulturcentrum Berlin e. V. - www.ufafabrik.de - 75503-0
Haus- und Familienpflegedienst in der Ufa-Fabrik 7516706
Vollkornbäckerei in der Ufa-Fabrik 752 30 32

(Keine Gewähr auf Vollständigkeit). Unstrittig, dass sich dieses Projekt in drei Jahrzehnten entwickelt hat.

Das Gesicht der ufaFabrik ist Juppy. Ihn kennt inzwischen jeder in der Stadt. Er ist fast so bekannt wie Klaus Wowereit, von seinem Beliebtheitsgrad wollen wir gar nicht reden. Wo er hinkommt begrüßen ihn die Leute mit einem fröhlichen „Hallo Juppy“. Vor 30 Jahren, im Juni, kurz nach der friedlichen Besetzung, haben sich Juppy und paperpress-Herausgeber Ed Koch (beide sind inzwischen 60 Jahre alt) das erste Mal auf dem ufa-Gelände mit all den anderen Leuten getroffen, die nicht nur eine Vision, sondern auch eine Konzeption hatten. Sie waren und sind keine Radikalen, die sich mit den „Staatsorganen“ rumprügeln. Sie wollen ein Leben vorführen, wie es auch geht, für sich und für andere. Wer den Vergleich von 1979 zu heute hat und die Entwicklung miterlebte, kann immer wieder nur voller Respekt die ufaFabrik betreten. Was hier an Arbeit geleistet wurde und wird, ist vorbildlich. Die ufaFabrik ist zu einem Kultur- und Sozialkonzern geworden, mit Angeboten, die von einer Schule, über den Kinderbauernhof, dem Betrieb von Kindertagesstätten, einem Café, der Vollkornbäckerei und den vielfältigen kulturellen Angeboten in mehreren Sälen und auf einer großen Freifläche reichen. Das Kulturcentrum ist inzwischen weltweit bekannt. Besucher aus allen Ländern kommen hierher. Und auch für die Nachbarschaft ist die ufa ein Glücksfall, wer hat schon so viele Freizeitmöglichkeiten direkt vor der Tür.

Im sozialen Bereich hat sich das Nachbarschafts- und Selbsthilfezentrum der ufaFabrik – NUSZ – einen Namen gemacht. NUSZ ist heute ein anerkannter, beliebter und zuverlässiger freier Träger im Bezirk, mit stets neuen Initiativen und Aktivitäten – wir haben immer wieder darüber berichtet und werden es natürlich weiterhin tun. Renate Wilkening und Sigrid Zwicker, die beiden Geschäftsführerinnen des NUSZ haben ihren Verein zu einem der bedeutendsten freier Träger des Bezirks gemacht.

Renate Wilkening bei der Eröffnung einer Notinsel für Kinder in der Bäckerei der ufaFabrik, mit Bürgermeister Ekkehard Band, Bodo Pfalzgraf von der Deutschen Polizeigewerkschaft, dem Comedian Murat Topal und Jugendstadträtin Angelika Schöttler.

Jubiläumsfeiern zum 30sten

Natürlich finden Anfang Juni zahlreiche Jubiläumsveranstaltungen in der ufaFabrik statt. Am Sonntag, dem 7. Juni, von 14 bis 19 Uhr ein Familiensonntag auf dem gesamten Gelände. Am 9. Juni um 19 Uhr die Große Geburtstagsgala mit Klaus Wowereit und Renate Künast sowie richtigen Comedians wie Arnulf Rating, Kurt Krömer und Murat Topal, um nur einige zu nennen. Chin Meyer präsentiert am 10. und 11. Juni, jeweils ab 20.30 Uhr Gäste.

Damals war’s….

Heute gibt es kaum einen Politiker, der nicht behauptet, schon immer ein guter Freund der ufaFabrik gewesen zu sein. Ganz so war es aber nicht. Es gab auch Anfeindungen von Politikern, die mit einer Besetzung, auch wenn sie friedlich war, nicht umgehen konnten, und mit diesen komisch aussehenden Menschen so und so nicht. Es gab damals schon einige dramatische Tage und Stunden. Einen Telefonanschluss gab es anfangs natürlich noch nicht. Ich erinnere mich an ein Pressegespräch an einem Sonntag auf dem ufa Gelände mit Juppy Becher und Rudolf Brünger und dem Lokalreporter der BERLINER MORGENPOST Gert Hilde. Anschließend musste der Text ganz schnell der Redaktion für die Montagsausgabe übermittelt werden. Ich ging mit Gert Hilde also die wenigen hundert Meter bis zum Jugendfreizeitheim Mariendorf, wo paperpress damals seinen Sitz hatte. Von dort aus gab der Reporter seinen Bericht durch, von einem bezirksamtseigenen Telefon. Wenn das Dieter Hapel damals gewusst hätte….

Dieter Hapel und Juppy sind heute gute Freunde. Der Beginn ihrer Beziehung war aber keineswegs freundlich. Dieter Hapel war damals Vorsitzender der Jungen Union Tempelhof. In der BERLINER MORGENPOST erschien am 23.6.1979 ein Artikel (der heute im Archiv nicht mehr zu finden ist). Daraufhin schrieb Dieter Hapel an die „Arbeitsgemeinschaft Jugend in Mariendorf“ am 26.6.1979 den folgenden Brief:

Sehr geehrte Herren, die Junge Union Tempelhof verfolgt mit großem Interesse die Entwicklung um das widerrechtlich besetzte Ufa-Gelände an der Viktoriastraße. In diesem Zusammenhang konnten wir der „Berliner Morgenpost“ vom 23.6.1979 entnehmen, dass der „Arbeitskreis Jugend in Mariendorf“ „…bereits eine Solidaritätserklärung abgegeben hat. Bevor die Junge Union Tempelhof diesen Vorgang wertet, bitten wir um Übersendung des Textes Ihrer Solidaritätserklärung für die Besetzer des Ufa-Geländes. Ferner bitten wir Sie um Mitteilung, wann und wo dieser Beschluss gefasst wurde. Für Ihre Mühewaltung danken wir im Voraus und verbleiben mit freundlichen Grüßen, Junge Union Tempelhof, Dieter Hapel, Kreisvorsitzender.

Die Antwort folgte am 28.6.1979:

Sehr geehrter Herr Hapel! Den Eingang Ihres Schreibens vom 26. d.M. bestätigen wir hiermit. In einer Presseerklärung aus Anlass der von uns im Jugendclub Galerie Bungalow veranstalteten Diskussion „100 Tage nach der Wahl“ haben wir uns mit den Zielen und Plänen der Fabrik für Kultur, Sport und Handwerk e.V. solidarisch erklärt. Auf die sog. „widerrechtliche Besetzung“ bzw. „Inbetriebnahme“ sind wir dabei überhaupt nicht eingegangen. Die Junge Union stellt sich aber u.E. ins Abseits, wenn sie nur immer von „widerrechtlichen“ Aktionen spricht, sich aber sachlich mit den Inhalten der Arbeit der Fabrik nicht auseinandersetzt.

Wir begrüßen, dass sich die in der BVV vertretenen Parteien inhaltlich mit den Zielen der Fabrik einverstanden erklärt haben, wir bedauern allerdings, dass die JU, die bisher sehr wenig zur Verbesserung der Kulturlandschaft in unserem Bezirk beigetragen hat, sich dafür stark macht, begrüßenswerte Initiativen strafrechtlich verfolgen zu lassen. Im Übrigen sehen wir weder eine Veranlassung, Ihnen unseren Pressetext zuzusenden, noch auf Ihre anmaßende Forderung einzugehen, Mitteilungen darüber zu machen, wann und wo wir unsere Beschlüsse fassen.
Hochachtungsvoll, AG Jugend in Mariendorf, Ref. Information und Presse, Andreas Müller.

Wir wollen nicht unterschlagen, dass Andreas Müller seit seiner Hochzeit vor 20 Jahren Andreas Schwager heißt und auf dem Briefbogen unter Vorsitzende die Namen Uwe Januszewski und Wolfgang Ed Koch stehen. Allerspätestens nachdem mir Dieter Hapel zu meinem 60sten Geburtstag eine Bibel schenkte, weiß ich, dass der Krieg von damals vorbei ist….

Abgerundet werden soll die Rubrik „Damals war’s“ mit einem Kommentar aus paperpress Nr. 111 vom 9. Juli 1979:

Die sog. „Alternativen Gruppen“ haben einen Teilsieg errungen. Jetzt liegt es an ihrem Verhandlungsgeschick und am Geldbeutel. Für wie lange sie das Gelände nutzen dürfen, muss ebenso besprochen werden, wie der monatliche Mietpreis.

Diplomatisch gut durchdacht war der Schritt, einen Tag vor der entscheidenden Senatssitzung das ehemalige Ufa-Gelände an der Viktoriastraße in Tempelhof zu räumen.

Damit dokumentierten die Gruppen ihren Willen, friedlich vorzugehen. Das machte offensichtlich Eindruck. Beeindruckt war der Senat auch von dem fast einmütigen Vorgehen der Tempelhofer Kommunalpolitiker. Vertreter aller Parteien begrüßten die Pläne der Gruppen, auch wenn es unterschiedliche Nuancen in der Beurteilung der Besetzung des Geländes gab. Da waren aber auch ganz harte, leider mal wieder in der CDU und ausgerechnet in den Reihen der Jungen Union, die in Tempelhof abermals beweisen wollten, dass Rück- und nicht Fortschritt ihre Parole ist. Dieter Hapel, hauptberuflich bei der Firma beschäftigt, der immer noch das Gelände am Teltowkanal gehört, nämlich der Post, vertrat eine uneinsichtige Haltung in der Frage der Besetzung. Multifunktionär Hapel, er ist Mitglied der CDU-Fraktion der BVV Tempelhof, stellvertretender Vorsitzender des Jugendwohlfahrtsausschusses (Anm.d.Red.: heute Jugendhilfeausschuss) und Vorsitzender der Jungen Union, verbrachte – während sich andere mit Inhalten beschäftigten – seine Zeit damit, Solidaritätserklärungen von Jugendgruppen „zu werten“ und Ermittlungen darüber anzustellen, wann und wo unabhängige Jugendliche Beschlüsse gefasst haben.

Dieter Hapel hatte sich wahrscheinlich einen gut organisierten Polizeieinsatz gewünscht, damit die „widerrechtlichen“ Besetzer vertrieben werden. Vorerst brauchen die alternativen Gruppen vor solchen Leuten wie Hapel und schon gar nicht vor der Polizei Angst zu haben. Die Meinung im Rathaus Schöneberg (Anm.d.Red.: Damals Sitz des Senats und Abgeordnetenhauses) hat sich zugunsten der Gruppen bewegt, obwohl es anfänglich nicht so aussah, als würde Finanzsenator Klaus Riebschläger die Besetzung ohne rechtliche Konsequenzen akzeptieren wollen. Alternativgelände sind gegenwärtig auch nicht mehr im Gespräch. Alles scheint in Ordnung. Die Fabrik für Kultur, Sport und Handwerk e.V. und die ihr angeschlossenen Vereine brauchen allerdings weiterhin eine breit angelegte Unterstützung.

Es gilt als sicher, dass sie diese von der Tempelhofer FDP-Fraktions-Chefin Sabine Nehls, am vorletzten Wochenende wieder in den Landesvorstand ihrer Partei gewählt, ebenso bekommen, wie vom SPD-Fraktionsvorsitzenden Willy Blume, der einen besonders intensiven Einsatz bei Gesprächen und Besuchen auf dem Ufa-Gelände gezeigt hat, obwohl oder gerade weil seine Abgeordnetenhausfraktion kürzlich noch erklären ließ, dass sie sich mit der widerrechtlichen Besetzung nicht einverstanden erklären könne.

Der CDU-Abgeordnete Peter Rzepka, einer der ersten, der das in seinem Wahlkreis liegenden Gelände besuchte, konnte inzwischen hoffentlich Dieter Hapel zurückpfeifen. Ob es ihm wirklich gelungen ist, wird man bei der BVV-Sitzung diese Woche erleben können. Foto: Juppy im Gespräch mit Peter Rzepka, ein Bild aus heutigen Tagen.

Positive Reaktionen aus dem Bezirk, dazu ein breites Presse-Echo, haben die Pläne der Fabrik der Realisierung näher gebracht. Bleibt nur noch ein Schlusswort, nämlich die Aufforderung an alle Verantwortlichen, an der Sache dran zu bleiben. Das Interesse darf durch die bevorstehende Sommerpause nicht verflachen, weder das der Politiker noch das der Presse bzw. Öffentlichkeit. Eine Grundschule, ein kommunales Kino und Räumlichkeiten für diverse kulturelle Veranstaltungen stehen für Tempelhof auf dem Spiel. Ein hoher Preis.

Ed Koch (Einige Textpassagen entstammen der Internetseite der ufaFabrik)



  
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